Grünweiß ist ein Fußballstammtisch von Werder-Fans für Werder-Fans.
Du kannst ihn bei iTunes als Podcast abonnieren.

13. Grünweiß-Stammtisch: Saisonrückblick

In der letzten Ausgabe des Grünweiß-Stammtischs für diese Saison haben sich Anna und Tobias mit Stephen vom Papierkugel-Blog unterhalten. Gemeinsam haben sie eine wenig erfreuliche Werder-Saison Revue passieren lassen und einen Ausblick auf die neue Saison gewagt. Das Ergebnis gibt es hier wie immer zum Nachhören als Podcast:

Play

Nach Saisonschluss: Leere

Es ist seltsam, an den Herzensverein zu denken und dabei das Gefühl zu haben, blind zu sein. Ich kann die Farben kaum noch erkennen. Das Weiß vielleicht, das liegt noch irgendwo in der Leere, die da vielleicht seit Rückrundenbeginn, spätestens aber seit Saisonende ist. Aber das strahlende Grün, ich weiß nicht, woher ich das nehmen, wo finden, wo hineinhoffen soll. Und wenn ich ehrlich bin, dann fühlt sich auch diese Ungewissheit nicht weiß und nicht füllbar an. Nicht wie eine unbemalte Leinwand. Ich fühle nicht diesen unverkennbaren Duft, der einem um die Nase zieht: Der von frischer Farbe. Von Veränderung. Davon, dass das Weiß langsam bunt wird.
Nein, wenn ich ehrlich bin, fühlt sich diese Ungewissheit nicht an wie Hoffnung und nicht wie ein Anfang. Eher wie ein tiefes Schwarz. Und wenn ein Anfang, dann der vom Ende.

Was soll man schreiben, wenn man jetzt zurückblickt, auf die schlechteste Rückrunde der Vereinsgeschichte? Auf eine Halbzeit wie ein Europakanditat und eine wie ein Absteiger? Was soll man hoffen, wenn die Saison ein einziger stetiger Abstieg war, von irgendwo mitte oben zu ganz tief unten? Nur gefühlt, sagt der Blick auf die Tabelle. Nicht ganz unten, da sind schon andere. Und irgendwo stimmt es ja aber doch so nicht. Die Tabelle lügt doch. Mindestens ein bisschen. Denn Mittelfeld der Liga, erste Tabellenhälfte, so hat es sich nicht angefühlt. Und was soll man auch fühlen, wenn ein Rückschritt nach dem Anderen kommt? Und nichts erkennbar ist, was hoffen lässt, dass da irgendwo auch ein Wendepunkt ist? Aber woher sollte der auch kommen? Oder von wem?

Und nach dieser Saison interessieren mich nicht die unklaren Worte von den einen und die klaren Worte von den anderen verantwortlichen und nichtverantwortlichen, der Sportler, der Nichtsportler, des Sportdirektors, der Journalisten. Denn was nützen diese Worte schon? Und es bleibt alles beim Alten, denn woher soll auch ein Weg kommen, wenn die, die ihn beschreiben müssten, sehen müssten, am Ende doch nur schweigen?

Ja, was bedeutet es, das Thomas Schaaf schweigt? Ist es Müdigkeit, Erschöpfung, die da aus ihm spricht? Ist er vielleicht doch am Ende sprachlos? Oder ist es das gleiche Nichtssagen, was er schon immer hatte? Ist da denn noch etwas in ihm, was er für sich behält? Oder ist er innen ebenso sprachlos wie nach außen? Ist er – und das ist zweifellos das Schlimmste, was er sein kann – am Ende ebenso ratlos wie jeder andere?

Was muss passieren, damit das Schweigen aufhört?
Wann wird zwischen den Worthülsen und inhaltsleeren Satzzwischenräumen, zwischen dem Stirn-in-Falten-legen und dem Betreten-zu-Boden-gucken wieder etwas wie die Idee eines Weges zu erkennen sein? Irgendetwas, dass nur irgendwie zeigt, dass irgendeiner dieser ganzen Menschen, die an dem, wie es ist, tatsächlich etwas ändern können (Und so gerne Fans sich in dem Glauben wiegen, sie könnten etwas ändern: Sie können es nicht.), eine Idee hätte, wie es weitergehen soll. Dass auch nur irgendeiner von ihnen eine Vision hätte, Gründe hätte, für Hoffnung und dafür, dass die Zukunft eine bessere ist. Dass wenigstens einer von ihnen wirkte, als hätte er einen Plan, wie man aus dieser Krise (Und wider des Tabellenplatzes ist es zweifelsohne eine existenzielle, mindestens, wenn man sich die Rückrunde als Hinrunde der Folgesaison vorstellte.) herauskäme. Dass jemand vielleicht auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, wie all das, was schiefgelaufen ist, in Zukunft nicht mehr oder wenigstens ein bisschen weniger schiefgehen könnte.

Diese Ungewissheit ist lähmend. Ich kann nicht über die nächste Saison nachdenken, wenn alles, was bekannt ist, Abgänge sind. Vielleicht werde ich hoffnungsreicher, wenn erst einmal auch Neuzugänge benannt werden. Denn derzeit, da ist es schwer auch nur irgendein Bild vor Augen zu haben, wenn man versucht, an die Werder-Elf des nächsten Fußballjahres zu denken. Natürlich gibt es Namen, die bekannt sind. Teilweise Namen, die bereits hier in Bremen sind und auch in der vergangenen Saison für Zukunftsfrohsinn sorgen konnten. Jungspieler, die gut sind, und besser werden (Trybull, Füllkrug, Hartherz). Neueinkäufe, die sofort und in unterschiedlicher Ausprägung durch menschliche, spielerische und kämpferische Qualitäten zu überzeugen wussten (Sokratis, Affolter, Junuzovic, Ignjovski). Zweittorwärte, die ich schon länger in den Himmel gelobt und zum Ersttorwart der grünweißen Zukunft berufen habe (Mielitz). Und natürlich Namen, die man munkelt. Aber was nützen schon gemunkelte Namen? Was nützen denn diese ganzen Vielleichts? Was nützt eine Zukunft in Seifenblasen? Am Ende bleibt nur das Abwarten.

Und das ist es ja auch, was das Fansein so unglaublich anstrengend macht:
Das ständige Danebenstehen und zum Zuschauen verdammt sein. Dieses Gefühl, mehr als jeder andere unter Entscheidungen zu leiden, an denen man nicht einmal ansatzweise beteiligt ist. Und diese Macht- und Hilflosigkeit ist es, die in Zeiten wie diesen radikal in Verzweiflung umschlägt. Denn es braucht viel Vertrauen in die Verantwortlichen, um diese eigene Tatenlosigkeit widerstandslos akzeptieren zu können. Ein Vertrauen, was lange Zeit unumstößlich in Bremen herrschte. Und was nun fehlt. Weil die Entscheidungsträger ebenso ratlos wirken wie jeder Außenstehende.

Und wie kann dass denn die Angst nehmen? Woher soll denn Vertrauen kommen, wenn niemand zu wissen scheint, was zu tun ist? Wenn sogar niemand zu wissen scheint, was er tut? Wenn niemand derjenigen, die einen neuen Weg finden, einschlagen und verfolgen müssen, überhaupt einen Weg zu sehen scheint? Wie soll man hoffen können, wenn selbst Spieler und Trainer und Sportdirektor zwar erzählen können, was alles falsch gelaufen ist, nicht aber, wie man mit dem Falschlaufen aufhört?
Und wie man neu anfangen will, laufen zu lernen?

Es ist seltsam, an den Herzensverein zu denken, und dabei das Gefühl zu haben, blind zu sein. Für die Zukunft. Für all die Gründe, die es doch noch irgendwo hier geben muss, dafür, dass alles besser wird. Und das wird es doch: Alles besser, oder?
Aber nach Saisonschluss ist nur Leere. Nicht Hoffnung und nicht Vorfreude, nicht Neugier, keine Ungeduld. Ich bin nicht neugierig, auf das, was mich nun erwartet. Ich bin nicht ungeduldig, darauf, dass endlich die nächste Saison beginnt. Ich bin nicht vorfreudig, auf das, was nun passiert. Was nun noch kommt, scheint nicht im mindesten verlockend. Es scheint nichts zu warten als Krisenfortsetzung und Abstiegsangstwiederaufnahme.

 

Das Ende einer Saison – Der Anfang eines neuen Tiefs?

Die Saison ist vorbei. Endlich, möchte man beinahe sagen.
Nach der Fastabstiegssaison 2010/11 sollte in der Saison 2011/12 alles anders, alles besser werden.
Ekici sollte endlich die Lücke schließen, die Özil seit seinem Wechsel zu den Königlichen hinterlassen hatte.
Lukas Schmitz und perspektivisch auch der U19-Meister Florian Hartherz sollten die traditionelle Problemzone des Linksverteidigers bei Werder lösen.
Andreas Wolf und insbesondere Sokratis Papastathopoulos (so schwer ist der Name echt nicht…) sollten die Abwehr stabilisieren, in der mit Per Mertesacker eine weitere Stütze ging.
Der Abgang Frings’ sollte intern durch die bereits vorhandenen Bargfrede und Wesley aufgefangen werden, mit Aleks Ignjovski hatte man sich zudem nach ewig langem Hickhack, das eine semi-Legendenbildung im Worum zur Folge hatte, die Dienste eines weiteren Mittelfeldtalents gesichert.
Die Abhängigkeit von Claudio Pizarro im Sturm wiederum sollte durch die Rückkehr des “Millionenbergs” sowie den geläuterten Marko Arnautovic und das junge Talent Lennart Thy reduziert werden.

Die Verpflichtung von Tom Trybull, eines defensiven Mittelfeldmannes von Hansa Rostock, geriet dabei ebenso in den Hintergrund wie das Drängen Levent Ayciceks und Özkan Yildirims in den Profikader – bei letzteren Beiden aufgrund schwerer Verletzungen.

Soweit zur Theorie.

Der Saisonbeginn

In der Realität flog Werder in der ersten Pokalrunde gegen Heidenheim raus, Tim Borowski, Stabilisator der vorigen Rückrunde, spielte erst sein vielleicht schwächstes Spiel im Werderdress und verletzte sich dann wieder schwer – er fiel bis zum letzten Spiel gegen Schalke aus, wo er wiederum vom Verein verabschiedet wurde, denn sein Vertrag lief aus.
Auch wenn er bereits im Stadion (auch von mir) gebührend verabschiedet wurde, so komme ich an dieser Stelle dennoch nicht drum rum:

Danke, Tim Borowski. Danke, für 15 Jahre Werder im Herzen. Danke, für zahlreiche tolle Spiele, viele Tore, unvergessliche Erlebnisse, echte “Werder Momente”. Danke, du alter Double-Held. Du wirst immer ein Teil von Werder bleiben!

Was anschließend folgte war ein Saisonstart ohne Claudio Pizarro – schon wieder fiel der Peruaner verletzt aus, in den Medien galt Werder bereits als Kandidat für den Abstiegskampf.
Man begrüßte den FCK im Weserstadion – und gewann 2:0. Der Auftakt einer bärenstarken Heimserie in der Hinrunde, mit nur einer einzigen Niederlage gegen den damaligen und heutigen Meister Borussia Dortmund. Alle anderen Heimspiele wurden gewonnen, die Hinrunde beendete man nach vielen knappen und umkämpften Siegen, die geprägt waren von einer bärenstarken Moral und unbedingtem Kampfgeist auf dem fünften Platz hinter Bayern, Dortmund, dem Überraschungsteam der Saison Gladbach und Schalke 04.
Eine auf dem Papier starke Hinrunde, die jedoch dadurch getrübt wurde, dass nur wenige Spiele wirklich überzeugend gewonnen wurden (bspw. gegen den HSV oder den VfB) und man sich in den letzten drei Spielen je drei Klatschen mit einem Torverhältnis von 1:14 abholte.

Dennoch: Werder hatte die Kritiker Lügen gestraft. Man war kein Abstiegskandidat, doch man war auch kein Spitzenteam. Insgesamt war es eine Situation, mit der man leben konnte, befand man sich doch im Umbruch.
Bis dahin waren die Gewinner der Hinrunde bei Werder klar auszumachen:
Einerseits Clemens Fritz, der durch die Versetzung Sokratis’ auf die Rechtsverteidigerposition endgültig ins Mittelfeld verschoben werden konnte und dort das Mittelfeld defensiv stabilisierte und die überzeugendsten Leistungen seit seiner Nationalmannschaftsform von damals zeigen konnte.
Dann wiederum der bereits erwähnte Sokratis, der als gelernter Innenverteidiger den besten Rechtsverteidiger seit Fritz’ Topform mimte und binnen kürzester Zeit zum Publikumsliebling avancierte.
Andererseits Claudio Pizarro, der nach Auftaktverletzung schnell ins Team zurückfand und seine bisher beste Hinrunde für Werder spielte. Zahlreiche Tore, Doppelpacks, Spiele, die er quasi im Alleingang gewann oder rettete, überzeugende Leistungen.
Zu guter Letzt Aaron Hunt, der auf den Halbpositionen der Raute endlich seine Idealposition fand und viele gute Partien ablieferte, dem Werder Spiel Sicherheit verlieh und endlich anfing, Verantwortung zu übernehmen. Es schien die Saison des Aaron Hunt werden zu können, doch es sollte nicht passieren: Erst brannten ihm die Sicherungen durch und er holte sich bei der Niederlage gegen Bayern vorzeitig sein Urlaubsticket ab, dann kam es wie immer in der Karriere des Aaron Hunt: Er verletzte sich und fiel die komplette Winterpause sowie den Großteil der Rückrunde aus. Fit meldete er sich erst – ausgerechnet, möge man hier denken – zum Rückspiel gegen Bayern. Dort zeigte er ein überzeugendes Comeback und lässt als einer der wenigen Spieler hoffen, doch das kommt später.

Ebenfalls erwähnt sei hier die Rückkehr von Naldo, der nach gefühlt tausendjähriger Pein sein Comeback für Werder geben durfte und auf Anhieb überzeugte. Seine Rückkehr im Derby war ein klassischer Gänsehautmoment – ob nun im Stadion oder vor dem TV.

Die Verlierer der Hinrunde wiederum waren weniger deutlich auszumachen, fielen doch recht wenige Spieler deutlich ab. Genannt werden können hierbei in erster Linie Ekici, der – auch aufgrund von augenscheinlich mangelnder Fitness – weit hinter den Erwartungen zurückblieb sowie Wesley, der es nur auf drei Einsätze brachte, dabei trotz recht hoher Effektivität wenig überzeugend auftrat und dies scheinbar auch nicht mit guten Trainingsleistungen ausgleichen konnte.
Mit Abstrichen ist zudem Marko Marin zu nennen, der nach starkem Saisonbeginn aufgrund von kleineren Verletzungen schnell aus der Form geriet und sich mehr und mehr in kopflose Dribblings verzettelte, ohne Tor blieb und lediglich drei Torvorlagen beisteuern konnte.

Die Winterpause

In der Winterpause geschah traditionell recht wenig, zumindest verglichen mit anderen Vereinen (Wolfsburg, zum Beispiel):
Andi Wolf durfte nach halbjährigem Werder Intermezzo wieder gehen, es zog ihn nach Frankreich zum AS Monaco, nachdem er sich kurz vorher bereits verletzte. Über seine Leistung schreibe ich an dieser Stelle bewusst nichts, da ich kein Fan dieser Art von Innenverteidigern bin. Deshalb belasse ich es bei Folgendem: Er hat gekämpft, immer. Menschlich ein feiner Kerl, danke Andi!
Der Ersatz für ihn war dabei der junge Schweizer Francois Affolter von BSC Young Boys, seines Zeichens U21-/A-Nationalspieler der Schweiz, je nach Gusto des Ottmar Hitzfeld.
Affolter galt und gilt als talentierter, moderner Innenverteidiger mit Stärken in der Ballbehandlung, Geschwindigkeit und Spieleröffnung, dafür jedoch auch sichtbaren Schwächen im körperbetonten Zweikampf sowie dem Kopfballspiel.
Kurzum: Er war das komplette Gegenteil von Wolf.

Nachdem Hunts Verletzung sich schnell als potenziell langwieriger herausstellte, wurde mit Zlatko Junuzovic ein weiterer Spieler aus Österreich verpflichtet, genauer vom FK Austria Wien.
Junuzovic sollte als offensiver Mittelfeldspieler für mehr Kreativität sorgen und insbesondere die Breite der Kreativabteilung erhöhen, nachdem sowohl Marin als auch Ekici bisher hinter den Erwartungen zurück blieben.

Für deutlich mehr Spannung sorgten bei Werder daher nicht die tatsächlichen Transfers, sondern viel mehr die Gerüchte:
Claudio Pizarro wurde vermehrt mit anderen Clubs in Verbindung gebracht, was von ihm durch Aussagen wie “ich weiß nicht was passiert, man muss abwarten und sehen was passiert” mustergültig angeheizt wurde.
Pizarro verlor seine mediale Aufmerksamkeit allerdings schnell an die beiden Brasilianer Werders: Wesley und Naldo.
Die Gründe hierfür war eine an Lächerlichkeit kaum zu überbietende Transferposse seitens brasilianischer Vereine:
Palmeiras und Atletico de Mineiro lieferten sich ein Tauziehen um Wesley, bei dem am Ende Palmeiras den vermeintlichen Zuschlag erhielt. 6 Millionen Euro standen als Ablösumme im Raum, abzuzahlen in drei Raten á 2 Millionen Euro.
Gedauert haben diese Verhandlungen sage und schreibe zwei Monate, weil man lange Zeit keine anständige Bankbürgschaft auftreiben konnte.
Irgendwann wurde dies jedoch geklärt, Wesley wechselte und wurde alsbald von seiner Werder Vergangenheit eingeholt: Kreuzbandriss, mehrere Monate Pause.
Gute Besserung an dieser Stelle Wes, das wünscht man niemandem.

Überboten wurde dieses Hickhack jedoch noch vom Baggern brasilianischer Vereine an Naldo.
Ganz im Stile des Austin Powers Erzfeindes Dr. Evil kam eine Delegation nach Bremen und bot für Naldo sagenhafte one million dollars Euro.
Ein lächerliches Angebot, das von Klaus Allofs medial wie folgt kommentiert wurde: “Nur weil ich nett war, habe ich ihn [den Klub-Agenten] nicht sofort rausgeworfen.”

Ja, das war schon eine witzige Geschichte.
Naldo wiederum blieb – und fiel bis zum Spiel gegen Gladbach aus. Typisch, irgendwie.

Das positive Ereignis der Winterpause war das Aufrücken Tom Trybulls – des Spielers, den vorher nur diejenigen auf dem Schirm hatten, die ihn in der U23 (oder vorher) spielen sahen.
Ein Spieler, von dem ich binnen kürzester Zeit zu einem waschechten Fanboy wurde.
19 Jahre alt, mittlerweile Stammspieler im zentralen defensiven Mittelfeld der Werderraute.
Ein Spieler, der eine ungeheure Spielintelligenz und Übersicht aufweist, in der Lage ist, klare öffnende und strukturierte Pässe zu spielen, unter Druck die Ruhe zu bewahren und sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen.
Kurzum: Ein Spieler, der von den Anlagen her wie geschaffen scheint für die 6er Position, wenn er physisch zulegt.
Doch ich greife wieder vor…

Die Rückrunde

Ich fass mich kurz: Was für eine ……..

Doch langsam:
Werder startete nach einem traditionell schwachen Wintertrainingslager samt obligatorischer Niederlagen auswärts gegen den FCK in die Rückrunde.
Als Lehren der Hinrundenabschlussdebakel sollte dabei die Abwehr stabilisiert werden: Fritz rückte vom Mittelfeld zurück auf die Rechtsverteidigerposition, Sokratis in die Mitte. Dort bildete er aufgrund von Naldos Verletzung ein Duo mit Sebastian Prödl.
Dieses Duo wirkte solide, bis Kouemaha sich dazu entschied, Prödl das Nasenbein zu brechen.
Eine Szene, die für mich das größte Armutszeugnis eines Schiedsrichters in dieser Saison darstellt.
Das wäre noch halbwegs zu verschmerzen, hätte der Schiedsrichter seinen Fehler danach wenigstens eingesehen und sich entschuldigt. Fehler können passieren, dafür reißt einem niemand den Kopf ab.
Doch stattdessen entschied sich der nette Herr so zu tun, als habe er die Szene gar nicht gesehen – trotz eindeutiger Fernsehbilder, die ihn dabei zeigen, wie er
1) Direkt das Geschehen ansieht
und
2) Die Pfeife bereits im Mund hatte, sie dann jedoch rausnahm.

Werder hätte in dieser Szene einen Elfmeter und Kouemaha einen Platzverweis erhalten müssen – beides blieb aus, stattdessen musste Prödl ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Das Spiel endete 0:0, immerhin blieb man ohne Gegentor.
Es folgte der Beginn des Bremer Jugendwahns:
Gegen Leverkusen startete Werder mit einer der jüngsten Werdermannschaften aller Zeiten.
Florian Hartherz, Tom Trybull, Francois Affolter, so hießen die neuen Jünglinge Werders, vermeintlich neue Gesichter eines vermeintlich neuen Werders.
Das Spiel war hart umkämpft, leidenschaftlich geführt, von den Fans leidenschaftlich unterstützt und es endete Unentschieden, wie so oft zwischen Leverkusen und Werder.

Zwei Punkte aus den beiden Auftaktpartien, für Werderverhältnisse ein guter Rückrundenstart doch die Zweifler mehrten sich.
Im Anschluss spielte man wieder Unentschieden, diesmal auswärts gegen Freiburg.
Dann wieder Unentschieden, zu Hause gegen Hoffenheim.
Vier Punkte aus vier Spielen, man verlor den Anschluss nach oben, wo man doch eigentlich auf die Champions League schielen wollte.
Dann war wieder Derbyzeit und Thomas Schaaf überraschte viele Kritiker mit einer taktisch bestens eingestellten Mannschaft um die dabei herausragenden Wiese (typische Derbyform), Sokratis, Trybull und Marin.
Man gewann verdient mit 3:1, brach den Fluch der orangenen Auswärtstrikots und wollte endlich eine Aufholjagd einläuten.
Was folgte, war die große Ernüchterung:
Viele Unentschieden, viele Niederlagen.
Nur ein einziger weiterer Sieg gelang, wieder im Derby, zu Hause gegen Hannover 96 mit 3:0.

Claudio Pizarro wirkte die gesamte Rückrunde über unfit, fand nie zu seiner Hinrundenform und spielte oftmals ganz schwach.
Über der Mannschaft schwebte konstant die bei vielen unsichere Vertragssituation, es kamen weitere kleinere und schwerere Verletzungen hinzu: Marin, Ekici, Bargfrede, Hartherz, Arnautovic, u.A..

Am Ende stehen nun 13 Punkte aus 17 Partien in der schlechtesten Rückrunde der Vereinsgeschichte und die erneut verpasste Qualifikation fürs internationale Geschäft.
42 Punkte hat man zum Abschluss auf dem Konto, 41 waren es in der Vorsaison, in der man bis zum Schluss gegen den Abstieg spielte.
Selbiges hätte erneut passieren können, wären die anderen Vereine nicht ähnlich schlecht gewesen.
Unter dem Strich steht: Saisonziele verpasst. Zum zweiten Jahr in Folge.

Endlich vorbei

Nach Saisonende mehrt sich nun die Kritik, die Rufe nach Veränderungen werden lauter in Bremen.
Die einen schieben es ganz simpel auf die Raute und fordern einen Systemwechsel, der ihrer Meinung nach alles besser machen würde.
Das wiederum ist mir viel zu simpel, beschreibt es doch keinesfalls die Probleme Werders im Detail sondern dient nur einer oberflächlichen, in meinen Augen unreflektierten Stammtischkritik.
Andere schieben es auf die Verletztensituation, was mir ebenfalls zu einfach ist, schließlich muss man sich hier mittlerweile fragen, wo dafür die Gründe liegen.

Ebenso simpel ist die Kritik eines gewissen Jörg Wontorra, der auf Stammtischniveau – da muss ich den Vereinsoffiziellen sogar mal zustimmen – den Verein in Frage stellt.
Dabei meine ich in erster Linie seine oberflächlichen Parolen wie “frischen Wind reinbringen” oder “der Fisch stinkt am Kopf zuerst”.
Ein Journalist mit Anspruch sollte Reflektierteres zustande bringen.
Getoppt wird das nur von albernen Verbesserungsvorschlägen, wie beispielsweise Thomas Schaaf als Sportdirektor und Holger Stanislawski als neuem Trainer.
Bei aller Sympathie zu Stani, so hat er in der ersten Liga doch noch rein gar nichts gezeigt und stellt keinesfalls eine Verbesserung zu Thomas Schaaf dar, was in meinen Augen die Voraussetzung für einen Trainerwechsel ist, den ich – wie hier geschildert – ebenfalls befürworte.
Nein, die Probleme Werders sind deutlich weitreichender:
- Defizite in den taktischen wie spielerischen Basics (Passspiel (Druck und Präzision), Laufwege, Vor- und Rückwärtsbewegung, Nachrücken, Pressing, Unterstützung im defensiven wie offensiven Zweikampf)
- Eine nach wie vor ungeklärte Verletztenmisere, die definitiv nicht nur auf Pech zurückzuführen ist. Hier muss ganz klar die gesamte medizinischen Betreuung durchleuchtet werden.
- Eine unausgewogene Kaderzusammenstellung, die scheinbar zu wenige passende Spielertypen für Schaafs Verständnis vom Fußball bietet.
- Erhebliche Formschwächen einzelner Spieler, überwiegend der verdienten Spieler (Pizarro/Fritz in der Rückrunde, mit Abstrichen Wiese und Rosenberg (in der Hinrunde))
- Eine schwache Hierarchie, die zu wenige Führungsspieler beeinhaltet. Zu nennen sind hierbei lediglich Fritz, der jedoch selten gut spielt sowie Prödl. Pizarro und Naldo versagen hier aufgrund ihrer Wechselbekundungen auf ganzer Linie, ebenso Sokratis (trotz großer Sympathie) und Wiese.
Rosenberg hat zwar nebst einer guten Rückrunde auch menschlich eine tadellose Saison abgeliefert und wieder bewiesen, wie sympathisch er ist, ein “Leader” im klassischen Sinne ist er jedoch nicht.

Es bleibt daher zu konstatieren, dass eine Menge getan werden muss in Bremen.
Offensichtliche Problemzonen im Kader müssen behoben (RV, OM/ZM, ST, Führungsspielerproblematik), Abgänge (Wiese, Marin, Piza, Rosenberg) ersetzt werden, gleichzeitig muss jedoch der Gehaltsetat aufgrund der verpassten sportlichen Ziele weiter gesenkt werden.
Dabei muss jedoch keiner denken, man sei finanziell schlecht aufgestellt. Das mag von den Medien gerne so publiziert werden, stimmt jedoch nicht.
Nach den Abgängen wurde der Gehaltsetat bereits jetzt erheblich gesenkt, Neuzugänge dürften teils deutlich weniger verdienen, durch Marin und Wesley konnte man zudem einiges an Ablösesummen generieren.
Man darf keine große Transferoffensive erwarten, zumal man aufgrund der Notwendigkeit vieler Transfers ohnehin eher nach günstigeren Spielern Ausschau halten wird, jedoch braucht in Bremen keiner befürchten, dass der Kader aufgrund finanzieller Zwänge gar nicht verstärkt werden könne.

Hoffnung auf eine bessere nächste Saison oder zumindest eine gewissene Vorfreude erwecken bei mir in erster Linie Trybull, Hunt, Sokratis, Hartherz, Füllkrug, Mielitz und Aycicek.
Man hat viele junge, talentierte Spieler, aus denen gute Bundesligaspieler werden können.
Was fehlt sind momentan die Führungsspieler, die ihnen bei der Entwicklung helfen.
Diese gilt es, unter Anderem, zu verpflichten.
Es muss eine gute Balance gefunden werden, eine positive Stimmung im Team und im Umfeld erweckt werden, man muss sich insgesamt aufs Schärfste hinterfragen, die richtigen Hebel umlegen und sich den ***** aufreißen, dann bin ich davon überzeugt, dass die nächste Saison besser wird.

Noch habe ich Vertrauen in das Team, zumindest in manche.
Ich hoffe inständig, dass ich nicht enttäuscht werde.

Dennoch, einer Sache bin ich mir bewusst:

Egal was auch passiert, ich stehe zu diesem Verein – in guten wie in schlechten Zeiten.
Das, was ich als Fan tun kann, das werde ich tun. Ich werde diese Mannschaft unterstützen, ich werde sie anfeuern, ich werde mitfiebern.

Lebenslang Grün-Weiß!

12. Grünweiß-Stammtisch: Ratlos und resigniert

Die 12. Ausgabe des Stammtischs ist da. Eigentlich wollten wir uns thematisch auf das Spiel gegen den FC Bayern beschränken, doch es ist uns nicht gelungen. Letztlich gab das Spiel zu wenig her und ist die Resignation zu groß, um alle anderen Dinge auszublenden. Und so haben wir dann doch all die Themen abgeklappert, die derzeit auch anderswo heißt diskutiert werden: Probleme des Systems, Trainerdiskussion, Struktur des Vereins, Aussichten für die Zukunft. Das Ergebnis ist ein eher düsteres Bild. Wenn selbst Berufsoptimistin Anna nicht mehr positiv in die Zukunft schaut, dann steht es um Werder Bremen nicht gut.

Anhören könnt ihr euch den Stammtisch wie immer hier:

Play

Kurzfristig denken

Selten war die Euphorie vor einem Spiel gegen die Bayern so gering. Derzeit scheint alles andere wichtiger zu sein. Die Saison wurde bereits abgehakt. Die Europa League ist zwar noch möglich, doch dran glauben mag keiner mehr. Das ist auch gut so. Heute ist kein Tag, um an die Zukunft zu denken.

Heute ist es egal, ob und wann Claudio Pizarro seinen Wechsel zu den Bayern bekannt gibt. Heute ist es egal, wohin Tim Wiese wechseln wird. Heute ist es egal, ob es eine gute oder schlechte Entscheidung war, mit Clemens Fritz zu verlängern. Und heute ist es auch egal, wie man die Arbeit von Thomas Schaaf und Klaus Allofs bewertet.

Das einzige, was heute wichtig ist, ist das Spiel gegen die Bayern.

Nicht, weil wir noch in die Europa League kommen können. Davon möchte ich erst wieder etwas hören, wenn wir am 34. Spieltag noch realistische Chancen darauf haben. Deshalb spielen auch die Ergebnisse der anderen Mannschaften keine Rolle. Für Werder geht es darum, sich einigermaßen anständig aus dieser verkorksten Rückrunde zu verabschieden.

Es geht darum, die Ausfälle irgendwie zu kompensieren und aus dem Rumpfkader und den Wiedergenesenen eine Mannschaft zu formen, die den Bayern 90 Minuten lang zumindest einen Kampf bieten kann. Es geht darum, gegen die B-Elf eines Vereins, der in Gedanken schon beim Champions League Rückspiel in Madrid ist, die richtige Taktik zu wählen. Es geht darum, nur an dieses Spiel zu denken, nicht an Punkte, Tabellen oder europäische Wettbewerbe.

Von Spiel zu Spiel denken ist eine beliebte Floskel, doch bei Werder hat man schon länger das Gefühl, das man zu viel von großen Zielen und zu wenig von der nächsten, der für den Moment einzig wichtigen Aufgabe spricht. Natürlich muss die neue Saison geplant werden, müssen Verträge verlängert und Spieler verpflichtet werden. Natürlich müssen auch die derzeitigen Spieler ihre Zukunft planen. Aber nicht heute. Heute zählt nur die Gegenwart. Und die lautet: Bayern München. Wem das für den Moment nicht ausreicht, der hat seinen Beruf verfehlt.

Also rauft euch zusammen, jeder, der eine grünweiße Raute im oder über dem Herzen trägt. Erwartungen gibt es keine mehr. Zu verlieren auch nichts. Aber wir sind immer noch Werder Bremen! Wir sind, wie Arnd Zeigler in Lebenslang Grün-Weiß geschrieben hat, die Guten! Und wir schlagen heute, egal wie und egal warum, die Bayern!

Von Kontinuität und ihren Tücken

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde man in Bremen gelobt.
Für die hervorragende Arbeit, die man angesichts der – im Vergleich zur damaligen Konkurrenz – so bescheidenen Mittel verrichtete.
Für das ruhige Umfeld, das selbst bei kleineren Krisen niemals einen Unruheherd darstellte.
Für den bezaubernden, begeisternden Fußball, den man spielte.
Für die Kontinuität. Die Beständigkeit.
Dafür, dass man anders war als all die HSVs, VfBs, S04s und Wolfsburgs dieser Liga.

Ja, es ist noch gar nicht lange her…

Vor nicht allzu langer Zeit…

…und doch so fern.
Die hervorragende Arbeit, für die Werder so gelobt wurde, ist über die letzten 3-4 Jahre nur noch in der Person von Sokratis zu erkennen.
Ein Spieler, der ohne Eingewöhnungszeit Werders stärkster Rechtsverteidiger seit Fritz’ Galaform wurde – und das, obwohl er doch eigentlich als Innenverteidiger verpflichtet wurde, nur, um in der Rückrunde als Innenverteidiger Mertesacker völlig vergessen zu lassen.
Ein Spieler, der so viel mehr wert ist als für ihn bezahlt wurde.
Ein Typischer Werder-Transfer, sagte man früher. Vor nicht allzu langer Zeit.
Mittlerweile wird in Bezug auf Werders Arbeit viel mehr auf “Flops” hingewiesen.
Die Carlos Albertos, Wesleys und – mit Abstrichen – Arnautovics.
Das ist zugegebenermaßen ebenso richtig wie plakativ und unreflektiert.
Werder hatte “Flops”, ja. Doch wie kam es zu dazu?

Carlos Alberto galt als Toptalent, kam mit riesigen Vorschusslorbeeren und galt bereits nach einer Trainingseinheit als derjenige, der Werder zusammen mit Diego zu Titeln führen würde. Was kam dann?
Konflikte mit seinem Landsmann, der bekräftigte, dass er “nicht mit ihm zusammen spielen” könne.
Einstellungsprobleme, die ihn schnell ins Aus manövrierten.
Etwas über 40 Minuten Einsatzzeit in Pflichtspielen, Skandälchen, eine Ausleihorgie, an deren Ende ein ablösefreier Transfer stand, ein “riesengroßes Missverständnis” eben.
Ein Flop, ja. Aber schwer vorherzusehen.

Der Wesley Transfer wiederum war eine Hängepartie aus dem Lehrbuch, die ersten Einsätze vielversprechend, was direkt Lob nach sich zog.
Dann kamen in den Fanlagern die ersten Zweifel an Wesleys taktischen Kenntnissen auf. Mehr und mehr wurde kritisiert, dass er planlos und vogelwild über den Platz lief. Engagiert zwar, aber letztlich brachte er mehr Unordnung, als dass er half.
Wenig später kam seine Verletzung, die ihn endgültig aus der Bahn warf. Eine lange Pause, ein misslungenes Comeback, eine schwache Vorbereitung. Wieder kam es zu einem Transfer nach Brasilien, diesmal zum Glück ohne Leihe und mit entsprechender Entlohnung.
Hier hätte man besser scouten können, die taktischen Defizite früher erkennen müssen – oder man hat sich überschätzt. Beides spricht gegen die “hervorragende Arbeit”.

Arnautovic hingegen war wieder einer dieser “typischen Werder-Transfers”. Ein Spieler, der bereits als “der neue Andi Herzog” galt, bei Inter landete, eigentlich längst außer Reichweite war. Eigentlich.
Wäre da nicht diese schwere Fußverletzung gewesen, die ihn wieder auf den Markt brachte. Ihn, den neuen Andi Herzog, der für Werder doch eigentlich längst außer Reichweite war.
6,5 Millionen Ablösesumme? Kein Problem für einen Klub, der in der Champions League spielt.
Ein Schnäppchen, war er doch der neue Andi Herzog.
Ihm muss man zugutehalten, dass er in einer Saison kam, in der bei Werder nichts lief. Aus mehreren Gründen, die an dieser Stelle nicht das Thema sind.
Er ist in meinen Augen noch kein Flop. Noch nicht.

Was bleibt noch übrig, von dem Lob?
Richtig, der “begeisternde Fußball”…
Nun, den spielen nun andere Teams. Dortmund zum Beispiel.
Anderes Thema.

Das ruhige Umfeld! Ja, fantastisch, das ist geblieben! Sehr schön. Oder etwa nicht?
Doch, das muss gut sein. Genauso wie die…

Kontinuität

“Jeder spricht von der Bremer Kontinuität als wäre das hier etwas Selbstverständliches, doch das ist es nicht. Kontinuität bedeutet nicht, krampfhaft an – zum Beispiel – dem Trainer festzuhalten. Wir machen das hier nicht aus Spaß, sondern aus Überzeugung. Weil wir davon überzeugt sind, dass es der richtige Weg ist.”
Klaus Allofs, so in etwa, in Zeiten des Erfolgs.

“Es bringt nichts, jetzt den Trainer herauszupicken und auf ihm herumzuhacken, wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen, analysieren und die richtigen Schlüsse ziehen. Es liegt nicht am Trainer, dass es nicht läuft.”
Klaus Allofs, so in etwa, in Zeiten des Misserfolgs.

Ja, diese Kontinuität. Ein seltsames Ding. Faszinierend, wenn sie funktioniert. Tückisch, wenn es mal nicht so ist.

Dann ist plötzlich nicht mehr von der Kontinuität im positiven Sinne die Rede, sondern von “eingerosteten Strukturen” und “Festgefahrenheit” im negativen Sinne.

Zu Recht, wie ich mittlerweile finde.

In der gesamten letzten Saison, in der es über weite Strecken gegen nichts Anderes als den Abstieg ging, stand ich immer und zu 100% hinter dem Trainer. Ich suchte Ausrede um Ausrede. Das fiel die meiste Zeit leicht, weil Werder so viele Verletzte hatte. Mehr Verletzte als alle anderen Klubs. “Das ist doch einfach Pech..”, sagte ich.
“Andere Schiedsrichter hätten den Elfmeter gegeben..”, sagte ich (im Übrigen oftmals zu Recht, doch lassen wir das).
Wie gesagt, das Ausredenfinden fiel leicht. Sehr leicht. Zu leicht, wie sich mittlerweile herausstellt.

Ein Phänomen namens Umbruch

Im Sommer ging ein Ruck durch Bremen. Der Leithammel Frings ging, genauso wie Daniel Jensen, Petri Pasanen und Mertesacker.
Relikte aus glorreichen Zeiten.
Spieler, die der “neuen Philosophie” des Vereins im Weg standen.
Spieler, die man sich “nun nicht mehr leisten könne”, angesichts der bevorstehenden Saison ohne internationales Geschäft.
Dafür kamen Spieler wie Andi Wolf, Sokratis, Lukas Schmitz und Mehmet Ekici.
Außerdem kehrte Rosenberg zurück. Millionenberg, wie er bei seinem Abschied hieß.
Damals, als Werder in der Champions-League Qualifikation gegen Sampdoria spielte – und er das entscheidende Tor schoss.
Millionenberg, ein weiteres Relikt aus glorreichen Zeiten. Einer, der eigentlich nur deshalb blieb, weil man ihn nicht verkaufen konnte.
Einer, der schnell Stammspieler wurde, dann wieder auf der Bank saß und mittlerweile der einzige Spieler ist, der das Tor trifft.

Man sprach vom “Umbruch” in Bremen. Zu Beginn nur zaghaft, später dafür umso häufiger.
Als Ausrede, für die dürftigen Leistungen, nachdem die Verletztensituation relativ entspannt war.
Schon wieder eine Ausrede.
Dabei sollte doch eigentlich alles anders, alles besser werden…

Keine Ausreden mehr

… doch es wurde nur noch schlimmer.
Zu Rückrundenbeginn häuften sich die Verletzungen, mehrten sich die Störfeuer angesichts auslaufender Verträge und verschlechterten sich die Leistungen auf dem Platz.
Die spielerisch ohnehin schon dürftigen Auftritte sanken in ihrer Qualität noch mehr, immer weiter, von Spiel zu Spiel – mit kleinen Ausreißern nach oben.

Jetzt, nach dem 31. Spieltag, stehen 2 Siege in der Rückrunde zu Buche. 2 Siege, 7 Unentschieden und viel zu viele Niederlagen.
Die Siege kamen immerhin gegen die beiden Nordrivalen HSV und, äh, HSV zustande.
Gegen den kleinen HSV gewann man auswärts mit 1:3, den großen schoss man mit 3:0 aus dem Weserstadion.
Vor nicht allzu langer Zeit, da war der “große” noch der “kleine” HSV und andersherum. Mittlerweile spielte der ehemals “kleine” HSV um Europa, der “Dino” gegen den Abstieg.

Dennoch: Das ist zu wenig. Viel zu wenig. Allen Ausreden zum Trotz.

Werder spielt – das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden – wie ein Abstiegskandidat.
Naja, fast.
Freiburg zum Beispiel spielt schöner. Augsburg zumindest nicht schlechter, der EffZeh und Kaiserslautern schon, wie auch immer das geht.
Gegen Ausgburg, Hertha, Mainz, Nürnberg, Kaiserslautern, Köln und Freiburg holte man sagenhafte 4 Punkte. V-I-E-R.
Für ein Team mit Werders Ansprüchen zu wenig. Viel zu wenig.
Selbst in Anbetracht der Verletzenlage.
Mit diesem Kader, mit diesen Spielern, mit diesen Mitteln muss es möglich sein, wenigstens einen einzigen Sieg(!) gegen eines dieser Teams zu holen.
Doch das gelang Werder nicht.
Gegen Kaiserslautern verpasste man einen Sieg gegen ein Team, das vielleicht das einzige Mal in der Rückrunde engagiert und mutig auftrat.
Gegen Freiburg gewann man auswärts nicht, obwohl Werder gegen Freiburg eigentlich immer gewissen muss – dachte man zumindest.
Gegen Hertha wurden man von einem Trainer quasi ausgecoacht, der vor gut 15 Jahren bei Werder tätig war und dessen Ankunft in der Bundesliga mehr belächelt als bewundert wurde.
Gegen Köln scheiterte man unbegreiflicher eigener Passivität.
Gegen Nürnberg und Mainz verlor man nun die zweite Saison in Folge das Heimspiel, nachdem beide Teams zuvor ein sicherer Punktelieferant waren.
Die Partie gegen Mainz war dabei ein taktisches Armutszeugnis, ein Beweis dafür, wie leicht Werder für individuell mittelmäßig besetzte Teams zu schlagen ist, wie naiv man ins offene Messer rennt und an was für Dummheiten man wie selbstverständlich scheitert.

Getoppt wurde das nur vom Spiel gegen Gladbach, in dem man taktisch so unterlegen war wie gefühlt noch nie und das gegen ein Team, das in der letzten Saison gegen den Abstieg spielte – und nun um die Champions League.

Nein, es darf keine Ausreden mehr geben. Man hatte genug Chancen, genug Zeit, genug Mittel. Es sind letztlich nicht die Schiedsrichter, die unsere sportliche Talfahrt verursachten. Auch nicht die Verletzten oder unsere ach-so-geringen Mittel.
Nein, wir sind selbst Schuld.

Danke Thomas, du darfst jetzt gehen

Dass diese Zeilen eines Tages geschrieben werden müssen hätte man sich schon lange denken können. Andere haben es bereits getan, manche werden es sicherlich noch tun, wiederum andere vielleicht nie.

Danke Thomas, du darfst jetzt gehen.

Thomas Schaaf hat, zusammen mit Klaus Allofs, diesen Verein zur zwischenzeitlichen Nummer zwei der Bundesliga gemacht.
Er hat diesen Verein zum Double geführt, ins Finale des damaligen UEFA-Cups und insgesamt sechs Mal in die Champions League. Er hat mehrfach den DFB-Pokal gewonnen, als Trainer zahlreiche Fußballfeste erlebt und verantwortet, er hat sich in Bremen viele Freunde und bis zuletzt nur sehr wenige Feinde gemacht.

Ja, das hat er. Bis vor nicht allzu langer Zeit…

Mittlerweile wird Thomas Schaaf als Sturkopf verschrien. Als Trainer, der sich dem Modernen verschließt, der taktisch hinterherhängt, von Trainerkollegen wie Klopp, Tuchel und Favre abgehängt wurde, der nicht mehr zeitgemäß ist.
Festgemacht wird das am Spielsystem der Raute, was in meinen Augen zu einfach ist.
Natürlich, die Raute ist auf dem Papier nicht modern, sie hat klare Schwächen in Duellen gegen andere, flügellastige Systeme.
Doch sie ist weder ein unausweichliches Zeichen einer Niederlage, noch ist sie Schaafs “Liebling”, den er unbedingt durchsetzen möchte.
Anders als viele andere bin ich der Meinung, dass mit dem momentanen Spielermaterial die Raute das geringste Übel ist, zumal in der Art und Weise, wie Schaaf sie eigentlich spielen lassen möchte: Fluide, schnell, direkt, unberechenbar.

Schaaf ist, war und wird immer ein Befürworter aggressiver, offensiver Spielsysteme sein. Ein Defensivkünstler ist er nicht und war er auch noch nie. Er liebt die Vorstellung des “totalen Fußballs”, was man ihm kaum vorwerfen kann.
Dafür ist die Raute ein System, was in der Theorie besser geeignet ist, als viele andere: Kaum feste Positionen auf dem Spielfeld, ständiges Bilden von Passdreicken, Rochaden, direktes, vertikales (Kurz-)Passspiel.
In der Theorie ist die Raute in der Lage, den Gegner zu überrollen. Ihn völlig aus der Fassung und Ordnung zu bringen, ihn zu zerstören.
In der Praxis funktioniert das leider schon lange nicht mehr, das Gegenteil ist der Fall.
Die Rochaden verwirren eher die Mitspieler, das Passspiel bleibt brotlose Kunst, Raumgewinn erfolgt kaum, das Bilden von Dreiecken wirkt ebenfalls völlig unkreativ, statisch, ungefährlich, insgesamt ist man viel zu unpräzise und harmlos.

Es ist nicht die Raute, für die ich Schaaf kritisiere und nicht die Raute ist der Grund, warum ich möchte, dass er geht.
Nein, es sind die einfachen Dinge, wie der Druck und die Präzision im Passspiel, die mittlerweile jedes Erstligateam können muss.
Eingespieltheit bei Standards, eingeübte Spielzüge, Laufwege, Seitenverlagerungen, Schüsse aus der zweiten Reihe.
Alles Dinge, die jedes gute Team auszeichnen, die man in meinen Augen relativ einfach trainieren kann, die jedoch schlicht und ergreifend bei Werder nicht vorzufinden sind.

Es ist der Plan, der mir fehlt. Ein Konzept. Ich erkenne keinen Weg, nur eine Schlucht.
Ich liebe diesen Verein, ich liebe dieses Team und das wird auf ewig so bleiben. Aufgrund meines Alters habe ich gleichzeitig das Pech, die grandiosen Erfolge unter Rehhagel nicht miterlebt zu haben, sowie das Glück, den Abstieg und das Dasein als graue Maus, als Mittelmaßklub verpasst zu haben. Die Ära des Schreckens um Dörner, Sidka, De Mos und Magath interessierte mich nicht, ist für mich nur eine bekannte vereinshistorische Zeit, keine Erfahrung.
Deshalb fehlt mir vielleicht die Geduld, fehlt mir die Erfahrung.
Mir fehlt aber keinesfalls die Leidenschaft und Hingabe, die andere, ältere Fans für sich beanspruchen.
Mich stört es, ja, mich treibt es in den Wahnsinn, dass dieser, meiner Verein mit sehenden Augen in die Mittelmäßigkeit läuft.
Es ist kein spielerischer Fortschritt zu erkennen, kein Hinterfragen der Probleme, keine Einsicht.
Mir fehlt die Perspektive, die Aussicht auf Besserung, die mich dazu bringen würde, ohne Murren mein Team durch den Abstiegskampf zu peitschen. Das liegt nicht zuletzt auch an der Außendarstellung des Vereins, die immer noch wirkt wie ein bockiges, uneinsichtiges Kind, das nicht akzeptieren will, dass es momentan die Playstation nicht bekommen kann, sondern sich mit dem billigen Spielzeugauto beschäftigen muss.

Was getan werden muss

Das, was in meinen Augen vollzogen werden muss, ist ein klarer Schnitt.
Man muss sich von dem alten Anspruchsdenken verabschieden, ein mittel- bis langfristiges Konzept entwickeln, ein System entwickeln, entsprechende Transferpolitik betreiben und ein neues Team aufbauen.
Man muss das “alte” Werder vergessen, das “Double-Werder”, das bezaubernden Fußball bot.
Man muss eine neue, veränderte Identität entwickeln, die Wurzeln und das eigene Selbst nicht leugnen, sich aber den Neuerungen nicht mehr verschließen.
Die “Werder-Familie” wirkt mittlerweile in der Tat verkrustet.
Lemke wirkt wie ein alter, mürrischer Autokrat, der seinen Thron nicht räumen will, das ehemalige Erfolgsgespann wirkt zumindest auf der einen Seite ratlos.
Ich bin für einen neuen Trainer, nicht irgendeinen x-beliebigen, sondern den richtigen Trainer.
Einen, der zu Werder passt.
Einen, der offensiven Fußball spielen lassen möchte, der die Tradition fortführen möchte, hier langfristig etwas erreichen will, der offen für Neues ist und – so banal es klingt – frischen Wind mitbringt.
Es muss jemand sein, der taktisch bestens geschult ist, der dieses Wissen gut vermitteln kann, der nach Bremen passt, hier ins Umfeld passt, der gut mit jungen Spielern kann – denn darauf muss gebaut werden -, der ein guter Motivator ist.

Namen nenne ich nicht.
Diesen jemand muss die Geschäftsführung und sportliche Leitung finden, denn Thomas ist es meiner Meinung nach nicht.
Dieser jemand muss gefunden werden, sonst war es das auf lange Zeit mit dem erfolgreichen SVW und ich erlebe früher oder später meine eigene “Ära des Schreckens”.

Zum Abschluss sei noch kurz etwas gesagt, was ebenfalls gesagt werden muss:
Thomas Schaaf ist ein fantastischer Mensch, ein Vorbild sondergleichen. Er hat sich jeglichen Respekt verdient und erarbeitet, sticht aus der Welt der Extravaganzen aufgrund seiner Bodenständigkeit und Menschlichkeit hervor, engagiert sich für Hilfsbedürftige und schaut nicht nur auf sich selbst.
Er ist ein fantastischer Mensch und in meinen Augen nach wie vor ein guter Trainer, nur nicht mehr der richtige für Werder und er hat es sich verdient, einen rühmlichen Abgang zu bekommen, ohne Querelen, einen sauberen Schnitt. Er muss gehen, er muss den Zeitpunkt wählen. Ich hoffe, er wählt richtig.
In diesem Sinne:

Danke Thomas, du darfst jetzt gehen.

 

 

 

 

 

Hoffnung gegen die Zweifel

Ich war mir selten so unsicher, ob es richtig ist, ins Stadion zu gehen. Es sind keine sportpolitischen Gründe, es ist nicht so, dass ich an meinem Verein oder meiner Liebe zu ihm, an Aussagekraft des Nichtgehens, des Hingehens, an meiner grundsätzlichen Stadionfreudigkeit, insbesondere meiner Weserstadionfreudigkeit zweifeln würde. Ich bin mir nur absolut nicht sicher, ob es richtig ist, heute abend ins Stadion zu gehen. Und vom Stehplatz aus mit heiserer Stimme und wutumbrüllten Ohren, mit schwankendem Sichtfeld und Schiedsrichterbewertungsgeschrei ein – ja, was eigentlich? – mitzuerleben. Einen Sieg? Erwarte ich nicht. Ein Unentschieden? Hilft ja nicht. Eine Niederlage? Und darüber will ich gar nicht erst nachdenken.

Irgendwo zwischen Punktverlusten, glücklichen Punktgewinnen, die trotzdem zu wenig sind, Torchancenminderung und Fehlpassquotensteigerung, zwischen Verletztenlisten und Vielleicht-geht-es-jetzt-endlich-aufwärts und  dem stetig folgendem Nein-nicht-nicht-wirklich-und-so-auch-ganz-bestimmt-nicht-nach-Europa ist mir mein Optimismus abhanden gekommen. Das ist vielleicht nicht völlig neu, aber doch zweifelsohne ungewöhnlich. Im Normalfall fallen mir immer ausreichend Ausreden ein, warum es von nun an anders sein wird. Und das ist ja auch so ziemlich das einzige, was mich durch die gesamte letzte Saison getragen hat. Der pure Glaube daran, dass es besser wird. Dass der richtige Weg eingeschlagen ist. Dass eine Wende kommt. Dass doch noch alles gut wird. Ok, letzte Saison, da war “Alles Gut” am Ende vor allem der unerschütterliche Glaube daran, dass wir nicht würden absteigen müssen. Dass dieser eine Tag, und es war ja noch nichtmal ein ganzer, der auf dem Abstiegsrang, nicht nochmal vorkommt und vor allem nicht am Ende steht. Dass das alles nicht wahr sein kann. Und der Abstieg nur ein Gespenst bleibt, irgendwo zwischen Wahnvorstellung und Albtraum. Und ich habe jede Niederlage nur umso erbitterlicher gehofft. Und mir Gründe für die Wende ab nächstem Spiel und bis zum Rest der Saison zurechtgelegt.

Aber was ist denn diese Saison dieses “Alles Gut”? Ich kann nicht mal sagen, ob es ein Fünf-Pässe-in-Folge-wären-mal-wieder-was ist, oder vielleicht vielmehr ein Ich-will-nach-Europa-und-zwar-das-außerhalb-Deutschlands. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das “Alles Gut” eher eine spielerische Fortentwicklung, das Wiederauferstehen der Verletzten oder ein Tabellenplatz ist. Und ich bin mir absolut nicht sicher, ob da hinter diesem Hoffen-müssen, zu dem man als Fan einer Mannschaft ja irgendwie immer gezwungen ist, noch der Glaube steht. Ich zweifel. Ich bin das nicht gewohnt, zu zweifeln. Aber nach so vielen Prophezeiungen. Nach so vielen Spielen, in denen ich geglaubt habe, dass es jetzt endlich alles etwas besser passt. Dass man nur weiterarbeiten müsse, dass dann Automatismen kämen und das Spiel endlich stimmiger, schneller, sicherer, kreativer würde, dass dann wieder mehr Tore auf der Haben-Seite stehen würden und die Gegentore könnten dann von mir aus so viele sein, wie sie wollen, solange wir immer eins mehr schießen. Und nach all diesen Spielen, in denen ich eine Fortentwicklung gesehen habe, nur um im Spiel darauf wieder alles zu revidieren, schleicht sich langsam die Resignation in meinen Hinterkopf und hat von dort aus ganz unmerklich den Platz eingenommen, an dem Hoffnung und Optimismus und so ein Zeug sonst saßen und die Herrschaft gleich mit. Dann hat sie es sich auf der Neuerwerbung Thron bequem gemacht und lächelt seitdem von dort oben aus ein bisschen auf mein gesamtes Fandasein herab.

Und da sitze ich nun, von Resignation regiert und langsam hält auch die Verbitterung Einzug. Natürlich weiß ich, das Werder immer für Überraschungen gut ist. Dass da oft am Ende der letzten Rückrunden ein unerwarteter Aufschwung kam. Aber ich weiß auch, das Gladbach, Stuttgart, Bayern, Wolfsburg und Schalke starke Gegner sind. Dass wir den Hauptteil der Saison nur mit Glück und schlechten Ergebnissen der Mitstreiter auf den Europaplätzen geblieben sind. Dass es nicht so gut aussieht. Und auch das mit den schlechten Ergebnissen der Mitstreiter nichts ist, dass noch länger Gültigkeit zu haben scheint. Dass es mit dem Glück auch mal zu Ende ist, die Verletztenliste aber noch lange nicht. Dass es für den Rest der Saison, für Europa in der kommenden, einfach nicht so gut aussieht.

Und ich bin absolut nicht sicher, ob es richtig ist, heute ins Stadion zu gehen.
Ich weiß nur, dass ich es werde. Und dass ich hoffen werde.
Hoffen müssen werde. Gegen alle Zweifel. Und zur Not gegen die Realität.
Denn am Ende, da hat man als Fan ja doch keine Wahl.

Auf einen Werdersieg!

11. Grünweiß-Stammtisch: Mittelmaß

Trübe Wochen für Werder. Auch beim 1:1 in Köln konnte das Team nicht wirklich überzeugen und zeigte in einem zerfahrenen Spiel eine dürftige Leistung. Beim 11. Grünweiß-Stammtisch geht es außerdem um die Bremer Verletzungssorgen, den Wechsel von Tim Wiese und die Aussichten vor dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach. Aber auch die Situation des 1. FC Köln war ein Thema, das wir mit Köln-Blogger und “Spielbeobachter” Martin besprochen haben.

Das Ergebnis könnt ihr euch nun hier anhören:

Play

Die Wochen der Wahrheit

Nach dem 0:3 gegen Mainz ist die Stimmung in Bremen auf dem Tiefpunkt dieser Saison angelangt. Man kann fast schon froh sein, dass die Mannschaft die zum Klassenerhalt benötigten 40 Punkte schon sicher hat. Viel mehr werden nach allgemeiner Auffassung nicht mehr hinzukommen.

Gute Ausgangslage verspielt

Selbst ein Auswärtsspiel gegen die ebenfalls krisengeschüttelten Kölner kann da die allgemeine Laune nicht heben. Dabei ist die Tabellenkonstellation trotz des Absturzes auf Platz 8 nicht so schlecht. Nur ein Punkt trennt Werder von Platz 5, drei Tore von Platz 7, der zum Erreichen der Europa League ebenfalls reichen würde. Die Lage ist trotz des verspielten Punktepolsters also alles andere als aussichtslos. Dennoch will davon in diesen Tagen kaum jemand etwas wissen. Zu tief sitzt die Enttäuschung über die verpassten Chancen in den letzten Spielen (nur ein Punkt aus zwei Heimspielen), zu schwer scheint das Restprogramm im Vergleich zur Konkurrenz.

Die Ursachenforschung ist derzeit nicht allzu schwer. Ein Blick auf die Verletztenliste reicht, um den größten Unterschied zwischen dem Werder der Hinrunde und dem der Rückrunde auszumachen. Man ist geneigt, dies als zu einfache Ausrede abzutun, doch der Substanzverlust ist trotz Wintereinkäufen immens und die Kritik an der medizinischen Abteilung wird wieder einmal laut (ein seit 2007 immer wiederkehrendes Phänomen, auf das wir auch beim nächsten Stammtisch eingehen werden). Dazu gesellen sich die üblichen Begleiterscheinungen einer Fußballkrise: Kritik am Trainer, am System, an den Spielern, Transferspekulationen und nun auch der Abgang von Tim Wiese, der – egal wie man ihn sportlich bewertet – keine Flucht des Spielers, sondern eine gewollte Trennung seitens Werders ist.

Sieben Tage entscheiden die Saison

Dabei ist die Kritik an sich nicht falsch. Das Spiel gegen Mainz hat wieder einmal die Schwachpunkte des “System Schaaf” aufgezeigt. Werder war statistisch in allen Belangen überlegen, doch Mainz gewann dank einer cleveren Taktik das Spiel. Dazu leisteten sich Führungsspieler schwere Patzer und es wurde ebenfalls deutlich, dass die jungen Spieler nicht ohne kleinere Formwellen durch die Saison gehen können. Zum Teil ist die Kritik auch Resultat (seit der Winterpause) überzogener Ansprüche, zu denen Werder selbst jedoch eine Menge beigetragen hat. Die Kunst des Tiefstapelns beherrscht man an der Weser schon lange nicht mehr.

So entscheidet sich in den nächsten sieben Tagen in drei Spielen gegen Köln, Gladbach und Stuttgart, wie diese Saison für Werder am Ende gedeutet wird. Eine Platzierung im Mittelfeld wäre angesichts der letzten Saison keine Katastrophe, aber im Hinblick auf die formulierten Ziele und zwischenzeitlichen Platzierungen eine herbe Enttäuschung. Die Qualifikation für die Europa League würde zwar nicht die Probleme vergessen machen, aber den Verein in ruhigeres Fahrwasser lenken. Man könnte es auch anders sehen: Unter diesen Umständen, mit dieser Verletzungsmisere könnte man es als großen Erfolg ansehen, wenn man doch noch die Europa League Plätze erreicht. Dazu passen die bisherigen Leistungen der Rückrunde jedoch nicht. Auf der anderen Seite werden sich in jedem Fall all jene bestätigt fühlen, die seit Jahren Werders Abschied aus der Bundesligaspitze vorhergesehen haben. Dies hat aber nur in wenigen Fällen etwas mit weiser Voraussicht als vielmehr mit statistischer Wahrscheinlichkeit zu tun. Wer lange genug Regen vorhersagt, wird mit seiner Prognose irgendwann richtig liegen. Besonders in Bremen.

Wende gegen strauchelnde Kölner?

Die Lage in Köln ist, wie könnte es anders sein, mal wieder ungleich dramatischer als in Bremen. Unruhe im Verein gehört ebenso zur Domstadt wie besagtes Gotteshaus. Trainer Solbakken hat den Machtkampf gegen Finke zwar gewonnen, doch weitere Erfolgserlebnisse lassen seitdem auf sich warten. Der FC steht momentan auf dem Relegationsplatz und bewegt sich seit Wochen in Richtung Tabellenende, was angesichts der Konkurrenz aus Kaiserslautern und Berlin kein ganz einfaches Unterfangen ist. Am anderen Ende fehlen zwei Punkte bis ans rettende Ufer, die man ihnen aus Bremer Sicht gerne zugestehen würde, wenn dadurch der HSV mal so richtig ins Wasser fällt. Für den Saisonendspurt greift Solbakken nun nach dem letzten Strohhalm und setzte ein Kurztrainingslager an, nicht zuletzt um das Team enger zusammenzurücken. Nicht ins Bild passen da die Aussagen des ausgemusterten Novakovic, der sich nicht zum Sündenbock machen lassen will, während er zeitgleich von Solbakken für seinen professionellen Umgang mit der Entscheidung gelobt wurde. Oder eben doch.

Bei Werder sieht es nach der leichten Erholung letzte Woche personell wieder zappenduster aus. Die Rückkehrer Naldo und Bargfrede stehen mit Muskelfaserrissen bereits wieder auf der Verletztenliste. Für Mehmet Ekici ist nach seiner Leisten-OP die Saison endgültig beendet. Neben der notwendigen Umstellung im Mittelfeld (vermutlich Marin statt Bargfrede und ein Stühlerücken mit Junuzovic und Fritz) wird es wohl auch eine Änderung in der Viererkette geben, wo man Hartherz eine Pause und Schmitz ein Comeback als Linksverteidiger gönnt. Interessant wird die Frage sein, ob Werder die in der Rückrunde eher abwartende Herangehensweise an den Tag legen wird oder angesichts der dringend benötigten drei Punkte und der Kölner Probleme von Beginn an mutiger nach vorne agiert.

Ein Sieg gegen Köln wäre auch deshalb wichtig, weil es auf dem Papier der leichteste der verbleibenden Gegner ist. Danach folgen nur noch Spiele, in denen unter den momentanen Voraussetzungen jeder Punktgewinn als Erfolg zu werten wäre. Auch deshalb winkt Platz 7 nur noch aus weiter Ferne. Doch Werder hat im Saisonendspurt schon häufig das Ruder noch einmal herumgerissen. Am besten fängt man gleich heute damit an.