Über Anna

Anna ist seit Sommer 2010 Werder-Fan und freut sich über ihre erste Saison ohne Abstiegskampf. Sie mag Thomas Schaaf, Markus Rosenberg und Tee in allen Variationen.

Ein grünweißer Liebesbrief

Liebstes Grünweiß,

Ich fürchte, es geht mir nicht gut. Es war nach dem Spiel, da ist es mir aufgefallen. Ich habe schon währenddessen aufgehört zu reden. Aufgehört zu fühlen, fast. Frustration. Ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Es ist wieder so. Es ist auf und ab und mehr ab als auf. Und eigentlich weiß ich, es ist zu früh, Schlüsse zu ziehen. Aber es sind doch schon zwei Jahre. Oder doch nur 7 Tage? Ich weiß es nicht. Ich weiß, es braucht Zeit. Ich weiß, ihr seid jung. Und so noch nie zusammen. Doch es ist schwer, zu glauben. Es fiel mir nie schwer, zu glauben. Nicht an uns.

Es sind Grundsätzlichkeiten, die fehlen. Bei mir und dir. Ich, liebstes Grümweiß, ich bin nicht hemmungslos euphorisch. Und manchmal habe ich mich dabei ertappt, etwas desinteressierter zu sein. Etwas weniger begeistert. Mit etwas mehr Angst als Mut ans nächste Spiel zu denken. Nicht mehr jeden Artikel und jede Verletzung mitzubekommen. Manchmal den Schal erst noch in letzter Minute zum Spielbeginn zu holen. Und manchmal habe ich das Vertrauen verloren, selbst nach Toren, selbst nach dem Inführunggehen. Auch nach all den Pässen, die fast wie Liebesbeweise waren. Habe ich manchmal nur mit halbem Herzen gejubelt.

Aber du bist auch etwas kälter geworden, oder nicht? Und nach dem zweiten Gegentor hast du mich sogar ganz allein gelassen. Allein mit der Wut und mit der Fassungslosigkeit und dem Unverständnis. Und bist stattdessen innerlich schon längst woanders gewesen. Hast meinen Schreien und dann meinem Schweigen nichtmal zugehört. Ich will nicht nachtragend sein. Und ich will dich nicht vergleichen, mit früher, mit dir selbst, weil alles sich entwickelt. Und weil ich jede Entwicklung, jede Änderung und jeden neuen Zug an dir genießen will. Doch etwas fehlt. Und ich weiß nicht, was. Etwas Nähe, etwas Hoffnung. Ein Blick von dir, ein Schritt mehr nach vorne als zurück. Ich will dir Zeit geben, so schwer es mir fällt. Denn innerlich hoffe ich ja doch immer, das beim nächsten Mal alles wieder gut ist. Oder besser.

Aber warum sagst du mir nicht, was du willst? Und komm’ mir nicht mit Champions League! Und rede nicht von vorne. Sag mir, was hinten fehlt. Fang von unten an. Stopf die ewig gleichen Löcher. Wenn alle wieder nur nach oben denken und nach vorne flüchten und Löcher reißen. Ins Spielfeld, da!, ich kann es sogar sehen. Direkt vor der Abwehr! Und ich bin mir sicher, das ist nichts neues, im Gegenteil. Das ist dort schon, seit ich dich kenne. Sag mir nicht, du möchtest attraktiver werden und Dinge zeigen und Sachen anbieten. Sag mir ehrlich, was möglich ist. Ich würde da sein. Ich würde geduldig sein. Und warten. Und sei’s ein Leben lang.

Und ich würde dir Ruhe geben und bei dir bleiben, auch wenn es dir nicht gut geht. Ich kann damit leben, wenn du eine Zeit lang nicht mehr so aufgedreht und mitreißend bist, nicht mit Gold und Silber glänzen kannst. Wenn du etwas ruhiger bist, etwas defensiver, dich manchmal zurückdrängen, aber nie hängen lässt. Versprich mir, dass du dich nie wieder so aufgibst.

Ich kann dir helfen, gesund zu werden. Fang langsam an, aber bleibe dabei. Überstürze nicht wieder. Wirf nicht alles wieder hin, nur weil nichts sofort klappt. Und stoß nicht alles um, sobald es funktioniert. Ich wünsche mir Ausdauer. Und gar nicht so viel mehr. Ich will nicht wieder sehen müssen, wie du dir mit deinem Übermut nach ein paar tollen Spielen alles selbst einreißt.

Bitte glaub an dich, ich weiß, ich habe es manchmal nicht getan. Ich weiß, manchmal war es auch mein Übermut und nicht deiner. Und manchmal habe ich dich nicht wissen lassen, wie sehr ich dich liebe. Und lieben, das meint fürimmer. Das meint, ich halte auch zu dir, wenn du dich selber nicht magst. Dich nicht wiederfinden kannst. Ich werde dir immer helfen.

Denn ich weiß auch, dass ein Weg nicht einfach geradeaus geht. Geht er nie. Besonders nicht hangaufwärts. Aber ein paar Schritte in die richtige Richtung heißt auch nicht, dass du schon wieder rennen kannst. Und nicht, dass ich das will. Und wenn in der Abwehr die ersten Abläufe klappen. Wenn in der Mannschaft langsam die ersten Pässe blind ankommen. Wenn manchmal tatsächlich auch alle den Blick zum Neben-, zum Hintermann haben. Dann hör nicht auf, bleib nichtmal stehen, denn dann geht es erst los. Denn ich habe oft gesehen, wie du dann vor Freude vergessen hast, weiter zu machen. Und wie du dann nur noch blind und munter ins Verderben gespielt hast.

Weißt du, ich verstehe dich ja. Ich verstehe die Freude und auch das Zu-weit-denken. Ich bin ja selbst oft so. So stur und ungeduldig. Aber ich will nicht deine Schönheit, ich will Liebe. Ich will nicht, dass du mit aller Macht versuchst, mich glauben zu lassen, es wäre alles gut (oder doch zumindest kurz davor!). Ich will, dass du von Innen heraus wieder gesund wirst. Was muss denn noch passieren, damit du aufhörst, dich kaputt zu machen? Und statt an den wirklichen Problemen zu arbeiten, nur immer danach schreist, etwas zum Drüberkleben zu finden?

Ich will gar nicht neue Spieler, ich will auch nicht, dass du so tust, als wäre dieser oder jener Schuld und eigentlich funktionerte doch alles. Sieh’ doch hin. Zum Beispiel auf der Sechs. Da waren so viele verschiedene Spieler und alle machen die gleichen Fehler. Und am Ende ist da wieder diese endlose Weite, die selbst Prödl mit ausgestreckten Armen noch immer nicht fassen kann. Hast du seinen Blick gesehen? Die Ratlosigkeit? So geht es mir auch, wenn ich das sehe. Aber siehst du das? Und warum passiert das? Wieder und wieder? Egal mit wem?

Das ist es, was mich stört. Du kannst dich selbst nicht sehen. Lass mich dein Spiegel sein. Du kannst so oft sagen, wie du willst, dass es dir gut geht, die Stimmung toll ist, das Team harmonisch ist, die Spieler mutig sind, die Abläufe verbessert werden und und und. Aber du kannst nicht erwarten, dass ich wegsehe.

Komm’ mit mir. Ich nehme dich mit. Ich nehm’ dich an die Hand. Und geh mit dir den ersten Schritt, ich weiß, der ist am schwersten. Denn der erste ist immer ein Schritt zurück. Habe den Mut, den ich dir gebe. Habe den Mut, dir einzugestehen, dass es so nicht gut ist und auch nicht weitergehen kann. Dafür halte ich dich, den ganzen Weg.

Ich werde bleiben. Und ich will, dass du auch bei mir bleibst.
Bitte rede mit mir. Bitte lass mich nicht wieder so allein.
Ich werde für dich da sein, aber du musst mich auch lassen.
Und du musst an dich glauben. Bitte, bitte, gib nie wieder auf.

In Liebe,

Anna

 

 

 

 

 

Zweites Kapitel: Hoffnung

Ein neues Buch angefangen. Ein erstes Kapitel wie der Beginn einer Tragödie. Es ist alles vorausgedeutet. Es ist alles bereits gezeichnet. Alles, was scheitern kann. Vielleicht sogar scheitern muss. Und ich weiß, viele waren skeptisch, einige schon nach dem ersten Kapitel in tiefe Trauer gestürzt (mich eingeschlossen). Das zweite Kapitel, die zweite Situation, die selben Helden, die zweite Niederlage. Und doch habe ich es mit einem Lächeln gelesen. Und das ging bis in die Niederlage und noch zeilenweit über das Ende hinaus. Es gab keine eigentliche, nicht einmal eine uneigentliche Befreiung.
Aber wie auch – diese Geschichte ist noch mindestens 33 Episoden lang.

Es ist auch im zweiten Abschnitt nicht alles besser, aber vieles verändert. Die Charaktere stehen nicht weniger unter Druck, und doch scheinen sie etwas aufrechter zu gehen und sich etwas mutiger durch die Probleme dieser Geschichte zu kämpfen. Und statt als weiterer Skeptiker hier zu erzählen, warum man nichts überbewerten und erst Recht nichts hoffen darf, werde ich nun, verliebt in mein neues Buch erzählen, warum ich an diese Romanhelden glaube. Schwärmerisch und jeden Ansatz des Guten überbewertend.
(Ohne dabei auf die Wandlung in ein Kochbuch mit Salatschüsselprämie zu hoffen.)

Und da ist schließlich auch dieser elegante Fremde6, neu im Personengeflecht und doch sofort damit verwoben. Sich seiner Kräfte noch nicht ganz sicher, startet er doch von Beginn an auf einer ungewohnten Position. Und doch, kann man in seinen winzigen Bewegungen erahnen, warum dieser Mann vielleicht eines Tages entscheidend sein wird. Diese winzigen Bewegungen, nur aus dem Fußgelenk heraus, zu weiten präzisen Pässen, diagonal, exakt, auf kaum merkliche Weise beeindruckend. Natürlich fehlt etwas, aber so ist es immer am Anfang. Die Personen wachsen mit der Geschichte. Aber das waren Pässe wie Satzanfänge. Von etwas sehr Schönem.

Teil meines Lächelns waren auch zwei Jungen7,11, die oft ungestüm, oft holprig bis zur (Nach-)Lässigkeit wirken, die an diesem Tag zeigen konnten, in wieviel Probleme sie vor allem den Gegner stürzen können, wenn sie wollen. Und sie wollten. Die zugleich Spiel und Handlung und Gefahr nach vorne bringen, und dort auf eine sehr abgebrühte Western-Art-und-Weise noch aus dem Stand die Vorlage zum Sieg geben können. Um sich dann wieder und wieder fast schon rückblendenartig fallen zu lassen und im Rückwärtsgang den roten Faden neu aufzurollen.

Währenddessen lernt zwischen zwei gemalten und einem räumlichen Käfig eine junge Hauptfigur1 gleichzeitig einem Kugelfeuer Einhalt zu gebieten und ein eigenes zu entfachen. Mit ruhigen Füßen und sicheren Schritten. Mit Mut und Vertrauen zu den Männern vor ihm, auch wenn diese es manchmal verlieren. Sowohl den Mut als auch das Vertrauen in sich. Und müde werden, und verzweifelt. Und einer von ihnen zum tragischen Helden17 wird, als der Gegner vor seinen Füßen und hinter seinem Rücken entkommt. Und man sehen und fühlen kann, wie tief in das erschüttert. Und auf der bildlichen wie wörtlichen anderen Seite: Ein erster Auftritt und ein erstes Tor23.

Doch vor allem galt mein Lächeln einem vorm Volke in Ungnade Gefallenen14, der sich noch immer nicht ganz dieser Rolle entwinden kann, obwohl seine Taten (nicht erst in dieser Saison) keinen Grund (mehr) dazu geben. Mit einem genialen Auge für Lücken, durch die nicht viel, aber ein Ball wohl hindurchpasst, oder vielmehr: wo er selbst den Ball hindurchpasst. Es sind diese Pässe quer übers Spielfeld und doch vorbei an allen, die versuchen könnten, ihn aufzuhalten. Und es ist einfach schön, ihm dabei zuzusehen. Das sind Bälle wie Wortspiele, mühelos und wunderschön.

Ich liebe den Autor, ich werde vielleicht mein Leben lang mit ganzem Herzen daran gebunden sein, was er schreibt. Oder vielmehr, was sie schreiben, leben, spielen. Mit jedem Pass, mit jedem Blick, mit jedem Schuss kommen neue Zeilen aus grünen Lettern dazu. Und ich weiß noch immer nicht, was es für eine Geschichte ist. Vielleicht haben die ersten Zweifler Recht und es ist, war und bleibt eine Tragödie. Aber dieses zweite Kapitel lässt mich hoffen. Und ich weiß, dass es vielen ähnlich ging. Vielleicht, vielleicht wird es doch eine Komödie. Mit einem glücklichen Ende. Vor allem aber: Mit Lesefreude.

Anmerkung: Die hochgestellten Zahlen sind die Rückennummern der enstprechenden Spieler. Für vereinsfremde stehen auch alle erwähnten Spieler in den Schlagwörtern.

Nach Saisonschluss: Leere

Es ist seltsam, an den Herzensverein zu denken und dabei das Gefühl zu haben, blind zu sein. Ich kann die Farben kaum noch erkennen. Das Weiß vielleicht, das liegt noch irgendwo in der Leere, die da vielleicht seit Rückrundenbeginn, spätestens aber seit Saisonende ist. Aber das strahlende Grün, ich weiß nicht, woher ich das nehmen, wo finden, wo hineinhoffen soll. Und wenn ich ehrlich bin, dann fühlt sich auch diese Ungewissheit nicht weiß und nicht füllbar an. Nicht wie eine unbemalte Leinwand. Ich fühle nicht diesen unverkennbaren Duft, der einem um die Nase zieht: Der von frischer Farbe. Von Veränderung. Davon, dass das Weiß langsam bunt wird.
Nein, wenn ich ehrlich bin, fühlt sich diese Ungewissheit nicht an wie Hoffnung und nicht wie ein Anfang. Eher wie ein tiefes Schwarz. Und wenn ein Anfang, dann der vom Ende.

Was soll man schreiben, wenn man jetzt zurückblickt, auf die schlechteste Rückrunde der Vereinsgeschichte? Auf eine Halbzeit wie ein Europakanditat und eine wie ein Absteiger? Was soll man hoffen, wenn die Saison ein einziger stetiger Abstieg war, von irgendwo mitte oben zu ganz tief unten? Nur gefühlt, sagt der Blick auf die Tabelle. Nicht ganz unten, da sind schon andere. Und irgendwo stimmt es ja aber doch so nicht. Die Tabelle lügt doch. Mindestens ein bisschen. Denn Mittelfeld der Liga, erste Tabellenhälfte, so hat es sich nicht angefühlt. Und was soll man auch fühlen, wenn ein Rückschritt nach dem Anderen kommt? Und nichts erkennbar ist, was hoffen lässt, dass da irgendwo auch ein Wendepunkt ist? Aber woher sollte der auch kommen? Oder von wem?

Und nach dieser Saison interessieren mich nicht die unklaren Worte von den einen und die klaren Worte von den anderen verantwortlichen und nichtverantwortlichen, der Sportler, der Nichtsportler, des Sportdirektors, der Journalisten. Denn was nützen diese Worte schon? Und es bleibt alles beim Alten, denn woher soll auch ein Weg kommen, wenn die, die ihn beschreiben müssten, sehen müssten, am Ende doch nur schweigen?

Ja, was bedeutet es, das Thomas Schaaf schweigt? Ist es Müdigkeit, Erschöpfung, die da aus ihm spricht? Ist er vielleicht doch am Ende sprachlos? Oder ist es das gleiche Nichtssagen, was er schon immer hatte? Ist da denn noch etwas in ihm, was er für sich behält? Oder ist er innen ebenso sprachlos wie nach außen? Ist er – und das ist zweifellos das Schlimmste, was er sein kann – am Ende ebenso ratlos wie jeder andere?

Was muss passieren, damit das Schweigen aufhört?
Wann wird zwischen den Worthülsen und inhaltsleeren Satzzwischenräumen, zwischen dem Stirn-in-Falten-legen und dem Betreten-zu-Boden-gucken wieder etwas wie die Idee eines Weges zu erkennen sein? Irgendetwas, dass nur irgendwie zeigt, dass irgendeiner dieser ganzen Menschen, die an dem, wie es ist, tatsächlich etwas ändern können (Und so gerne Fans sich in dem Glauben wiegen, sie könnten etwas ändern: Sie können es nicht.), eine Idee hätte, wie es weitergehen soll. Dass auch nur irgendeiner von ihnen eine Vision hätte, Gründe hätte, für Hoffnung und dafür, dass die Zukunft eine bessere ist. Dass wenigstens einer von ihnen wirkte, als hätte er einen Plan, wie man aus dieser Krise (Und wider des Tabellenplatzes ist es zweifelsohne eine existenzielle, mindestens, wenn man sich die Rückrunde als Hinrunde der Folgesaison vorstellte.) herauskäme. Dass jemand vielleicht auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, wie all das, was schiefgelaufen ist, in Zukunft nicht mehr oder wenigstens ein bisschen weniger schiefgehen könnte.

Diese Ungewissheit ist lähmend. Ich kann nicht über die nächste Saison nachdenken, wenn alles, was bekannt ist, Abgänge sind. Vielleicht werde ich hoffnungsreicher, wenn erst einmal auch Neuzugänge benannt werden. Denn derzeit, da ist es schwer auch nur irgendein Bild vor Augen zu haben, wenn man versucht, an die Werder-Elf des nächsten Fußballjahres zu denken. Natürlich gibt es Namen, die bekannt sind. Teilweise Namen, die bereits hier in Bremen sind und auch in der vergangenen Saison für Zukunftsfrohsinn sorgen konnten. Jungspieler, die gut sind, und besser werden (Trybull, Füllkrug, Hartherz). Neueinkäufe, die sofort und in unterschiedlicher Ausprägung durch menschliche, spielerische und kämpferische Qualitäten zu überzeugen wussten (Sokratis, Affolter, Junuzovic, Ignjovski). Zweittorwärte, die ich schon länger in den Himmel gelobt und zum Ersttorwart der grünweißen Zukunft berufen habe (Mielitz). Und natürlich Namen, die man munkelt. Aber was nützen schon gemunkelte Namen? Was nützen denn diese ganzen Vielleichts? Was nützt eine Zukunft in Seifenblasen? Am Ende bleibt nur das Abwarten.

Und das ist es ja auch, was das Fansein so unglaublich anstrengend macht:
Das ständige Danebenstehen und zum Zuschauen verdammt sein. Dieses Gefühl, mehr als jeder andere unter Entscheidungen zu leiden, an denen man nicht einmal ansatzweise beteiligt ist. Und diese Macht- und Hilflosigkeit ist es, die in Zeiten wie diesen radikal in Verzweiflung umschlägt. Denn es braucht viel Vertrauen in die Verantwortlichen, um diese eigene Tatenlosigkeit widerstandslos akzeptieren zu können. Ein Vertrauen, was lange Zeit unumstößlich in Bremen herrschte. Und was nun fehlt. Weil die Entscheidungsträger ebenso ratlos wirken wie jeder Außenstehende.

Und wie kann dass denn die Angst nehmen? Woher soll denn Vertrauen kommen, wenn niemand zu wissen scheint, was zu tun ist? Wenn sogar niemand zu wissen scheint, was er tut? Wenn niemand derjenigen, die einen neuen Weg finden, einschlagen und verfolgen müssen, überhaupt einen Weg zu sehen scheint? Wie soll man hoffen können, wenn selbst Spieler und Trainer und Sportdirektor zwar erzählen können, was alles falsch gelaufen ist, nicht aber, wie man mit dem Falschlaufen aufhört?
Und wie man neu anfangen will, laufen zu lernen?

Es ist seltsam, an den Herzensverein zu denken, und dabei das Gefühl zu haben, blind zu sein. Für die Zukunft. Für all die Gründe, die es doch noch irgendwo hier geben muss, dafür, dass alles besser wird. Und das wird es doch: Alles besser, oder?
Aber nach Saisonschluss ist nur Leere. Nicht Hoffnung und nicht Vorfreude, nicht Neugier, keine Ungeduld. Ich bin nicht neugierig, auf das, was mich nun erwartet. Ich bin nicht ungeduldig, darauf, dass endlich die nächste Saison beginnt. Ich bin nicht vorfreudig, auf das, was nun passiert. Was nun noch kommt, scheint nicht im mindesten verlockend. Es scheint nichts zu warten als Krisenfortsetzung und Abstiegsangstwiederaufnahme.

 

Hoffnung gegen die Zweifel

Ich war mir selten so unsicher, ob es richtig ist, ins Stadion zu gehen. Es sind keine sportpolitischen Gründe, es ist nicht so, dass ich an meinem Verein oder meiner Liebe zu ihm, an Aussagekraft des Nichtgehens, des Hingehens, an meiner grundsätzlichen Stadionfreudigkeit, insbesondere meiner Weserstadionfreudigkeit zweifeln würde. Ich bin mir nur absolut nicht sicher, ob es richtig ist, heute abend ins Stadion zu gehen. Und vom Stehplatz aus mit heiserer Stimme und wutumbrüllten Ohren, mit schwankendem Sichtfeld und Schiedsrichterbewertungsgeschrei ein – ja, was eigentlich? – mitzuerleben. Einen Sieg? Erwarte ich nicht. Ein Unentschieden? Hilft ja nicht. Eine Niederlage? Und darüber will ich gar nicht erst nachdenken.

Irgendwo zwischen Punktverlusten, glücklichen Punktgewinnen, die trotzdem zu wenig sind, Torchancenminderung und Fehlpassquotensteigerung, zwischen Verletztenlisten und Vielleicht-geht-es-jetzt-endlich-aufwärts und  dem stetig folgendem Nein-nicht-nicht-wirklich-und-so-auch-ganz-bestimmt-nicht-nach-Europa ist mir mein Optimismus abhanden gekommen. Das ist vielleicht nicht völlig neu, aber doch zweifelsohne ungewöhnlich. Im Normalfall fallen mir immer ausreichend Ausreden ein, warum es von nun an anders sein wird. Und das ist ja auch so ziemlich das einzige, was mich durch die gesamte letzte Saison getragen hat. Der pure Glaube daran, dass es besser wird. Dass der richtige Weg eingeschlagen ist. Dass eine Wende kommt. Dass doch noch alles gut wird. Ok, letzte Saison, da war “Alles Gut” am Ende vor allem der unerschütterliche Glaube daran, dass wir nicht würden absteigen müssen. Dass dieser eine Tag, und es war ja noch nichtmal ein ganzer, der auf dem Abstiegsrang, nicht nochmal vorkommt und vor allem nicht am Ende steht. Dass das alles nicht wahr sein kann. Und der Abstieg nur ein Gespenst bleibt, irgendwo zwischen Wahnvorstellung und Albtraum. Und ich habe jede Niederlage nur umso erbitterlicher gehofft. Und mir Gründe für die Wende ab nächstem Spiel und bis zum Rest der Saison zurechtgelegt.

Aber was ist denn diese Saison dieses “Alles Gut”? Ich kann nicht mal sagen, ob es ein Fünf-Pässe-in-Folge-wären-mal-wieder-was ist, oder vielleicht vielmehr ein Ich-will-nach-Europa-und-zwar-das-außerhalb-Deutschlands. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das “Alles Gut” eher eine spielerische Fortentwicklung, das Wiederauferstehen der Verletzten oder ein Tabellenplatz ist. Und ich bin mir absolut nicht sicher, ob da hinter diesem Hoffen-müssen, zu dem man als Fan einer Mannschaft ja irgendwie immer gezwungen ist, noch der Glaube steht. Ich zweifel. Ich bin das nicht gewohnt, zu zweifeln. Aber nach so vielen Prophezeiungen. Nach so vielen Spielen, in denen ich geglaubt habe, dass es jetzt endlich alles etwas besser passt. Dass man nur weiterarbeiten müsse, dass dann Automatismen kämen und das Spiel endlich stimmiger, schneller, sicherer, kreativer würde, dass dann wieder mehr Tore auf der Haben-Seite stehen würden und die Gegentore könnten dann von mir aus so viele sein, wie sie wollen, solange wir immer eins mehr schießen. Und nach all diesen Spielen, in denen ich eine Fortentwicklung gesehen habe, nur um im Spiel darauf wieder alles zu revidieren, schleicht sich langsam die Resignation in meinen Hinterkopf und hat von dort aus ganz unmerklich den Platz eingenommen, an dem Hoffnung und Optimismus und so ein Zeug sonst saßen und die Herrschaft gleich mit. Dann hat sie es sich auf der Neuerwerbung Thron bequem gemacht und lächelt seitdem von dort oben aus ein bisschen auf mein gesamtes Fandasein herab.

Und da sitze ich nun, von Resignation regiert und langsam hält auch die Verbitterung Einzug. Natürlich weiß ich, das Werder immer für Überraschungen gut ist. Dass da oft am Ende der letzten Rückrunden ein unerwarteter Aufschwung kam. Aber ich weiß auch, das Gladbach, Stuttgart, Bayern, Wolfsburg und Schalke starke Gegner sind. Dass wir den Hauptteil der Saison nur mit Glück und schlechten Ergebnissen der Mitstreiter auf den Europaplätzen geblieben sind. Dass es nicht so gut aussieht. Und auch das mit den schlechten Ergebnissen der Mitstreiter nichts ist, dass noch länger Gültigkeit zu haben scheint. Dass es mit dem Glück auch mal zu Ende ist, die Verletztenliste aber noch lange nicht. Dass es für den Rest der Saison, für Europa in der kommenden, einfach nicht so gut aussieht.

Und ich bin absolut nicht sicher, ob es richtig ist, heute ins Stadion zu gehen.
Ich weiß nur, dass ich es werde. Und dass ich hoffen werde.
Hoffen müssen werde. Gegen alle Zweifel. Und zur Not gegen die Realität.
Denn am Ende, da hat man als Fan ja doch keine Wahl.

Auf einen Werdersieg!

Ordem e Progresso

Auf Einladung von Jacobs Krönung durfte ich das Spiel gegen Nürnberg in der Jacobs Krönungs Frauen-Lounge sehen. Oh, und Prödl zur Halbzeit.

Fortschritt und Ordnung, so steht es auf grünweißen Fahnen, nun gut, das war farblich sehr grob gerundet, aber immerhin eine Fahne mit grünen und weißen Anteilen, deren Verbindung zum Fußball zudem eine innig liebende ist. Und auch wenn das Spiel am vergangenen Sonntag nicht so direkt an die gleiche Art von Fußball erinnert hat, an die man da so intuitiv denkt, das Motto des dazugehörigen Landes scheint mir durchaus geeignet. Geeignet, um zu beschreiben, warum ich trotz der Niederlage einen Fortschritt im Bremer Spiel sehe. Und warum mir trotz der angeblichen Verlangweiligung des Werder-Fußballs die Entwicklung gefällt, die ich derzeit sehe.

Das Spiel zeigte trotz der Niederlage weiterhin verbesserte Ansätze, was Zusammenspiel, Passgenauigkeit, Spielaufbau angeht. Gegen Nürnbergs starke Defensivleistung kam Werder dennoch zu einigen großen Chancen. Ich denke hierbei insbesondere an Marin und Pizarro. Daran, wie Pizarro kurz vor Ende der ersten Halbzeit aus 10 Metern den Ball am Tor vorbei lupft. Und daran, wie Marin in der 62′ Minute nach einer großartigen Vorarbeit von Pizarro freistehend vorm Tor vergibt. Die Chancen waren da. Auf beiden Seiten. Und Nürnberg bzw. Esswein hat sie genutzt. Und geführt. Und gewonnen.

Vor dem Spiel gab Thomas Schaaf als Ziel aus, die Räume eng zu machen, weniger Chancen zuzulassen, kompakt zu stehen. Und rückblickend, wenn ich das Spiel so betrachte, dann wurde davon doch auch einiges umgesetzt. Das Zusammenspiel der Mannschaft wirkte verbessert, die Pässe sicherer. Die Spielzüge wirken weniger hektisch als noch zu Beginn der Rückrunde. Die Pass- und Laufwege harmonieren immer besser. Aus der noch zu Beginn der Rückrunde eher passiv als defensiv wirkenden Spielweise wird Schritt für Schritt eine geordnete Defensive. Und nach wie vor beeindruckt mich, was gerade die jungen Spieler für eine Übersicht haben. Affolter fällt durch eben diese Spielweise auf, auch wenn das vergangene Spiel eine eher durchwachsene Leistung von ihm zeigte. Und die Ruhe und die Intelligenz, mit der Trybull und Hartherz spielen, ist nicht nur für ihr Alter besonders.

Insgesamt scheint diese nun defensivere Ausrichtung der Mannschaft gut zu tun. Dieses sehr junge und in dieser Zusammensetzung auch sehr neue Team gewinnt darüber langsam an Sicherheit. Und die Aktionen an Abstimmung. Denn für Thomas Schaafs Lieblingsfußball fehlen noch die Grundlagen. Aber ich sehe uns auf dem Weg dorthin. Und bis dahin sehe ich uns auf dem Weg zu einer soliden Defensive. Oder wie Prödl im Halbzeitgespräch die Lage zusammenfasste: “Hinten steh’ mer gut, nur vorne fehlen halt die Tore.”

Im Voraus galten die meisten Fragen und Sorgen dem, ob Werder überhaupt fähig ist, das Spiel zu machen. Im Spiel gegen Nürnberg wurde deutlich, dass sie das durchaus sind. Wenn auch mit punkte- und tabellentechnisch mäßigem Erfolg. Werder war über Großteile des Spieles das dominierende Team. Mit 20:11 Torschüssen und mehr als doppelt so vielen angekommenen Pässen (Werder: 447/ Nürnberg: 164) waren sie über weite Strecken die spielbestimmende Mannschaft. Womöglich ist das Ergebnis die einzige Statistik, in der sich diese Dominanz nicht niederschlägt.  In Hamburg haben wir mit unter 35% Ballbesitz gewonnen, gegen Nürnberg mit 64% Ballbesitz verloren – die letzten beiden Spiele lassen vor allem erkennen, dass Ballbesitz längst nicht alles ist.

Die Niederlage gegen Nürnberg war meiner Ansicht nach jedoch nicht aus spielerischen, sie war aus Effektivitätsgründen. Und ich sehe uns trotz dieses Rückschlags im Aufwärtstrend.
Aufwärts – zu Ordnung im Spiel und Fortschritt in der Tabelle.

 

Gebt den Kindern das Kommando..

..sie berechnen nicht, was sie tun. In Bremen spricht man seit dem letzten Spiel von Jugendwahn, in meinem Kopf schreit Herbert Grönemeyer. So viel zum Thema unsägliche Vertonungen meiner Assoziationsfähigkeit. Nichtsdestotrotz, im Spiel gegen Leverkusen haben vor allem die jungen Talente Werders Hoffnung gemacht.

Da war eine ebenso überzeugende wie junge Innenverteidigung mit dem robusten, kampfbetonten Sokratis und unserem Neuzugang Francois Affolter, der mit Übersicht und Intelligenz etwas Eleganz in die Rolle des Innenverteidigers brachte. Eine schöne Spieleröffnung, gute Ballführung – Ich weiß, man soll die ersten Spiele nicht überbewerten, aber das Spiel gegen Leverkusen scheint mir ein sehr gelungenes Debüt des 20-Jährigen gewesen zu sein. Gerade die Kombination mit dem extrem zweikampfstarken und kompromisslosen Sokratis wusste zu gefallen. Nun ja, mir zumindest.

Während Fritz sich auf der Rechtsverteidigerposition zumindest für seine Verhältnisse und meine Sehgewohnheiten eher defensiv verhielt und besonders in der 2. Halbzeit wenig Auffälligkeiten im Spiel nach vorne bot, fiel auf der linken Seite ein weiterer Debütant mit guten Offensivideen auf. Florian Hartherz harmonierte nicht nur ausgesprochen gut mit Sokratis und ließ so wenig Chancen zu, auch im Zusammenspiel mit Trybull konnte er immer wieder Akzente setzen. Insgesamt war Werders Offensive für mich in diesem Spiel eher linkslastig, auch das einzige grünweiße Tor entstand aus einer schönen Kombination aus Hartherz, Ekici, einer guten Flanke von Trybull und einem Pizarro, zu dem man wohl keine Adjektive mehr finden muss, um seine ohnehin überdeutliche Bedeutung für Werder Bremen hervorzuheben.

Auch gegen den SC Freiburg wird aller Voraussicht nach ein Neuzugang ohne Umschweife in der Startelf stehen: Zlatko Junuzovic. Dass das funktionieren kann, hat Affolter gegen Leverkusen bewiesen, auch bei Junuzovic bin ich – bestärkt dadurch, nicht im geringsten einen Anspruch auf Objektivität zu stellen – optimistisch.Während der einsatzfreudige (wenn auch im letzten Spiel etwas glücklosere) Ignjovski nun endlich auf seiner Lieblingsposition, der 6 spielen darf, rückt Junuzovic auf die rechte Halbposition. Zumindest, wenn man Zeitungsmutmaßungen und der A-Elf im Werder-Abschlusstraining trauen darf. Für den gelbgesperrten Bargfrede nun einen etwas defensiver ausgerichteten Sechser zu haben, scheint mir eine schöne Umstellung, auch wenn mir eine weniger kampfbetonte Interpretation der Sechs mit Stärken im Spielaufbau besser gefiele – Wo ist Trybull denn, wenn man ihn braucht? Im linken Mittelfeld. Und auch dort braucht man ihn nicht weniger. Zumindest mir scheint es durchaus naheliegend, ihn nach seiner überzeugenden Partie eben dort auf selbiger Position zu lassen.

Niclas Füllkrug, der letzten Samstag in der 63. Minute für Ekici und so zu seinem ersten Bundesligaeinsatz kam, wird auch heute wieder vorerst auf der Bank Platz nehmen, aber ich bin überzeugt davon, dass er nicht die vollen 90 Spielminuten dort bleiben wird.

Ich halte nicht viel von Statistiken, die die vergangenen Jahrzehnte Bundesligageschichte einbeziehen, ich bin überzeugt davon, dass diese Geschichte mit den Lieblingsgegnern nur für die Teile der Mannschaft eine Rolle spielt, die die vergangenen torreichen Spiele gegen Freiburg miterlebt haben – was bei folgender Startelf ein eher geringer Teil ist: Wiese – Fritz, Affolter, Sokratis, Hartherz – Ignjovski – Junuzovic, Trybull – Ekici – Rosenberg, Pizarro. Viel mehr Hoffnung machen mir auch gerade die Spieler, die zu jung und zu bundesligaunerfahren sind, um in all diesen Erfolgserlebnissen mitgespielt zu haben. Nicht nur heute, sondern langfristig. Hiermit nun auch ohne Lieblingsgegnerbezug: Heute ist Auswärtssiegtag.

In diesem Sinne und mit Herbert Grönemeyers Worten:
Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende.

Nicht verpassen: Am Sonntag, den 05.02.2012 um 19 Uhr gibt es die nächste Ausgabe unseres Fußballstammtischs. Ihr könnt ihn live hier im Blog verfolgen!

Zweiter Stammtisch Testlauf am 14. Januar

Unser zweiter Stammtisch wird am 14. Januar aufgenommen

Der Termin für unseren zweiten Stammtisch-Testlauf steht: Am kommenden Samstag um 17 Uhr werden wir es mit einem anderen Medium versuchen. Aller Voraussicht nach, wird dies ein Livestream sein. Einen Gast haben wir uns diesmal auch eingeladen, aber wer das ist, verraten wir noch nicht.

Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn ihr auch dieses Mal dabei seid.

Foto: Daehyun Park