Zweites Kapitel: Hoffnung

Ein neues Buch angefangen. Ein erstes Kapitel wie der Beginn einer Tragödie. Es ist alles vorausgedeutet. Es ist alles bereits gezeichnet. Alles, was scheitern kann. Vielleicht sogar scheitern muss. Und ich weiß, viele waren skeptisch, einige schon nach dem ersten Kapitel in tiefe Trauer gestürzt (mich eingeschlossen). Das zweite Kapitel, die zweite Situation, die selben Helden, die zweite Niederlage. Und doch habe ich es mit einem Lächeln gelesen. Und das ging bis in die Niederlage und noch zeilenweit über das Ende hinaus. Es gab keine eigentliche, nicht einmal eine uneigentliche Befreiung.
Aber wie auch – diese Geschichte ist noch mindestens 33 Episoden lang.

Es ist auch im zweiten Abschnitt nicht alles besser, aber vieles verändert. Die Charaktere stehen nicht weniger unter Druck, und doch scheinen sie etwas aufrechter zu gehen und sich etwas mutiger durch die Probleme dieser Geschichte zu kämpfen. Und statt als weiterer Skeptiker hier zu erzählen, warum man nichts überbewerten und erst Recht nichts hoffen darf, werde ich nun, verliebt in mein neues Buch erzählen, warum ich an diese Romanhelden glaube. Schwärmerisch und jeden Ansatz des Guten überbewertend.
(Ohne dabei auf die Wandlung in ein Kochbuch mit Salatschüsselprämie zu hoffen.)

Und da ist schließlich auch dieser elegante Fremde6, neu im Personengeflecht und doch sofort damit verwoben. Sich seiner Kräfte noch nicht ganz sicher, startet er doch von Beginn an auf einer ungewohnten Position. Und doch, kann man in seinen winzigen Bewegungen erahnen, warum dieser Mann vielleicht eines Tages entscheidend sein wird. Diese winzigen Bewegungen, nur aus dem Fußgelenk heraus, zu weiten präzisen Pässen, diagonal, exakt, auf kaum merkliche Weise beeindruckend. Natürlich fehlt etwas, aber so ist es immer am Anfang. Die Personen wachsen mit der Geschichte. Aber das waren Pässe wie Satzanfänge. Von etwas sehr Schönem.

Teil meines Lächelns waren auch zwei Jungen7,11, die oft ungestüm, oft holprig bis zur (Nach-)Lässigkeit wirken, die an diesem Tag zeigen konnten, in wieviel Probleme sie vor allem den Gegner stürzen können, wenn sie wollen. Und sie wollten. Die zugleich Spiel und Handlung und Gefahr nach vorne bringen, und dort auf eine sehr abgebrühte Western-Art-und-Weise noch aus dem Stand die Vorlage zum Sieg geben können. Um sich dann wieder und wieder fast schon rückblendenartig fallen zu lassen und im Rückwärtsgang den roten Faden neu aufzurollen.

Währenddessen lernt zwischen zwei gemalten und einem räumlichen Käfig eine junge Hauptfigur1 gleichzeitig einem Kugelfeuer Einhalt zu gebieten und ein eigenes zu entfachen. Mit ruhigen Füßen und sicheren Schritten. Mit Mut und Vertrauen zu den Männern vor ihm, auch wenn diese es manchmal verlieren. Sowohl den Mut als auch das Vertrauen in sich. Und müde werden, und verzweifelt. Und einer von ihnen zum tragischen Helden17 wird, als der Gegner vor seinen Füßen und hinter seinem Rücken entkommt. Und man sehen und fühlen kann, wie tief in das erschüttert. Und auf der bildlichen wie wörtlichen anderen Seite: Ein erster Auftritt und ein erstes Tor23.

Doch vor allem galt mein Lächeln einem vorm Volke in Ungnade Gefallenen14, der sich noch immer nicht ganz dieser Rolle entwinden kann, obwohl seine Taten (nicht erst in dieser Saison) keinen Grund (mehr) dazu geben. Mit einem genialen Auge für Lücken, durch die nicht viel, aber ein Ball wohl hindurchpasst, oder vielmehr: wo er selbst den Ball hindurchpasst. Es sind diese Pässe quer übers Spielfeld und doch vorbei an allen, die versuchen könnten, ihn aufzuhalten. Und es ist einfach schön, ihm dabei zuzusehen. Das sind Bälle wie Wortspiele, mühelos und wunderschön.

Ich liebe den Autor, ich werde vielleicht mein Leben lang mit ganzem Herzen daran gebunden sein, was er schreibt. Oder vielmehr, was sie schreiben, leben, spielen. Mit jedem Pass, mit jedem Blick, mit jedem Schuss kommen neue Zeilen aus grünen Lettern dazu. Und ich weiß noch immer nicht, was es für eine Geschichte ist. Vielleicht haben die ersten Zweifler Recht und es ist, war und bleibt eine Tragödie. Aber dieses zweite Kapitel lässt mich hoffen. Und ich weiß, dass es vielen ähnlich ging. Vielleicht, vielleicht wird es doch eine Komödie. Mit einem glücklichen Ende. Vor allem aber: Mit Lesefreude.

Anmerkung: Die hochgestellten Zahlen sind die Rückennummern der enstprechenden Spieler. Für vereinsfremde stehen auch alle erwähnten Spieler in den Schlagwörtern.

Ordem e Progresso

Auf Einladung von Jacobs Krönung durfte ich das Spiel gegen Nürnberg in der Jacobs Krönungs Frauen-Lounge sehen. Oh, und Prödl zur Halbzeit.

Fortschritt und Ordnung, so steht es auf grünweißen Fahnen, nun gut, das war farblich sehr grob gerundet, aber immerhin eine Fahne mit grünen und weißen Anteilen, deren Verbindung zum Fußball zudem eine innig liebende ist. Und auch wenn das Spiel am vergangenen Sonntag nicht so direkt an die gleiche Art von Fußball erinnert hat, an die man da so intuitiv denkt, das Motto des dazugehörigen Landes scheint mir durchaus geeignet. Geeignet, um zu beschreiben, warum ich trotz der Niederlage einen Fortschritt im Bremer Spiel sehe. Und warum mir trotz der angeblichen Verlangweiligung des Werder-Fußballs die Entwicklung gefällt, die ich derzeit sehe.

Das Spiel zeigte trotz der Niederlage weiterhin verbesserte Ansätze, was Zusammenspiel, Passgenauigkeit, Spielaufbau angeht. Gegen Nürnbergs starke Defensivleistung kam Werder dennoch zu einigen großen Chancen. Ich denke hierbei insbesondere an Marin und Pizarro. Daran, wie Pizarro kurz vor Ende der ersten Halbzeit aus 10 Metern den Ball am Tor vorbei lupft. Und daran, wie Marin in der 62′ Minute nach einer großartigen Vorarbeit von Pizarro freistehend vorm Tor vergibt. Die Chancen waren da. Auf beiden Seiten. Und Nürnberg bzw. Esswein hat sie genutzt. Und geführt. Und gewonnen.

Vor dem Spiel gab Thomas Schaaf als Ziel aus, die Räume eng zu machen, weniger Chancen zuzulassen, kompakt zu stehen. Und rückblickend, wenn ich das Spiel so betrachte, dann wurde davon doch auch einiges umgesetzt. Das Zusammenspiel der Mannschaft wirkte verbessert, die Pässe sicherer. Die Spielzüge wirken weniger hektisch als noch zu Beginn der Rückrunde. Die Pass- und Laufwege harmonieren immer besser. Aus der noch zu Beginn der Rückrunde eher passiv als defensiv wirkenden Spielweise wird Schritt für Schritt eine geordnete Defensive. Und nach wie vor beeindruckt mich, was gerade die jungen Spieler für eine Übersicht haben. Affolter fällt durch eben diese Spielweise auf, auch wenn das vergangene Spiel eine eher durchwachsene Leistung von ihm zeigte. Und die Ruhe und die Intelligenz, mit der Trybull und Hartherz spielen, ist nicht nur für ihr Alter besonders.

Insgesamt scheint diese nun defensivere Ausrichtung der Mannschaft gut zu tun. Dieses sehr junge und in dieser Zusammensetzung auch sehr neue Team gewinnt darüber langsam an Sicherheit. Und die Aktionen an Abstimmung. Denn für Thomas Schaafs Lieblingsfußball fehlen noch die Grundlagen. Aber ich sehe uns auf dem Weg dorthin. Und bis dahin sehe ich uns auf dem Weg zu einer soliden Defensive. Oder wie Prödl im Halbzeitgespräch die Lage zusammenfasste: “Hinten steh’ mer gut, nur vorne fehlen halt die Tore.”

Im Voraus galten die meisten Fragen und Sorgen dem, ob Werder überhaupt fähig ist, das Spiel zu machen. Im Spiel gegen Nürnberg wurde deutlich, dass sie das durchaus sind. Wenn auch mit punkte- und tabellentechnisch mäßigem Erfolg. Werder war über Großteile des Spieles das dominierende Team. Mit 20:11 Torschüssen und mehr als doppelt so vielen angekommenen Pässen (Werder: 447/ Nürnberg: 164) waren sie über weite Strecken die spielbestimmende Mannschaft. Womöglich ist das Ergebnis die einzige Statistik, in der sich diese Dominanz nicht niederschlägt.  In Hamburg haben wir mit unter 35% Ballbesitz gewonnen, gegen Nürnberg mit 64% Ballbesitz verloren – die letzten beiden Spiele lassen vor allem erkennen, dass Ballbesitz längst nicht alles ist.

Die Niederlage gegen Nürnberg war meiner Ansicht nach jedoch nicht aus spielerischen, sie war aus Effektivitätsgründen. Und ich sehe uns trotz dieses Rückschlags im Aufwärtstrend.
Aufwärts – zu Ordnung im Spiel und Fortschritt in der Tabelle.