Werder unter Dutt – alles anders und doch altbekannt

Es geht wieder los

Sonntag, 14:30 Uhr. Die Sonne scheint, der Fernseher tönt und das Bier ist kalt.
Die Spieler laufen aufs Feld, nehmen ihre Startpositionen ein und atmen ein letztes Mal tief ein und aus, bevor es dann losgeht.
Mit dem schrillen Ton der Pfeife beginnt das Geschehen auf dem Rasen, die Spieler setzen sich in Bewegung, der Ball rollt und mein Herz fängt an zu pochen.
Aufregung, beinahe Ekstase macht sich breit und das altbekannte Gefühl ist zurück – Fußball ist zurück.

Nach wenigen Minuten weicht die blind-naive Freude angesichts des Wiederkehrens der liebsten Nebenschäftigung der einzig wahren Leidenschaft zeitweiser Ernüchterung:

Das sieht nicht so aus, wie es aussehen sollte. Mehr noch: Das sieht nicht gut aus.

Ich verhalte mich wieder wie so oft und bleibe ruhig, schließlich ist ja noch Zeit.
Quatsch, ich fange natürlich an zu meckern, wie ich es fast immer mache, wenn mein Team vor Problemen steht.

Die Außenverteidiger stehen viel zu weit vorne. Ruf die doch zurück, Robin! Ruf sie zurück!

 

Cut! Erstrundenaus Nummer 3

Machte er nicht. Nicht nach 15 Minuten, nicht nach 30, auch nicht nach 0:1 Rückstand und Halbzeitpfiff – was mehr oder weniger das gleiche Ereignis beschreibt. In der zweiten Halbzeit und in der Verlängerung ebenfalls nicht.
Stattdessen wechselte er zur Halbzeit Arnautovic ein, der das immerhin 15 Minuten lang rechtfertigen konnte, Yildirim, weil Ekici sich verletzte und beim Rückstand in der Verlängerung Hartherz, bei dem ich nicht mal jetzt weiß, wie er es hätte rechtfertigen sollen.

Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen blieben das gesamte Spiel über zu groß, die Außenverteidiger isolierten sich durch ihre zu hohe Stellung selbst, das Mittelfeld verstand es vorzüglich, sich den Großteil des Spiels über zu verstecken (ah, Juno, da bist du ja!) und die Offensivreihe rieb sich zwar läuferisch auf, das interessierte Saarbrücken allerdings herzlich wenig, schließlich kam der Ball ohnehin überaus selten zu jenen Spielern.

Stattdessen verlor Werder viele Bälle im Vorwärtsgang und brachte sich dadurch überaus häufig in prekäre Situationen. Erstaunlicherweise führte nur eine dieser Situationen direkt zu einem Saarbrücker Torerfolg.

Werder wiederum spielte sich seltenst Torchancen heraus und wenn, dann vergab sie der österreichische Ibrahimovic in gewohnter Manier.

Es gab bei diesem Spiel niemanden, den man hervorheben konnte. Wobei, doch. Mielitz. Der rettete uns nach schwacher erster Halbzeit immerhin mit einigen sehr starken Paraden in der zweiten Halbzeit noch in die Verlängerung – in der er dann wiederum bei beiden Gegentoren machtlos war.
Danke dafür, Basti. Wenn du die Saison über diese Leistung abrufst, haben wir zumindest im Tor kein Problem – und du wirst vielleicht endlich nicht mehr mit Borel verglichen.

Guter Ansatz, schwache Umsetzung

Was bleibt ansonsten zum Spiel zu sagen? Ich für meinen Teil habe größtenteils damit abgeschlossen, deshalb möchte ich mich hier so kurz wie möglich halten.

Werder begann und blieb im 4-3-3, wie es zuletzt unter Dutt praktiziert wurde.
Mielitz stand im Tor, was so auch zu erwarten war. Soweit so gut.
Die Viererkette bildeten, von rechts nach links, Fritz, Prödl, Caldirola und Gebre Selassie.
Im Mittelfeld agierte Makiadi als tiefster der drei Mittelfeldspieler, unterstützt wurde er von Ekici und Junuzovic.
In der Offensivreihe startete Hunt zentral, Füllkrug ersetzte den ausgefallenen Elia links und Petersen spielte rechts.

Bei eigenem Ballbesitz ließ sich Makiadi zwischen die weit auseinander rückenden Prödl und Caldirola fallen und war der Hauptverantwortliche für den Spielaufbau. Fritz und Gebre Selassie schoben bis weit über die Mittellinie vor, Ekici und Junuzovic suchten den Weg nach vorne.
Ab und zu ließ sich einer von beiden fallen, um Makiadi zu unterstützen. Auch Hunt wählte phasenweise den Weg nach hinten und versuchte, durch Diagonalbälle die Saarbrücker Ordnung durcheinander zu bringen.
Ansonsten rotierte er, wie die gesamte Offensivreihe, viel.

Der Ansatz ist durchaus interessant, aufgrund mangelhafter Umsetzung kam dabei jedoch so wie nichts Ertragreiches herum.
Wirklich gut sah Werders Spiel folglich selten aus. Auf den Spielfluss, den die Werderaner gegen Fulham an den Tag legten, wartete man das ganze Spiel über vergeblich.
An der Tagesordnung standen stattdessen einfache Ballverluste, individuelle Unzulänglichkeiten und das taktische Verhalten von E-Jugendlichen sowie eine, selbstverständlich, schwache Chancenauswertung.

Einige, etwas ausführlichere, Kritikpunkte:

1) Zu wenig Bewegung ohne Ball.
Der Raum muss durch Pässe überbrückt werden, nicht Läufe. Das geschah, wie so oft in der Vergangenheit, viel zu selten. Woran lag das? Unter anderem an Punkt 2:

2) Mangelhafte Abstimmung der Mannschaftsteile untereinander.
Abwehr, Mittelfeld, Sturm. 3 Einheiten, die bei uns völlig getrennt voneinander agierten. Wobei, nicht ganz. Es waren eher 2 Einheiten: Spieler hinter dem Mittelkreis, Spieler am gegnerischen Strafraum. Zumindest gefühlt. So geht das nicht. Denn das führt zu Punkt 3…

3) Zu wenige Anspielstationen.
Wenn zwischen den einzelnen Spielern 30-50M liegen, dann sind diese durch Flachpässe kaum zu überbrücken, weil 3-4 Gegenspieler die Räume ausreichend besetzen können, um jene Pässe abzufangen. Was bleibt? Lange Bälle. Die wiederum sind schwerer zu kontrollieren, was wiederum zu Punkt 4 führt:

4) Zu wenig Spielkontrolle.
Wenn ein Bundesligist gegen einen Drittligisten spielt, der zuvor seine beiden Auftaktspiele verloren hat, dann erwartet man eine klare Rollenteilung: Der Bundesligist kontrolliert das Spiel, der Drittligist stellt sich hinten herein und hofft auf Konter. Werder war der Bundesligist, Werder hatte auch mehr Spielanteile, Werder hatte jedoch keinerlei Kontrolle. Man hatte Saarbrücken zu keiner Zeit im Griff, weil man keine Ideen hatte. Das lag zu großen Teilen an den Punkten 1-3.

5) Zu wenig Leidenschaft.
Dieser Punkt klingt unfassbar billig und wie eine von etlichen abgedroschenen Stammtischparolen. Nur: Diesmal war sie in meinen Augen zutreffend. Ich bin kein Freund davon, Niederlagen auf mangelnden Einsatz oder Kampfbereitschaft zu schieben, da das in meinen Augen immer ein sehr subjektives Empfinden ist. Nur: Wenn man 2 Jahre in Folge in der ersten Pokalrunde gegen einen Drittligisten ausschied, dann erwarte ich im dritten Anlauf von der ersten Minute an ein Team mit einem Messer zwischen den Zähnen. Das gab es auch – nur leider war es Saarbrücken. Die schossen dabei zwar teils deutlich übers Ziel hinaus, doch der Schiedsrichter ließ es ihnen durchgehen. Spätestens nach 45 Minuten war dessen Linie klar, Werder verfiel jedoch lieber in Selbstmitleid und wartete vergeblich auf einen Paradigmenwechsel des Schiedsrichters.

Nach 120 Minuten, in denen man insgesamt einem Drittligisten gegenüber klar unterlegen war, bleibt Ratlosigkeit. Dass man verloren hat ist ärgerlich und unnötig, vor allem bei der Vorgeschichte. Es kann jedoch passieren.
Was mich schlicht und ergreifend wahnsinnig wütend macht, ist die Art und Weise, wie dieses Spiel verloren wurde. Doch dazu später mehr – jetzt gilt es, voraus zu blicken. Nächstes Wochenende steht das Alltagsgeschäft an, die Bundesliga geht wieder los. Werder beginnt die Saison, wie so oft, mit einem Auswärtsspiel.

Ein Duell unter Traditionsklubs

Werder gastiert in Braunschweig, die nach jahrelanger Abstinenz ihr Comeback im Oberhaus feiern. Ermöglicht haben das Marc Arnold und Thorsten Lieberknecht, die aus einem heruntergewirtschafteten Traditionsverein ein Team geformt haben, das innerhalb kürzester Zeit ohne großen finanziellen Spielraum von der dritten Liga zurückkehrte in die erste. Dabei trat man stets strukturiert und geordnet auf, war immer mit 100% Einsatz dabei und glänzte durch eine kompakte Defensive und direktes sowie schnörkelloses Offensivspiel, vornehmlich nach Ballverlusten des Gegners.

Braunschweig stellt damit eine Art von Team dar, die Werder seit langer Zeit nicht mehr besonders liegt: Aggressiv, gut strukturiert, schnell im Umschalten.

Individuell sind sie dem glorreichen SVW zwar unterlegen, im Endeffekt heißt das jedoch nichts. Werder muss sich in nahezu allen taktischen sowie spielerischen Belangen im Vergleich zum Pokalspiel verbessern, um gegen Braunschweig zu gewinnen.

Die werden in ihrem ersten Heimspiel nach dem Aufstieg sicherlich brennen, wie es immer so schön heißt. Außerdem haben sie sich im Pokal deutlich besser geschlagen als Werder und gegen einen Zweitligisten, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, nur knapp mit einem Tor Unterschied verloren. Hut ab dafür, liebe Löwen. Beachtliche Leistung.

Werder muss daher deutlich präziser, ausgewogener, sicherer und kontrollierter spielen. Dutts Ansatz ist zwar interessant und verspricht bei guter Umsetzung dominanten und ansehnlichen Fußball, bislang wirkt es jedoch so, als sei das Team mit seinen Ansagen überfordert. Die Außenverteidiger stehen hoch, weil sie so stehen sollen, lassen dabei jedoch jegliches Gefühl dafür vermissen, wann es angebracht wäre, tiefer zu stehen. Junuzovic und Ekici sind keine Spieler, die einem Spiel Struktur geben können und vor allem Letzterer ist kein Spieler, der für schnelles Umschalten steht.
Makiadi wiederum hatte seine besten Jahre neben einem 6er, der für defensive Struktur stand. Er selber glänzte als ergänzender Part, der durch simples aber effektives und ehrgeiziges Spiel bestach. Nun muss er den Organisator spielen, obwohl das weder für ihn noch für das Team die beste Lösung zu sein scheint, bleibt die Problemposition des Kaders schlechthin damit weiterhin unbehandelt.

Hunt, der in der letzten Saison eine Hinrunde spielte, die ihn wieder in die Notizbücher Löws brachte, wenn auch nur für unbedeutende Freundschaftsspiele, wurde von seiner Paradeposition als Strukturgeber in einem Dreiermittelfeld in die Offensive gezogen, wo er der kreative Mann und das Herzstück der Offensive sein soll. Das entspricht jedoch weder seinen Stärken, noch kommt es den Spielern entgegen, die diese Position auf ihre Art und Weise interpretieren würden und nun eine Rolle spielen müssen, die ihnen nicht unbedingt liegt.
Aaron kann als “false nine” funktionieren, zumindest eher als jeder andere Spieler des Kaders. Bislang wirkt es jedoch so, als würde er dort nur spielen, damit Ekici im dritten Jahr bei Werder auch der letzten seiner zahlreichen Ausreden entledigt werden kann.

Ein Schritt zurück – und dann stehen lernen

An Dutts Stelle würde ich genau das machen, was ich auch Schaaf die letzten Jahre über empfahl: Simpel anfangen. Basics pauken. Nicht zu kompliziert und anspruchsvoll werden. Erst lernen, sicher zu stehen, bevor man beim Sprinten auf der Nase landet.

Ein “simples” 4-3-3 einstudieren, bei dem die Außenverteidiger zwar nach vorne schieben, allerdings keine 15-20 Meter über die Mittellinie. Hunt als Strukturgeber im Mittelfeld, Makiadi als box-to-box Akteur neben ihm, auf der 6 ein Spieler wie Kroos oder Trybull, die für simples, klares und intelligentes Spiel stehen. Sie werden Fehler machen, weil es ihnen an Erfahrung, Reife und Spielpraxis fehlt. Sie sind jedoch die einzigen Spieler im Kader, denen ich es wirklich zutraue, in diese Rolle hineinzuwachsen. Die Chance, Schuster zu verpflichten, sofern sie überhaupt bestand, hat man vorerst versäumt.

In der Offensivreihe ist die Besetzung komplizierter. Füllkrug ist ein Mittelstürmer, kein Außenstürmer. Er ist für einen Mittelstürmer schnell, technisch gut und spielerisch mindestens solide. Für einen Außenstürmer mangelt es ihm an Fähigkeiten im 1 gegen 1 sowie dem Gespür fürs Verhalten an der Außenlinie. Im Strafraum ist er dafür stark, verfügt über einen beidseitig guten Abschluss, ist körperlich robust und durchsetzungsfähig und hat ein gutes Gespür für die richtigen und gefährlichen Laufwege. Geblockt wird er von Petersen, der langsamer und technisch schwächer, dafür aber kaltschnäuziger und in seiner Spielweise ausgewogener und reifer ist. Er arbeitet – noch – mehr fürs Team und hat bereits gezeigt, dass er als Stürmer in der Bundesliga mithalten kann.

Auf den Außenpositionen hat man, Stand jetzt, Elia, Arnautovic und Yildirim. Keiner der drei konnte bislang nachhaltig überzeugen, Arnautovic wird zudem bald nicht mehr im Kader sein. Hier wäre ein Neuzugang angebracht, das Suchprofil dafür sollte in Signalfarbe “technisch stark, spielintelligent, Zug zum Tor” beinhalten.

Das Team sollte nach dem Pokalaus nicht verteufelt werden und Dutt ebenso wenig. Man muss sich in Geduld üben, das war von vornherein klar. Dutt wird lernen müssen, dass seine Ideen Zeit brauchen und er sie Stück für Stück verwirklichen muss – denn wenn er zu schnell zu viel will, wird er sehr schnell nur noch wenig haben.

Wie es sich für einen anständigen Fan eines Bundesligavereins gehört, werde ich daher still und leise in meinem Kämmerchen sitzen, “meinem” Verein so viel wie möglich meines Ersparten spendieren und nach Niederlagen geduldig sein, schließlich braucht das Team Zeit. Die Geschehnisse selber spielen dabei kaum eine Rolle, schließlich ist hier vieles neu und das braucht einfach ein bisschen.

Moment.. ganz so einfach ist das dann doch nicht.

Geduld mit Ansprüchen

Zum Abschluss mache es mir einfach und präsentiere euch eine Reihe von Tweets, die ich gestern Abend nach dem Spiel an den offiziellen Twitteraccount meiner Herzdame (also der fußballerischen) schrieb. Es geht um zwei Jugendliche, einen Jungen und ein Mädchen, die sich einer jahrzehntelangen Familienfehde zum Trotz unsterblich ineinander verlieben und… Hoppla, falsches Drehbuch. Here it comes:

Bei allem Respekt und aller Fairness, @werderbremen. Seit 2 Jahren verteidige ich das (wechselnde) Team gegenüber den Vorwürfen mangelnder Einsatzbereitschaft und mangelnder kämpferischer Attitüde. Regelmäßig hör’ ich mich “sie haben gekämpft” sagen, regelmäßig renn’ ich wieder ins Stadion oder vor den Fernseher, fieber’ mit, leide mit, lebe mit und steh’ hinter dem Team – aber das heute, zum nun mehr dritten Mal in Folge, war indiskutabel. Irgendwann überwiegen Wut und Ärger. Irgendwann, @werderbremen, hab’ auch ich und stellvertretend etliche andere tausende Fans, die Faxen dicke. Das heute war leidenschaftslos.
Heute fehlte die Bereitschaft, über die Schmerzgrenze zu gehen. Heute fehlte die kämpferische Attitüde.
Das heute war unstrukturierter, leidenschaftsloser Fußball eines Teams, das es besser wissen und mehr “wollen” sollte.
Wenn man als Erstligist, der zuvor 2 Mal in Folge gegen einen Drittligisten ausschied, hier heute aufs Feld geht, dann, @werderbremen muss man so agieren wie Saarbrücken von Beginn an: Mit dem Messer zwischen den Zähnen. So wie 08/09 in Pokal und UEFA-Cup.
Die Zeit der Ausreden ist endgültig vorbei. Eine “Entschuldigung” verliert nach 3 Jahren an Bedeutung.
Keiner sagt oder denkt, dass es für das Team jetzt leicht ist. Aber als Fan will man jetzt endlich eine Reaktion sehen.
Man will eine Struktur sehen, eine Einheit, man will Leidenschaft und unbedingten Willen sehen – heute sah man nichts.
Der Auftritt heute hatte nichts von dem Verein an sich, von dem ich Fan wurde-
Das war ein 0815-Klub, nicht “Werder”.
Dass Veränderungen Zeit benötigen ist klar.
Die Geduld haben wir – unter der Voraussetzung, dass wir die Bereitschaft sehen. Man kann nicht immer nur die Geduld der Fans fordern und dann selber so agieren wie heute. Das funktioniert nicht.
Luginger sprach davon, dass man sich im Pokal gegen Werder Selbstvertrauen für die Liga holen könnte – als Drittligist! Die Reaktion darauf wäre gewesen, den Klassenunterschied zu verdeutlichen.
Heute schienen die Rollen vertauscht. Schon wieder.
Dem Team bleibt jetzt zum wiederholten Male nur die Liga. Da gilt es jetzt, zu zeigen, dass man noch da ist.
Wieder da ist.
Da werden die Fans wieder ihren Teil liefern, wieder hinter dem Team stehen.
Fraglich ist, ob das Team für Werder einsteht.
Denn Werder ist mehr als die Spieler, die auf dem Platz stehen. Werder ist mehr als der Verein und die GmbH. Werder ist Bremen – und noch so viel mehr.
Das haben die Fans zum Großteil begriffen.
Das zeigen sie Woche für Woche aufs Neue.
Jetzt muss das Team endlich zeigen, dass sie es begriffen haben – und dass sie mehr sind als nur Angestellte.

Ich für meinen Teil bin fertig für heute.
Gegen Braunschweig bin ich wieder da – ihr diesmal hoffentlich auch.

 

Ein Spiel als Sinnbild des Wandels – der ehemalige Aufbaugegner als Werders erster Gradmesser

Früher, als die Werder-Welt noch schön war, man regelmäßig mindestens EL spielte, im Normalfall sogar CL, da waren Siege gegen den “kleinen HSV” aus der Stadt, die eigentlich lieber Bremen wäre fest einzuprogrammieren.
Das galt für Heim- wie Auswärtsspiele gleichermaßen, insbesondere die Auswärtsspiele waren dabei jedoch hervorzuheben – und sind es mittlerweile wieder.

Ein neuer Konkurrenzkampf im Norden – Hannover auf der Überholspur

Dass sich die Kräfteverhältnisse im Norden von der ehemals klaren Staffelung glorreicher SVW – verbitterter titelloser HSV – manchen sympathischer Kiezklub – kleiner Rest deutlich verschoben haben muss man nicht mehr großartig erwähnen, deshalb geh ich auf den Fall der beiden einst großen und im Norden unantastbaren Bundesliga-Gründungsmitglieder nicht ein.
Viel interessanter ist die Entwicklung des früher kaum beachteten und mittlerweile von vielen als Nummer 1 im Norden angesehenen Sportvereins aus Hannover.
Binnen weniger Jahre (2-3, um genauer zu sein) haben Schmadtke und Slomka unter Schirmherr Kind aus dem ehemaligen Abstiegskandidaten und graue Maus-Club Hannover den vielleicht am effizientesten arbeitenden Verein der Bundesliga gemacht – sowohl auf, als auch abseits des Rasens.
Man spielt sehr intelligent und stellt mittlerweile – vor allem im eigenen Stadion – für jeden Klub der Liga eine Herausforderung dar.

Beschränkte man sich anfangs noch größtenteils aufs reine Kontern aus einer sehr gut gestaffelten Defensive und überraschte damit so manchen, so passte man mit der veränderten Wahrnehmung in der der Öffentlichkeit mehr und mehr an.

Mittlerweile sind immer noch das blitzschnelle Umschaltspiel und die gesicherte Defensive die Schlüssel des Hannoveraner Spiels, doch ist man, gereift durch die zwei Jahre Erfahrung in der Europa League, um einiges facettenreicher geworden.

Während Schmadtke den Kader um einige spielstärkere Akteure ergänzte (hervorzuheben sei hier insbesondere Huszti), feilte Slomka an verbessertem Aufbauspiel und Kombinationen auf kleinerem Raum.
Die spielstärksten Akteure der 96er sind dabei [Da Silva] Pinto, Huszti und Schlaudraff.
Zusammen sind sie in Topform in der Lage, aus der rein konterstarken Mannschaft ein Team mit immer weniger echten, ausgeprägten Schwächen zu machen.

Kurzum: Hannover ist – leider, aus Bremer Sicht – ein unfassbar schwer zu bespielender und sehr starker Gegner geworden.
Sie sind, so die Momentaufnahme, näher an den Spitzenteams dran als der SVW, weil sie reifer und abgeklärter spielen, insgesamt ausgereifter und in ihrer Entwicklung weiter sind.

 Der Wandel des SVW – Der Neuanfang eines einstigen Spitzenteams

Der Saisonstart der Bremer war – rein punktetechnisch – durchschnittlich und noch nicht übermäßig erkenntnisreich.
Eine zu erwartende Auftaktniederlage  gegen den BVB, wo man für viele überraschend mitspielte und ein zu erwartender Derbysieg gegen den mal wieder (oder immer noch) kriselnden HSV, wo man sich schwerer tat als gehofft.

Werders Stärken liegen momentan in einem bereits ordentlich einstudierten Flügelspiel und im Vergleich zu Vorjahren deutlich verbessertem Umschaltspiel, ermöglicht hauptsächlich durch Veränderungen im Mittelfeld und die Umstellung des Spiels auf ein System mit offensiven Außen.

Man hat dabei mit Hunt, Junuzovic und Fritz/Bargfrede ein sehr ausgeglichenes Mittelfeld-Trio, das sowohl laufstark als auch annehmbar zweikampfstark, schnell und spielstark ist.
Hervorzuheben ist hierbei das starke Duo aus Junuzovic und Hunt, die sich exzellent ergänzen und – der eine wie der andere – für viele, insbesondere außerhalb Bremens, eine positive Überraschung darstellen.
Während Junuzovic durch ein enormes Laufpensum und dabei immer effizienteres Spiel auffällt, was in der Rückrunde noch sein Problem war, überrascht Hunt durch ein in fast allen Bereichen unglaublich souveränes Auftreten.
Er zeigt sich selbstbewusster, übernimmt Verantwortung und übertragt das auch auf den Platz.
Er fordert den Ball, hält ihn, verteilt ihn – alles durchdacht, alles mit Hunt und Fuß.
Er ist, das muss man so hervorheben, der Strukturgeber in Werders Spiel und wurde bereits am ersten Spieltag von Klopp hervorgehoben als der Mann in Werders Spiel, den man nicht in den Griff bekam.

Auf den Außen wird das Team, auch in seiner Spielweise, durch die pfeilschnellen Elia, Arnautovic und den immer wieder vorstoßenden Gebre Selassie ergänzt.
Insbesondere Arnautovic hat dabei eine sehr positive Entwicklung genommen, spielt ruhiger und abgeklärter und trägt somit deutlich mehr Hilfreiches zum Spiel bei.
Sein Auftritt gegen den HSV war dabei sehr stark, als Tandem mit Gebre Selassie machte er den Hamburgern auf der rechten Seite das Leben schwer, wobei auch hier seine größte Schwäche offensichtlich wurde: Der schwache Abschluss.
Elia steht noch, oder wieder, etwas im Schatten seines Freundes und Teamkollegen, ist jedoch ebenfalls lobend hervorzuheben.
Er setzt, so wirkt es, auf dem Platz das um, was man ihm vorgibt. Er macht keine Probleme, er hat sich hervorragend ins Team eingefunden und trägt durch ganz viel #love zur guten Stimmung im Team bei.

Das “Problemkind” im Mittelfeld ist momentan Kevin de Bruyne, das ausgeliehene Toptalent – hier ist der Begriff meiner Meinung nach angebracht – vom FC Chelsea.
Problemkind insofern, als dass seine Rolle im neuen System noch nicht gefunden wurde.
Zwar macht er noch viele Fehler, was an noch nicht abgeschlossener Integration und Anpassung an die neue Liga liegt, doch ist er dennoch ein Spieler, der Werders Spiel sehr viel Variabilität und Kreativität verleihen kann.
De Bruyne ist immer auf der Suche nach dem “richtigen”, dem gefährlichen Pass, hat aufgrund seiner technischen Klasse und Übersicht viele Optionen und eignet sich hervorragend zum Kombinieren.
Im Mittelfeld ist er jedoch schwer einzusetzen, da man für ihn den 6er (Fritz/Bargfrede) opfern und Junuzovic dorthin ziehen müsste, womit man ein hohes Risiko eingehen würde.
Man wäre, mittlerweile fast ein Markenzeichen Werders, konteranfälliger und könnte die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld kaum so klein und eng halten, wie es sein müsste – was man bereits gegen den HSV, Münster und mit Abstrichen den BVB sah.

Im Nordderby war es insofern kein Problem, als dass der HSV diese Lücken nicht auszunutzen wusste.
Gegen Münster schied man auch deshalb bereits in der ersten Pokalrunde aus.

Was Hannover als Auswärtsspiel zu Werders Grauem macht

Wie bereits kurz erwähnt hat Werder Schwächen darin, die Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr gering zu halten, lässt regelmäßig Lücken im Arbeitsfeld des 6ers und hat auch häufiger Probleme damit, die Schnittstellen abzudecken.
Gegen den HSV war das kein Problem, gegen H96 wird es genau das sein.

Hannover ist, was das Ausnutzen derartiger Schwächen angeht, brutal stark.
Bei Kontern nutzen sie genau diese Räume exzellent aus, kombinieren sich hindurch und sind – ebenfalls ein Markenzeichen – vor dem Tor eiskalt.
Für Werder eine potentiell tödliche Mischung, könnte man doch, sollte man sich verkalkulieren, mächtig unter die Räder geraten, wie am letzten Spieltag Wolfsburg.

Deshalb ist dieses Spiel der erste echte Gradmesser für Werder: Gegen den BVB hatte man nichts zu verlieren, Hamburg kam als in vielen Bereichen schwacher Gegner.
H96 hingegen hält einem den Spiegel vor die Nase.
Sie zeigen auf, was in den letzten Jahren schief lief, sie halten einem die eigenen Schwächen vor die Nase und sobald sie die Chance haben reiben sie mächtig Salz in die Wunde.
Hier kann man zeigen, wie weit man in der Entwicklung schon ist.
Man kann zeigen, ob man die eigenen Schwächen begriffen hat und man hat die Chance, einen weiteren Schritt nach vorne zu machen.
Ein Unentschieden wäre aufgrund der enormen Heimstärke Hannovers und ihrer für uns unpassenden Spielweise schon ein Erfolg, ein Sieg wäre – für mich – überraschend und ein Ausrufezeichen an die Konkurrenz, die einen vielleicht schon totsagte.

Viel wichtiger als das Ergebnis ist momentan jedoch, ob man eine Entwicklung zeigt – das ließ man in der Vergangenheit nämlich vermissen.
Anders als H96 – der Nordverein, der momentan am ehesten die Bezeichnung “Spitzenteam” verdient hat.

Dennoch, da träumen erlaubt ist: Auf gehts Werder, kämpfen und siegen – die Nummer 1 im Norden sind wir, also zeigen wir das auch!

Vor dem Nordderby: Panik!

Was wäre eine Werder-Saison ohne die Nordderbys gegen den HSV? Morgen ist es mal wieder soweit und selten in den letzten Jahren hat man sich bei Werder so überlegen gefühlt. Früher war man auf Augenhöhe irgendwo ihm Bereich der Bundesligaspitze, dann war man auf Augenhöhe zwischen Niemandsland und Abstiegszone der Tabelle. Letzte Saison gab es zwei Siege für Werder. Vor allem das 2:0 im Weserstadion war relativ überlegen geführt. Damals sah es noch so aus, als könnte es eine richtig gute Saison werden für Werder.

Werder zwischen Hoffnung und Angst vor dem Rückschlag

Diese Hoffnung hat man nach dem mitreißenden Eröffnungsspiel gegen Borussia Dortmund nun auch wieder. Gegen den schwächelnden Nachbarn aus dem Norden rechnet man im Umfeld der Grünweißen mit einem Sieg. Auf dem Papier sind beide Mannschaften gleich schlecht gestartet. Beide schieden in der ersten Pokalrunde gegen Drittligisten aus, beide verloren ihre Auftaktpartien in der Bundesliga. Die Art und Weise jedoch, wie sich beide Mannschaften am letzten Wochenende präsentierten, macht Werder große Hoffnung. Während der HSV zuhause gegen nicht gerade überwältigend aufspielende Nürnberger enttäuschte, begeisterte Werder einen Großteil seiner Fans mit einer stark verbesserten Leistung gegen den Deutschen Meister. Nimmt man diese Spiele als Maßstab, ist Werder deutlicher Favorit.

Bei allen Problemen, die Werder im Pokalspiel offenbart hat und bei allem Nachholbedarf in der Feinabstimmung zeigte Thomas Schaafs Team, an welchen Dingen es im Sommer gearbeitet hat. Tiefes Verteidigen, schnelles Umschalten, diagonale Flankenwechsel und das bekannte Kombinationsspiel im zentralen Mittelfeld bereitete dem BVB einige Probleme. Werder hätte mit etwas Glück zumindest einen Punkt holen können. Die Leistung verführte fast schon dazu, die Erwartungen bei der Öffentlichkeit in ungesunde Höhen zu schrauben. Ein zweiter Blick auf das Spiel zeigte, dass Werder mit viel Risiko agierte und Dortmund eigentlich zu viel Platz im Zentrum ließ. Das richtige Gleichgewicht aus Breite und Kompaktheit muss Werder erst noch finden. Und so sehr das Spiel zum Träumen von einer besseren Zukunft anregte, so sehr sollte einen das Pokalspiel in Münster auf dem Boden der Tatsachen halten. Vielleicht war das Spiel wirklich ein Ausrutscher, das wird man erst in ein paar Wochen wissen. Doch bis dahin sollte man nicht davon ausgehen. Werder hat bislang nur bestätigt, dass die Einschätzung “Wundertüte” von vielen Experten vor der Saison zutreffend ist.

Der HSV zwischen Panik und Kaufrausch

Die Kritiker des HSV dürften sich nach dem Saisonauftakt ebenfalls bestätigt fühlen. Nach der katastrophalen letzten Saison deutet wenig darauf hin, dass diese Saison besser wird. Doch auch bei den Hamburgern sind Veränderungen sichtbar geworden. Personell musste man deutlich abspecken, ließ – ähnlich wie Werder – viele arrivierte Spieler gehen und will nun mit einem jungen Team einen Umbruch schaffen. Schnell waren Zweifel da, ob dies dem Duo Fink / Arnesen gelingen würde. Dennoch blieb es für Hamburger Verhältnisse erstaunlich ruhig und trotz der Zweifel scheint die Position der sportlichen Führung nicht wirklich gefährdet zu sein. Das überrascht bei einem Club, der nicht unbedingt für große Geduld mit seinen Trainern oder Sportdirektoren bekannt ist.

Sportlich machte der HSV zuletzt einen sehr angeschlagenen Eindruck. Die Schwachstellen sind so groß, dass die Mannschaft von vielen zu den Abstiegskandidaten gezählt wird. Sei es das einfallslose Zentrum um Westermann oder die lahmenden Flügel, eine wirkliche Idee ist nicht erkennbar im Team von Torsten Fink. Dabei hatte dieser mit seinem klar definierten System in der Vorsaison noch das große Ziel, den HSV sportlich zu revolutionieren. Zunächst durchaus mit Erfolg, wenn auch die Serie zu Beginn durch die vielen Unentschieden nicht so beeindruckend war, wie sie zwischenzeitlich verkauft wurde. Inzwischen hat Fink sein System etwas verändert, spielt nicht mehr so konsequent mit Dreierkette im Spielaufbau, setzt auf schnelle Konter, statt auf Ballkontrolle im Mittelfeld, hat den Pressing-Ansatz verändert. Zu den vorhandenen Spielern scheint das System dennoch nicht richtig zu passen.

Zum Nordderby kommt der HSV nun jedoch mit einem in vielen Positionen veränderten Team. Kurz vor Ende der Transferperiode hat Arnesen noch ein paar Mal im Schlussverkauf zugeschlagen und dabei nicht unbedingt den Eindruck erweckt, hier befände sich ein Verein auf Sparkurs. Der mit Kühne-Millionen finanzierte Van der Vaart soll dabei der Königstransfer sein. Der Rückkehrer will an seine glanzvollen Zeiten beim HSV anknüpfen. Hinter ihm sollen Jiracek und Badelj die neue Doppelsechs bilden und Westermann zurück in die Viererkette verbannen. Sieben Umstellungen im Vergleich zum Spiel gegen Nürnberg hat Fink angekündigt. Und wer weiß, wen der HSV bis zum Anpfiff noch alles aus dem Hut zaubert.

Es mag sein, dass man nun an der Elbe wieder von großen Zielen träumt und sich mit den Neuverpflichtungen auf dem richtigen Weg sieht. Bei mir hinterlässt dieser Sommer eher das Bild eines Vereins, der selbst an sein propagiertes Rezept nicht geglaubt hat, es dennoch durchsetzen wollte und nun nach den ersten Rückschlägen in Panik gerät.  In einem Spiel kann viel passieren, erst recht in einem Derby, aber Angst muss man vor diesem HSV nun wahrlich nicht haben.

Eine Wundertüte zum Geburtstag – Werder in der Jubiläumssaison, oder auch: eine Reise ins Ungewisse

Endlich!
Das Warten hat ein Ende, die Sommerpause ist vorbei und die Bundesliga startet in ihre 50. Saison.
Passend zum Jubiläum  präsentiert der Norden der Liga dabei eine Wundertüte voller grün-weißer Spielgefährten.

Werder im Wandel und als Wanderer zwischen Hoffnung und Realität

Vor wenigen Jahren noch gehörte Werder zu den absoluten Spitzenteams der Bundesliga.
Nun, angesichts des 50-jährigen Bestehens, trifft das nicht mehr zu.
Zwei Jahre Rumpelfußball und tabellarische Bedeutungslosigkeit haben zu einem Umdenken und einem bitter nötigen Umbruch an der Weser geführt und so aus dem einstigen Spitzenteam ein großes Fragezeichen gemacht.
Aus der grün-weißen Schatztruhe wurden die Zaubertricks und Tormaschinen herausgenommen, die namhaften Etiketten von den Spielzeugen entfernt und übrig geblieben sind bloß die Pralinenschachteln vom Discounter – keiner weiß, was man bekommt, keiner weiß, ob die Süßigkeiten von der Weser schmecken werden.

Das birgt Chancen und Risiken, führt zu Hoffen und Bangen.
Aus finanziellen Nöten wurde der Umbruch bei Werder geboren, sportlich wäre er jedoch schon früher notwendig gewesen und so wurde aus dem in der Theorie sanften Übergang ein radikaler Schnitt.
Wiese, Naldo, Boenisch, Pizarro, Rosenberg, Borowski, Marin.
Namhafte Spieler, ehemalige Stammspieler in erfolgreichen Werderteams und/oder
(U-)Nationalspieler.
Einstige Aushängeschilder, vereinzelt Erfolgsgaranten für das “alte Werder”, nun jedoch teils aus sportlichen, teils aus finanziellen Gründen aussortiert.

Die Nachfolger sind Spieler wie Mielitz, Prödl, Schmitz, Sokratis, Ekici, Hartherz, Trybull, Ignjovski, Arnautovic, Füllkrug, Hunt und Junuzovic.
Überwiegend günstige Spieler.
Spieler, die teils in den Schatten der großen Namen standen und nun das Licht erblicken wollen, aus der Jugend nach oben drängen oder  früher Mitläufer waren, von anderen getragen wurden und nun selber tragen müssen.
Ergänzt werden sie von Spielern wie Elia, Petersen, Gebre Selassie und De Bruyne.
Spieler, die entweder schon “oben” waren und tief fielen, vergleichsweise spät die große Bühne betraten, nach anfänglich hohem Sprung einen Schritt zurückgehen oder vor dem Schritt nach oben noch eine Stufe mehr nehmen wollen, um auf Nummer sicher zu gehen.

Die größte Herausforderung Werders ist hierbei, sowohl im als auch um den Verein, die Erwartungshaltung und die zu erwartende Realität miteinander vereinbaren zu können.
Man hat nicht mehr die Qualität wie früher, der Wandel des Teams wird Zeit brauchen und   doch hat man kaum Zeit.
Die offizielle Devise des Vereins ist es, “mittelfristig” wieder nach Europa zu kommen.
“Zwei, drei Jahre”, heißt das laut Klaus Allofs. Doch heißt das, so Allofs weiter, nicht, “dass es diese Saison nicht möglich wäre.”
Eine Aussage, die Werders Dilemma ganz gut widerspiegelt.

Das internationale Geschäft ist es, was es zu erreichen gilt – und das mit einem neuformierten Team, dem einiges an Erfahrung fehlt, das ‘auf dem Papier’ wie man immer so schön sagt, das vielleicht schwächste Team seit Jahren ist.
Man soll das schaffen, was die einstigen Nationalspieler in den beiden Jahren zuvor nicht zu schaffen vermochten.
Man soll die Fans zufriedenstellen, wieder guten Fußball spielen und die zwei schlechten Jahre möglichst vergessen machen.

Und doch wird man Fehler machen, man muss sie sogar machen.
Man muss sich entwickeln, reifen und Erfahrungen sammeln.

Kurzum: Man muss mit einem Team, das im Durchschnitt keine 23 Jahre alt ist, das nachholen, was den zuvor teueren und namhaften Werder-Mannschaften nicht gelungen ist.

Die präsaisonale Phase als Vorgeschmack auf das was folgt?

Vom “Werdersommer” war auf Twitter die Rede. “Love” wurde verbreitet, gute Laune machte sich breit und man war fast geneigt, von der “besten Vorbereitung aller Zeiten” zu sprechen – wäre das nicht bereits andernorts schiefgegangen.

Gute Testspielergebnisse und schönere Spielzüge, ein neues System, eine homogene, sich auf und außerhalb des Platzes scheinbar gut verstehende Mannschaft und als Sahnehäubchen die triumphale  Errungenschaft des Liga-Total Cups gegen Weltklasseteams wie Dortmund und den Freistaat Bayern.
Die Welt in Bremen war wunderbar – bis Preußen anfing zu marschieren.

120 Minuten marschierten sie, ließen nicht locker, gängelten die Bremer von allen Seiten und verwehrten ihnen schließlich die Reise nach Berlin, der zweiten Heimat der Werderaner.
Das zweite Jahr in Folge scheiterte man in der ersten Pokalrunde und schlagartig schien die gute Stimmung zu verfliegen.
Skepsis machte sich breit, Ängste traten hervor und schien zuvor noch alles duftend grün-weiß, so wirkte die Welt plötzlich grau.
Mausgrau.

Eine Achterbahn der Gefühle die, gut möglich, einen Vorgeschmack auf die folgende Saison geben könnte.
Man wird schöne Momente erleben, auf flauschigen Wolken schweben und träumen und man wird auch fallen und beginnen, zu zweifeln.

Was man bei all diesen Wechselbädern der Gefühle nie verlieren darf sind Hoffnung und Zuversicht.

Die Bundesliga feiert Geburtstag – und wir feiern mit.

Auswärts gegen den BVB wird Werder die Saison eröffnen, ‘auf dem Papier’ ein Leckerbissen, mit Glück auch auf dem Platz.
Nicht immer werden wir siegen, doch stets werden wir kämpfen.
Wir werden hoffen, bangen, zittern und uns freuen, fluchen, jammern und auf dem Boden rollen.

Doch heute Abend, da werden wir feiern.
Feiern, dass die Pause vorbei ist.
Feiern, dass die Liga wieder losgeht.
Feiern, dass wir wir sind.

Wir sind Werder Bremen, grün-weiß das Emblem – und verflucht nochmal, wir kommen immer wieder!

Kurzfristig denken

Selten war die Euphorie vor einem Spiel gegen die Bayern so gering. Derzeit scheint alles andere wichtiger zu sein. Die Saison wurde bereits abgehakt. Die Europa League ist zwar noch möglich, doch dran glauben mag keiner mehr. Das ist auch gut so. Heute ist kein Tag, um an die Zukunft zu denken.

Heute ist es egal, ob und wann Claudio Pizarro seinen Wechsel zu den Bayern bekannt gibt. Heute ist es egal, wohin Tim Wiese wechseln wird. Heute ist es egal, ob es eine gute oder schlechte Entscheidung war, mit Clemens Fritz zu verlängern. Und heute ist es auch egal, wie man die Arbeit von Thomas Schaaf und Klaus Allofs bewertet.

Das einzige, was heute wichtig ist, ist das Spiel gegen die Bayern.

Nicht, weil wir noch in die Europa League kommen können. Davon möchte ich erst wieder etwas hören, wenn wir am 34. Spieltag noch realistische Chancen darauf haben. Deshalb spielen auch die Ergebnisse der anderen Mannschaften keine Rolle. Für Werder geht es darum, sich einigermaßen anständig aus dieser verkorksten Rückrunde zu verabschieden.

Es geht darum, die Ausfälle irgendwie zu kompensieren und aus dem Rumpfkader und den Wiedergenesenen eine Mannschaft zu formen, die den Bayern 90 Minuten lang zumindest einen Kampf bieten kann. Es geht darum, gegen die B-Elf eines Vereins, der in Gedanken schon beim Champions League Rückspiel in Madrid ist, die richtige Taktik zu wählen. Es geht darum, nur an dieses Spiel zu denken, nicht an Punkte, Tabellen oder europäische Wettbewerbe.

Von Spiel zu Spiel denken ist eine beliebte Floskel, doch bei Werder hat man schon länger das Gefühl, das man zu viel von großen Zielen und zu wenig von der nächsten, der für den Moment einzig wichtigen Aufgabe spricht. Natürlich muss die neue Saison geplant werden, müssen Verträge verlängert und Spieler verpflichtet werden. Natürlich müssen auch die derzeitigen Spieler ihre Zukunft planen. Aber nicht heute. Heute zählt nur die Gegenwart. Und die lautet: Bayern München. Wem das für den Moment nicht ausreicht, der hat seinen Beruf verfehlt.

Also rauft euch zusammen, jeder, der eine grünweiße Raute im oder über dem Herzen trägt. Erwartungen gibt es keine mehr. Zu verlieren auch nichts. Aber wir sind immer noch Werder Bremen! Wir sind, wie Arnd Zeigler in Lebenslang Grün-Weiß geschrieben hat, die Guten! Und wir schlagen heute, egal wie und egal warum, die Bayern!

Die Wochen der Wahrheit

Nach dem 0:3 gegen Mainz ist die Stimmung in Bremen auf dem Tiefpunkt dieser Saison angelangt. Man kann fast schon froh sein, dass die Mannschaft die zum Klassenerhalt benötigten 40 Punkte schon sicher hat. Viel mehr werden nach allgemeiner Auffassung nicht mehr hinzukommen.

Gute Ausgangslage verspielt

Selbst ein Auswärtsspiel gegen die ebenfalls krisengeschüttelten Kölner kann da die allgemeine Laune nicht heben. Dabei ist die Tabellenkonstellation trotz des Absturzes auf Platz 8 nicht so schlecht. Nur ein Punkt trennt Werder von Platz 5, drei Tore von Platz 7, der zum Erreichen der Europa League ebenfalls reichen würde. Die Lage ist trotz des verspielten Punktepolsters also alles andere als aussichtslos. Dennoch will davon in diesen Tagen kaum jemand etwas wissen. Zu tief sitzt die Enttäuschung über die verpassten Chancen in den letzten Spielen (nur ein Punkt aus zwei Heimspielen), zu schwer scheint das Restprogramm im Vergleich zur Konkurrenz.

Die Ursachenforschung ist derzeit nicht allzu schwer. Ein Blick auf die Verletztenliste reicht, um den größten Unterschied zwischen dem Werder der Hinrunde und dem der Rückrunde auszumachen. Man ist geneigt, dies als zu einfache Ausrede abzutun, doch der Substanzverlust ist trotz Wintereinkäufen immens und die Kritik an der medizinischen Abteilung wird wieder einmal laut (ein seit 2007 immer wiederkehrendes Phänomen, auf das wir auch beim nächsten Stammtisch eingehen werden). Dazu gesellen sich die üblichen Begleiterscheinungen einer Fußballkrise: Kritik am Trainer, am System, an den Spielern, Transferspekulationen und nun auch der Abgang von Tim Wiese, der – egal wie man ihn sportlich bewertet – keine Flucht des Spielers, sondern eine gewollte Trennung seitens Werders ist.

Sieben Tage entscheiden die Saison

Dabei ist die Kritik an sich nicht falsch. Das Spiel gegen Mainz hat wieder einmal die Schwachpunkte des “System Schaaf” aufgezeigt. Werder war statistisch in allen Belangen überlegen, doch Mainz gewann dank einer cleveren Taktik das Spiel. Dazu leisteten sich Führungsspieler schwere Patzer und es wurde ebenfalls deutlich, dass die jungen Spieler nicht ohne kleinere Formwellen durch die Saison gehen können. Zum Teil ist die Kritik auch Resultat (seit der Winterpause) überzogener Ansprüche, zu denen Werder selbst jedoch eine Menge beigetragen hat. Die Kunst des Tiefstapelns beherrscht man an der Weser schon lange nicht mehr.

So entscheidet sich in den nächsten sieben Tagen in drei Spielen gegen Köln, Gladbach und Stuttgart, wie diese Saison für Werder am Ende gedeutet wird. Eine Platzierung im Mittelfeld wäre angesichts der letzten Saison keine Katastrophe, aber im Hinblick auf die formulierten Ziele und zwischenzeitlichen Platzierungen eine herbe Enttäuschung. Die Qualifikation für die Europa League würde zwar nicht die Probleme vergessen machen, aber den Verein in ruhigeres Fahrwasser lenken. Man könnte es auch anders sehen: Unter diesen Umständen, mit dieser Verletzungsmisere könnte man es als großen Erfolg ansehen, wenn man doch noch die Europa League Plätze erreicht. Dazu passen die bisherigen Leistungen der Rückrunde jedoch nicht. Auf der anderen Seite werden sich in jedem Fall all jene bestätigt fühlen, die seit Jahren Werders Abschied aus der Bundesligaspitze vorhergesehen haben. Dies hat aber nur in wenigen Fällen etwas mit weiser Voraussicht als vielmehr mit statistischer Wahrscheinlichkeit zu tun. Wer lange genug Regen vorhersagt, wird mit seiner Prognose irgendwann richtig liegen. Besonders in Bremen.

Wende gegen strauchelnde Kölner?

Die Lage in Köln ist, wie könnte es anders sein, mal wieder ungleich dramatischer als in Bremen. Unruhe im Verein gehört ebenso zur Domstadt wie besagtes Gotteshaus. Trainer Solbakken hat den Machtkampf gegen Finke zwar gewonnen, doch weitere Erfolgserlebnisse lassen seitdem auf sich warten. Der FC steht momentan auf dem Relegationsplatz und bewegt sich seit Wochen in Richtung Tabellenende, was angesichts der Konkurrenz aus Kaiserslautern und Berlin kein ganz einfaches Unterfangen ist. Am anderen Ende fehlen zwei Punkte bis ans rettende Ufer, die man ihnen aus Bremer Sicht gerne zugestehen würde, wenn dadurch der HSV mal so richtig ins Wasser fällt. Für den Saisonendspurt greift Solbakken nun nach dem letzten Strohhalm und setzte ein Kurztrainingslager an, nicht zuletzt um das Team enger zusammenzurücken. Nicht ins Bild passen da die Aussagen des ausgemusterten Novakovic, der sich nicht zum Sündenbock machen lassen will, während er zeitgleich von Solbakken für seinen professionellen Umgang mit der Entscheidung gelobt wurde. Oder eben doch.

Bei Werder sieht es nach der leichten Erholung letzte Woche personell wieder zappenduster aus. Die Rückkehrer Naldo und Bargfrede stehen mit Muskelfaserrissen bereits wieder auf der Verletztenliste. Für Mehmet Ekici ist nach seiner Leisten-OP die Saison endgültig beendet. Neben der notwendigen Umstellung im Mittelfeld (vermutlich Marin statt Bargfrede und ein Stühlerücken mit Junuzovic und Fritz) wird es wohl auch eine Änderung in der Viererkette geben, wo man Hartherz eine Pause und Schmitz ein Comeback als Linksverteidiger gönnt. Interessant wird die Frage sein, ob Werder die in der Rückrunde eher abwartende Herangehensweise an den Tag legen wird oder angesichts der dringend benötigten drei Punkte und der Kölner Probleme von Beginn an mutiger nach vorne agiert.

Ein Sieg gegen Köln wäre auch deshalb wichtig, weil es auf dem Papier der leichteste der verbleibenden Gegner ist. Danach folgen nur noch Spiele, in denen unter den momentanen Voraussetzungen jeder Punktgewinn als Erfolg zu werten wäre. Auch deshalb winkt Platz 7 nur noch aus weiter Ferne. Doch Werder hat im Saisonendspurt schon häufig das Ruder noch einmal herumgerissen. Am besten fängt man gleich heute damit an.

Stammtisch heute nur als Podcast

Der für heute Abend geplante Stammtisch wird nach den letzten beiden Absagen stattfinden, allerdings wird es diesmal keine Live-Übertragung geben. Da wir derzeit nur zwei feste Teilnehmer haben, ist es für uns besser und einfacher, den Stammtisch aufzunehmen, weil wir so Gäste mit dazu holen können, die nicht vor Ort sein können. Dadurch können wir den Stammtisch personell und thematisch anreichern.

Heute nach dem Spiel werden wir das Ganze also aufnehmen und dann hier im Blog als MP3 (und natürlich als Podcast bei iTunes) veröffentlichen. Irgendwann werden wir auch wieder einen Live-Stammtisch anbieten, aber momentan ist es für uns nicht wirklich sinnvoll umzusetzen.

Weichenstellung gegen Hannover

Nach den enttäuschenden Ergebnissen und zuletzt einer (dem vernehmen nach – ich habe das Spiel nicht gesehen) äußerst dürftigen Leistung in Berlin, gibt es für Werder heute ein direktes Duell um Platz 6. Da Leverkusen verloren und auch Stuttgart nur einen Punkt geholt hat, wäre der Sieger auch der große Gewinner des Spieltags. Verliert Werder erneut, droht man langsam aber sicher ins Mittelfeld abzurutschen.

Auch wenn die letzten Spiele gegen Hannover in keiner guten Erinnerung blieben, hat Werder eine starke Bilanz gegen die Niedersachsen. 96 hat seit neun Jahren nicht in Bremen gewonnen und sich in schöner Regelmäßigkeit Klatschen abgeholt. Diese Statistik ist eine schöne Erinnerung an bessere Zeiten, nützt Werder in der aktuellen Situation jedoch wenig. Aller Zuversicht bezüglich der Entwicklung des jungen Teams zum Trotz muss jetzt eine Reaktion kommen, will man nicht völlig aus der Spur und in die erste richtige Krise dieser Saison geraten.

Kein Freundschaftsspiel

König Otto ist zurück in der Bundesliga und trifft bei seinem zweiten Einsatz mit der alten Dame, bei der er damals seine Karriere begann, direkt auf seine alten Schützlinge und Freunde Thomas und Klaus, mit denen er gemeinsam viele Titel feierte und noch heute regelmäßigen Kontakt pflegt.

Rahmenbedingungen eines Märchens

Denken wir nun etwas zurück …
… In Deutschland bricht langsam der Frühling an, Berlin sehnt sich in zweierlei Hinsicht nach einem neuen Oberhaupt und wer könnte diese Rolle besser ausfüllen als der Fußballopa Otto, oder anders: der erfahrene Motivator Rehhagel, der doch nichts weiter tun muss, als eine Mannschaft vor dem Abstieg zu retten, die mit einem Kader ausgestattet ist, der eigentlich – schon wieder – viel zu gut ist, um abzusteigen. Den Einstand muss er dabei zudem gegen Augsburg bestreiten, ein Team, das in der ersten Bundesligasaison der Geschichte steht und bereits vor der Saison als der Absteiger überhaupt charakterisiert wurde.
Es waren Umstände, wie sie sonst nur in Märchen vorkommen.
Eine Bühne, vorbereitet für mediale Kuscheloffensiven, Huldigungen und nur einen möglichen Ausgang:

Ein Happy End.

Dass Werder zu dem Zeitpunkt noch auf Platz 5 lag und ein Heimspiel gegen Nürnberg vor der Brust hatte – was früher schlicht und ergreifend als Heimsieg einkalkuliert wurde – sorgte für noch mehr Vorfreude in Bezug auf das Wiedersehen der alten Weggefährten.

Als „Freundschaftsspiel“ wäre das Duell wohl charakterisiert worden, der mögliche sportliche Ausgang wäre in den Medien zur Nebensache geworden, ein Unentschieden wäre wohl das gewesen, was sich die meisten Journalisten angesichts vor Harmonie triefender Schlagzeilen gewünscht hätten.

Fehler im Drehbuch

„Denkste!“ dachten sich dann jedoch Oehrl und Koo auf Seiten Augsburgs sowie Esswein auf Seiten Nürnbergs, „ohne uns!“, und schossen – frech wie sie waren – erst die Hertha ab (0:3) und erdreisteten sich anschließend noch, Werder eine Heimniederlage zuzufügen (0:1) – Sauerei, das Märchen war geplatzt.

Die Bedingungen im Vorfeld sind nun nicht mehr freundschaftlich und friedlich, ein Unentschieden wäre für beide Teams inakzeptabel.

Während die Hertha mittlerweile auf dem Relegationsplatz steht, droht Werder das europäische Geschäft zu verspielen – Ausgänge, die für die jeweiligen Mannschaften verheerende Folgen haben könnten.

Kein Platz für Sentimentalitäten

Emotionen müssen daher am Samstag hinten anstehen. Es wird zu keinem „Freundschaftsspiel“ kommen, es zählt nur der Sieg.
Werder muss gewinnen, Hertha muss gewinnen.

Es gilt für den ehemaligen Schüler Schaaf, den ehemaligen Lehrmeister Rehhagel zu bezwingen und – so leid es ihm vielleicht tun mag – ihn, samt Team, in eine noch tiefere Krise zu stürzen.

Momentan zählt nur der eigene Erfolg, der Egoismus steht an vorderster Stelle und wie heißt es immer so schön: Der Schüler übertrumpft den Meister – hoffentlich auch hier.

Vielleicht, davon ist auszugehen, bleibt nach dem Spiel noch etwas Zeit für freundschaftliche Gesten, Zeit, für etwas Trost für den alten Herren mit der alten Dame.

Auf dem Platz wird davon aber hoffentlich nichts zu sehen sein, tut uns leid Otto – bedank dich bei den Spielverderbern aus Augsburg und Nürnberg.

PS: Da Partypeter leider gesperrt ist, habt ihr sowieso keine Chance, liebe Herthaner. Überlasst uns die Punkte also freiwillig. Bitte, wir drücken euch danach auch die Daumen!

 

 

 

Nach dem Nordderby: Nürnberg der nächste Stolperstein?

Wie nimmt man eine Leistung aus einem Spiel mit ins nächste? Gibt es wirkliche Lerneffekte oder sehen wir lediglich gesteigertes Selbstbewusstsein auf dem Platz? Die beiden Borussias strotzen derzeit vor letzterem, aber ohne erstere wären sie wohl kaum in der Situation, in der sie nun sind.

Dass Werders Selbstbewusstsein nach dem Derbysieg gegen den HSV einen Sprung nach oben gemacht hat, dürfte unbestritten sein. Aber was hat die Mannschaft gelernt?

Kaum Veränderungen im Nordderby

Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich zuerst anschauen, was im Vergleich zu den Spielen zuvor anders war. Viel fällt mir da bei nüchterner Betrachtung kaum ein. Die Grundausrichtung unterschied sich nicht von den bisherigen Spielen dieser Rückrunde. Werder stand tief und verteidigte mit einer 4-3 Aufteilung in Angriff und Mittelfeld. Die deutlichste Umstellung war der speziellen Taktik des HSV geschuldet. Um gegen die Dreierreihe aus Inneverteidigern und einem der Sechser, die der HSV in Ballbesitz hinten aufbietet, die Passwege optimal zustellen zu können, zog Marin häufig auf die rechte Seite neben Rosenberg und Pizarro und bildete so eine schmale Dreierreihe als vorderste Defensivlinie.

Man kann dieses System sicher auch als 4-3-3 beschreiben, als klassisches 4-3-3 sogar, bei dem die Außenstürmer bei gegnerischem Ballbesitz nicht zu Mittelfeldspielern werden. Allerdings verdeutlichte dieser Kniff vielmehr die Loslösung von der Raute als felxibles System vergangener Jahre, hin zu einem klaren 4-3-1-2 mit eher defensiv besetzten Halbpositionen. Bei längeren Phasen des Ballbesitzes zeigt sich dann allerdings schon noch manchmal die alte Schaaf-Schule, so in einer Szene in der 1. Halbzeit gegen den HSV, als Bargfrede als hinterster Mittelfeldspieler auf halblinker Position 25 Meter vor dem gegnerischen Tor in Ballbesitz war. Solche Szenen sind mittlerweile allerdings mehr Ausnahme als Regel.

Verbesserte Feinabstimmung, fehlende Kreativität?

Was also war anders? Die Feinabstimmung innerhalb der Mannschaftsteile wirkte verbessert. Vor allem in der ersten Halbzeit kamen die Hamburger gegen das Bremer Defensivgebilde kaum zu Torchancen aus dem Spiel heraus. Überhaupt nur ein Gegentor aus dem laufenden Spiel in 2012 bislang und kaum einen gegnerischen Konter zugelassen. Das ist nicht mehr das anfällige Werder aus der Hinrunde. Das Tor des HSV war ein individueller Fehler von Fritz, der sich in der Mauer wegdrehte. Besonders gut zu sehen war die Abstimmung in den Laufwegen der drei Offensivspieler bei Ballgewinn. Werder spielte Konter schnell zu Ende, suchte konsequent den Torabschluss und der Ballführende Spieler schien jeweils zu wissen, wohin sich seine Nebenleute bewegen.

Problemkind Marko Marin konnte endlich wieder einmal überzeugen und lieferte seine vielleicht beste Saisonleistung ab. Ähnlich wie dem zu Unrecht kritisierten Markus Rosenberg liegt ihm das Konterspiel, zumal er sich dank der Dreifachabsicherung und der Umsichtigkeit eines Claudio Pizarro auch relativ frei von positionellen Vorgaben über den Platz bewegen durfte. Schon allein dieser Aspekt wirft die Frage auf, inwiefern sich die Leistung aus dem Nordderby überhaupt auf ein Heimspiel gegen ein Team aus der unteren Tabellenhälfte übertragen lässt.

Es ist kein Zufall, dass die – auch gefühlt – besten Rückrundenleistungen gegen starke Gegner zustande kamen, die einen Anspruch darauf erhoben, das Spiel zu machen. Wenn Nürnberg Werder diese Rolle überlässt, wird sich zeigen, inwiefern Werder schon aus der starren Grundordnung ausbrechen und ein Spiel gestalten kann. Gegen Hoffenheim scheiterte man über weiter Strecken daran, allerdings auch gelähmt vom frühen Rückstand. Werder ist geduldiger geworden, lässt sich nicht mehr so leicht aus der Grundordnung locken, das ist die positive Seite. Die negative ist das langweilige, statische Spiel, das wir in den letzten Wochen häufiger gesehen haben.

Für Nürnberg spielentscheidend: Die Außenbahnen

Gibt es für den Club etwas zu holen in Bremen?

Es wird interessant zu sehen, wie sich Nürnberg auf Werders tiefstehende Grundordnung und vorsichtige Spielweise einstellt. Dieter Hecking ist ein intelligenter Trainer, der sich nicht auf ein System versteift (obwohl er ein 4-1-4-1 bevorzugt), aber dennoch dem Club seine Handschrift verpasst hat. Trotz des enormen Aderlasses im Sommer hat er eine schlagkräftige Mannschaft zusammengestellt und arbeitet sehr pragmatisch mit dem zur Verfügung stehenden Spielermaterial. Mehr als das Saisonziel Klassenerhalt ist für sein Team jedoch nicht dran, dafür ist das Leistungsgefälle zu groß. Mit Wollscheid steht der nächste hochkarätige Abgang schon fest und auch Esswein dürfte bei dem einen oder anderen Verein weit oben auf der Einkaufsliste stehen. Die Aufgabe wird zukünftig nicht leichter.

Das größte Problem des Clubs liegt im Zentrum. Von Simons kommt wenig kreatives und Balitsch ist trotz seiner Erfahrung nicht beständig genug. Das Nürnberger Aufbauspiel lahmt auch deshalb, weil es durch die Mitte zu wenige genaue Vertikalpässe gibt. Auch im Hinrundenduell offenbarten die Nürnberger in Überzahl dieses Problem gegen einen tiefstehenden Gegner. Gegen Werders Raute wird man im Zentrum wenig Chancen haben. Das Ziel muss es vielmehr sein, das Spiel über die quirligen Außenspieler Esswein, Chandler oder Eigler in die Breite zu ziehen und so Werders Bollwerk in der Mitte aufzubrechen. Gegen Köln haben die Franken ihre Stärke auf den Flügeln aufblicken lassen und die Kölner so vor herbe Probleme gestellt. Die aufrückenden Außenverteidiger könnten Werder so häufiger in 1 vs 2 Situationen bringen und den kopfballstarken Pekhart mit Flanken einsetzen.

Eine Führung würde Nürnberg schon allein deshalb in die Karten spielen, weil dann mit zunehmender Dauer die Räume für schnelle Gegenstöße über die Flügel größer werden. Gespannt bin ich aber auch darauf, was sich Hecking gegen das abwartende Bremen einfallen lässt. Wird er es mit Pressing versuchen und voll dagegen halten oder eher versuchen, Werder aus der Defensive zu locken?

Bremer Pragmatismus als Gegenwartsmodell

Für Werder ist es bei aller Unvergleichbarkeit wichtig, die Funktionalität aus dem Nordderby zu erhalten. Es ist ein schmaler Grat zwischen schlauem, abwartendem Spiel und Langweilerfußball. Um ihn zu meistern, müssen die kleinen Dinge weiter verbessert, die Abläufe noch mehr verinnerlicht, die Laufwegen besser abgestimmt werden.

Manch einer wird sich morgen wieder wundern, warum Rosenberg in der Startaufstellung steht und nicht Arnautovic. Es liegt vor allem daran, dass Rosenberg sich in diesen Dingen gesteigert hat. Aus der öffentlichen Kritik bringen ihn nur Tore, doch beim Trainer macht er sich dadurch beliebt, dass er mit intelligenten Läufen und einem guten Blick für den Nebenmann das direkte Offensivspiel mit tragen kann. Trotz des Siegs im Nordderby ist weiter Pragmatismus gefragt.

Am Sonntag, den 26.02. ab 17 Uhr geht es beim 8. Grünweiß-Stammtisch über das Spiel gegen Nürnberg und die neusten Entwicklungen beim SVW.

Foto: firutin / Flickr