Ein grünweißer Liebesbrief

Liebstes Grünweiß,

Ich fürchte, es geht mir nicht gut. Es war nach dem Spiel, da ist es mir aufgefallen. Ich habe schon währenddessen aufgehört zu reden. Aufgehört zu fühlen, fast. Frustration. Ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Es ist wieder so. Es ist auf und ab und mehr ab als auf. Und eigentlich weiß ich, es ist zu früh, Schlüsse zu ziehen. Aber es sind doch schon zwei Jahre. Oder doch nur 7 Tage? Ich weiß es nicht. Ich weiß, es braucht Zeit. Ich weiß, ihr seid jung. Und so noch nie zusammen. Doch es ist schwer, zu glauben. Es fiel mir nie schwer, zu glauben. Nicht an uns.

Es sind Grundsätzlichkeiten, die fehlen. Bei mir und dir. Ich, liebstes Grümweiß, ich bin nicht hemmungslos euphorisch. Und manchmal habe ich mich dabei ertappt, etwas desinteressierter zu sein. Etwas weniger begeistert. Mit etwas mehr Angst als Mut ans nächste Spiel zu denken. Nicht mehr jeden Artikel und jede Verletzung mitzubekommen. Manchmal den Schal erst noch in letzter Minute zum Spielbeginn zu holen. Und manchmal habe ich das Vertrauen verloren, selbst nach Toren, selbst nach dem Inführunggehen. Auch nach all den Pässen, die fast wie Liebesbeweise waren. Habe ich manchmal nur mit halbem Herzen gejubelt.

Aber du bist auch etwas kälter geworden, oder nicht? Und nach dem zweiten Gegentor hast du mich sogar ganz allein gelassen. Allein mit der Wut und mit der Fassungslosigkeit und dem Unverständnis. Und bist stattdessen innerlich schon längst woanders gewesen. Hast meinen Schreien und dann meinem Schweigen nichtmal zugehört. Ich will nicht nachtragend sein. Und ich will dich nicht vergleichen, mit früher, mit dir selbst, weil alles sich entwickelt. Und weil ich jede Entwicklung, jede Änderung und jeden neuen Zug an dir genießen will. Doch etwas fehlt. Und ich weiß nicht, was. Etwas Nähe, etwas Hoffnung. Ein Blick von dir, ein Schritt mehr nach vorne als zurück. Ich will dir Zeit geben, so schwer es mir fällt. Denn innerlich hoffe ich ja doch immer, das beim nächsten Mal alles wieder gut ist. Oder besser.

Aber warum sagst du mir nicht, was du willst? Und komm’ mir nicht mit Champions League! Und rede nicht von vorne. Sag mir, was hinten fehlt. Fang von unten an. Stopf die ewig gleichen Löcher. Wenn alle wieder nur nach oben denken und nach vorne flüchten und Löcher reißen. Ins Spielfeld, da!, ich kann es sogar sehen. Direkt vor der Abwehr! Und ich bin mir sicher, das ist nichts neues, im Gegenteil. Das ist dort schon, seit ich dich kenne. Sag mir nicht, du möchtest attraktiver werden und Dinge zeigen und Sachen anbieten. Sag mir ehrlich, was möglich ist. Ich würde da sein. Ich würde geduldig sein. Und warten. Und sei’s ein Leben lang.

Und ich würde dir Ruhe geben und bei dir bleiben, auch wenn es dir nicht gut geht. Ich kann damit leben, wenn du eine Zeit lang nicht mehr so aufgedreht und mitreißend bist, nicht mit Gold und Silber glänzen kannst. Wenn du etwas ruhiger bist, etwas defensiver, dich manchmal zurückdrängen, aber nie hängen lässt. Versprich mir, dass du dich nie wieder so aufgibst.

Ich kann dir helfen, gesund zu werden. Fang langsam an, aber bleibe dabei. Überstürze nicht wieder. Wirf nicht alles wieder hin, nur weil nichts sofort klappt. Und stoß nicht alles um, sobald es funktioniert. Ich wünsche mir Ausdauer. Und gar nicht so viel mehr. Ich will nicht wieder sehen müssen, wie du dir mit deinem Übermut nach ein paar tollen Spielen alles selbst einreißt.

Bitte glaub an dich, ich weiß, ich habe es manchmal nicht getan. Ich weiß, manchmal war es auch mein Übermut und nicht deiner. Und manchmal habe ich dich nicht wissen lassen, wie sehr ich dich liebe. Und lieben, das meint fürimmer. Das meint, ich halte auch zu dir, wenn du dich selber nicht magst. Dich nicht wiederfinden kannst. Ich werde dir immer helfen.

Denn ich weiß auch, dass ein Weg nicht einfach geradeaus geht. Geht er nie. Besonders nicht hangaufwärts. Aber ein paar Schritte in die richtige Richtung heißt auch nicht, dass du schon wieder rennen kannst. Und nicht, dass ich das will. Und wenn in der Abwehr die ersten Abläufe klappen. Wenn in der Mannschaft langsam die ersten Pässe blind ankommen. Wenn manchmal tatsächlich auch alle den Blick zum Neben-, zum Hintermann haben. Dann hör nicht auf, bleib nichtmal stehen, denn dann geht es erst los. Denn ich habe oft gesehen, wie du dann vor Freude vergessen hast, weiter zu machen. Und wie du dann nur noch blind und munter ins Verderben gespielt hast.

Weißt du, ich verstehe dich ja. Ich verstehe die Freude und auch das Zu-weit-denken. Ich bin ja selbst oft so. So stur und ungeduldig. Aber ich will nicht deine Schönheit, ich will Liebe. Ich will nicht, dass du mit aller Macht versuchst, mich glauben zu lassen, es wäre alles gut (oder doch zumindest kurz davor!). Ich will, dass du von Innen heraus wieder gesund wirst. Was muss denn noch passieren, damit du aufhörst, dich kaputt zu machen? Und statt an den wirklichen Problemen zu arbeiten, nur immer danach schreist, etwas zum Drüberkleben zu finden?

Ich will gar nicht neue Spieler, ich will auch nicht, dass du so tust, als wäre dieser oder jener Schuld und eigentlich funktionerte doch alles. Sieh’ doch hin. Zum Beispiel auf der Sechs. Da waren so viele verschiedene Spieler und alle machen die gleichen Fehler. Und am Ende ist da wieder diese endlose Weite, die selbst Prödl mit ausgestreckten Armen noch immer nicht fassen kann. Hast du seinen Blick gesehen? Die Ratlosigkeit? So geht es mir auch, wenn ich das sehe. Aber siehst du das? Und warum passiert das? Wieder und wieder? Egal mit wem?

Das ist es, was mich stört. Du kannst dich selbst nicht sehen. Lass mich dein Spiegel sein. Du kannst so oft sagen, wie du willst, dass es dir gut geht, die Stimmung toll ist, das Team harmonisch ist, die Spieler mutig sind, die Abläufe verbessert werden und und und. Aber du kannst nicht erwarten, dass ich wegsehe.

Komm’ mit mir. Ich nehme dich mit. Ich nehm’ dich an die Hand. Und geh mit dir den ersten Schritt, ich weiß, der ist am schwersten. Denn der erste ist immer ein Schritt zurück. Habe den Mut, den ich dir gebe. Habe den Mut, dir einzugestehen, dass es so nicht gut ist und auch nicht weitergehen kann. Dafür halte ich dich, den ganzen Weg.

Ich werde bleiben. Und ich will, dass du auch bei mir bleibst.
Bitte rede mit mir. Bitte lass mich nicht wieder so allein.
Ich werde für dich da sein, aber du musst mich auch lassen.
Und du musst an dich glauben. Bitte, bitte, gib nie wieder auf.

In Liebe,

Anna

 

 

 

 

 

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6 Gedanken zu “Ein grünweißer Liebesbrief

  1. ich stell mir gerade vor, wie jemand den brief ausdruckt (in mehrfacher ausfuehrung), in briefumschlaege steckt und an das trainerteam und die spieler schickt. de bruyne wird so rot wie nie zuvor am kopf, arni sackt zusammen, mielitz schaut noch trauriger rein und fritz verliert kurz sein sunnyboy-gesicht. doch nach diesem moment wissen sie was zu tun ist und fahren zum training, wo aaron und sokratis sich schon eine stunde vor trainingsbeginn die baelle um die ohren hauen und auf den rest der mannschaft warten. dann wird der brief nochmal allen vorgelesen… also mich hat er jedenfalls beeindruckt.

    • Vielen Dank! Interessanter Weise bist du schon der zweite, der vorschlägt, den Brief auszudrucken. Vielleicht sollte ich mal etwas ernster darüber nachdenken, als es als reinen Witz abzuhaken.. :-)

  2. Hab diese Seite am 10.Oktober endeckt und irgendwie passiert hier ja gar nichts mehr. Und das obwohl rund um Werder einiges geschehen ist. Würde mich freuen, vor dem Spiel gegen Düsseldorf hier Prognosen lesen zu können! Also – weitermachen! ;)

  3. Pingback: Die grüne Maus der Liga | Clubfans United

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