Ein Spiel als Sinnbild des Wandels – der ehemalige Aufbaugegner als Werders erster Gradmesser

Früher, als die Werder-Welt noch schön war, man regelmäßig mindestens EL spielte, im Normalfall sogar CL, da waren Siege gegen den “kleinen HSV” aus der Stadt, die eigentlich lieber Bremen wäre fest einzuprogrammieren.
Das galt für Heim- wie Auswärtsspiele gleichermaßen, insbesondere die Auswärtsspiele waren dabei jedoch hervorzuheben – und sind es mittlerweile wieder.

Ein neuer Konkurrenzkampf im Norden – Hannover auf der Überholspur

Dass sich die Kräfteverhältnisse im Norden von der ehemals klaren Staffelung glorreicher SVW – verbitterter titelloser HSV – manchen sympathischer Kiezklub – kleiner Rest deutlich verschoben haben muss man nicht mehr großartig erwähnen, deshalb geh ich auf den Fall der beiden einst großen und im Norden unantastbaren Bundesliga-Gründungsmitglieder nicht ein.
Viel interessanter ist die Entwicklung des früher kaum beachteten und mittlerweile von vielen als Nummer 1 im Norden angesehenen Sportvereins aus Hannover.
Binnen weniger Jahre (2-3, um genauer zu sein) haben Schmadtke und Slomka unter Schirmherr Kind aus dem ehemaligen Abstiegskandidaten und graue Maus-Club Hannover den vielleicht am effizientesten arbeitenden Verein der Bundesliga gemacht – sowohl auf, als auch abseits des Rasens.
Man spielt sehr intelligent und stellt mittlerweile – vor allem im eigenen Stadion – für jeden Klub der Liga eine Herausforderung dar.

Beschränkte man sich anfangs noch größtenteils aufs reine Kontern aus einer sehr gut gestaffelten Defensive und überraschte damit so manchen, so passte man mit der veränderten Wahrnehmung in der der Öffentlichkeit mehr und mehr an.

Mittlerweile sind immer noch das blitzschnelle Umschaltspiel und die gesicherte Defensive die Schlüssel des Hannoveraner Spiels, doch ist man, gereift durch die zwei Jahre Erfahrung in der Europa League, um einiges facettenreicher geworden.

Während Schmadtke den Kader um einige spielstärkere Akteure ergänzte (hervorzuheben sei hier insbesondere Huszti), feilte Slomka an verbessertem Aufbauspiel und Kombinationen auf kleinerem Raum.
Die spielstärksten Akteure der 96er sind dabei [Da Silva] Pinto, Huszti und Schlaudraff.
Zusammen sind sie in Topform in der Lage, aus der rein konterstarken Mannschaft ein Team mit immer weniger echten, ausgeprägten Schwächen zu machen.

Kurzum: Hannover ist – leider, aus Bremer Sicht – ein unfassbar schwer zu bespielender und sehr starker Gegner geworden.
Sie sind, so die Momentaufnahme, näher an den Spitzenteams dran als der SVW, weil sie reifer und abgeklärter spielen, insgesamt ausgereifter und in ihrer Entwicklung weiter sind.

 Der Wandel des SVW – Der Neuanfang eines einstigen Spitzenteams

Der Saisonstart der Bremer war – rein punktetechnisch – durchschnittlich und noch nicht übermäßig erkenntnisreich.
Eine zu erwartende Auftaktniederlage  gegen den BVB, wo man für viele überraschend mitspielte und ein zu erwartender Derbysieg gegen den mal wieder (oder immer noch) kriselnden HSV, wo man sich schwerer tat als gehofft.

Werders Stärken liegen momentan in einem bereits ordentlich einstudierten Flügelspiel und im Vergleich zu Vorjahren deutlich verbessertem Umschaltspiel, ermöglicht hauptsächlich durch Veränderungen im Mittelfeld und die Umstellung des Spiels auf ein System mit offensiven Außen.

Man hat dabei mit Hunt, Junuzovic und Fritz/Bargfrede ein sehr ausgeglichenes Mittelfeld-Trio, das sowohl laufstark als auch annehmbar zweikampfstark, schnell und spielstark ist.
Hervorzuheben ist hierbei das starke Duo aus Junuzovic und Hunt, die sich exzellent ergänzen und – der eine wie der andere – für viele, insbesondere außerhalb Bremens, eine positive Überraschung darstellen.
Während Junuzovic durch ein enormes Laufpensum und dabei immer effizienteres Spiel auffällt, was in der Rückrunde noch sein Problem war, überrascht Hunt durch ein in fast allen Bereichen unglaublich souveränes Auftreten.
Er zeigt sich selbstbewusster, übernimmt Verantwortung und übertragt das auch auf den Platz.
Er fordert den Ball, hält ihn, verteilt ihn – alles durchdacht, alles mit Hunt und Fuß.
Er ist, das muss man so hervorheben, der Strukturgeber in Werders Spiel und wurde bereits am ersten Spieltag von Klopp hervorgehoben als der Mann in Werders Spiel, den man nicht in den Griff bekam.

Auf den Außen wird das Team, auch in seiner Spielweise, durch die pfeilschnellen Elia, Arnautovic und den immer wieder vorstoßenden Gebre Selassie ergänzt.
Insbesondere Arnautovic hat dabei eine sehr positive Entwicklung genommen, spielt ruhiger und abgeklärter und trägt somit deutlich mehr Hilfreiches zum Spiel bei.
Sein Auftritt gegen den HSV war dabei sehr stark, als Tandem mit Gebre Selassie machte er den Hamburgern auf der rechten Seite das Leben schwer, wobei auch hier seine größte Schwäche offensichtlich wurde: Der schwache Abschluss.
Elia steht noch, oder wieder, etwas im Schatten seines Freundes und Teamkollegen, ist jedoch ebenfalls lobend hervorzuheben.
Er setzt, so wirkt es, auf dem Platz das um, was man ihm vorgibt. Er macht keine Probleme, er hat sich hervorragend ins Team eingefunden und trägt durch ganz viel #love zur guten Stimmung im Team bei.

Das “Problemkind” im Mittelfeld ist momentan Kevin de Bruyne, das ausgeliehene Toptalent – hier ist der Begriff meiner Meinung nach angebracht – vom FC Chelsea.
Problemkind insofern, als dass seine Rolle im neuen System noch nicht gefunden wurde.
Zwar macht er noch viele Fehler, was an noch nicht abgeschlossener Integration und Anpassung an die neue Liga liegt, doch ist er dennoch ein Spieler, der Werders Spiel sehr viel Variabilität und Kreativität verleihen kann.
De Bruyne ist immer auf der Suche nach dem “richtigen”, dem gefährlichen Pass, hat aufgrund seiner technischen Klasse und Übersicht viele Optionen und eignet sich hervorragend zum Kombinieren.
Im Mittelfeld ist er jedoch schwer einzusetzen, da man für ihn den 6er (Fritz/Bargfrede) opfern und Junuzovic dorthin ziehen müsste, womit man ein hohes Risiko eingehen würde.
Man wäre, mittlerweile fast ein Markenzeichen Werders, konteranfälliger und könnte die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld kaum so klein und eng halten, wie es sein müsste – was man bereits gegen den HSV, Münster und mit Abstrichen den BVB sah.

Im Nordderby war es insofern kein Problem, als dass der HSV diese Lücken nicht auszunutzen wusste.
Gegen Münster schied man auch deshalb bereits in der ersten Pokalrunde aus.

Was Hannover als Auswärtsspiel zu Werders Grauem macht

Wie bereits kurz erwähnt hat Werder Schwächen darin, die Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr gering zu halten, lässt regelmäßig Lücken im Arbeitsfeld des 6ers und hat auch häufiger Probleme damit, die Schnittstellen abzudecken.
Gegen den HSV war das kein Problem, gegen H96 wird es genau das sein.

Hannover ist, was das Ausnutzen derartiger Schwächen angeht, brutal stark.
Bei Kontern nutzen sie genau diese Räume exzellent aus, kombinieren sich hindurch und sind – ebenfalls ein Markenzeichen – vor dem Tor eiskalt.
Für Werder eine potentiell tödliche Mischung, könnte man doch, sollte man sich verkalkulieren, mächtig unter die Räder geraten, wie am letzten Spieltag Wolfsburg.

Deshalb ist dieses Spiel der erste echte Gradmesser für Werder: Gegen den BVB hatte man nichts zu verlieren, Hamburg kam als in vielen Bereichen schwacher Gegner.
H96 hingegen hält einem den Spiegel vor die Nase.
Sie zeigen auf, was in den letzten Jahren schief lief, sie halten einem die eigenen Schwächen vor die Nase und sobald sie die Chance haben reiben sie mächtig Salz in die Wunde.
Hier kann man zeigen, wie weit man in der Entwicklung schon ist.
Man kann zeigen, ob man die eigenen Schwächen begriffen hat und man hat die Chance, einen weiteren Schritt nach vorne zu machen.
Ein Unentschieden wäre aufgrund der enormen Heimstärke Hannovers und ihrer für uns unpassenden Spielweise schon ein Erfolg, ein Sieg wäre – für mich – überraschend und ein Ausrufezeichen an die Konkurrenz, die einen vielleicht schon totsagte.

Viel wichtiger als das Ergebnis ist momentan jedoch, ob man eine Entwicklung zeigt – das ließ man in der Vergangenheit nämlich vermissen.
Anders als H96 – der Nordverein, der momentan am ehesten die Bezeichnung “Spitzenteam” verdient hat.

Dennoch, da träumen erlaubt ist: Auf gehts Werder, kämpfen und siegen – die Nummer 1 im Norden sind wir, also zeigen wir das auch!

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