Werder im Zeichen der Jugend – Die etwas andere Derbyvorschau

„Es gibt keine zu jungen oder zu alten Spieler, …

Es gibt nur gute oder schlechte.“

Wahre Worte, die König Otto einst sprach und die an Aktualität wenig bis gar nichts verloren haben. In den letzten Wochen war das Werder in den Medien immer eines, dem Erfahrung fehlte. Man sprach vom „Jugendwahn“, der „jüngsten Werder Elf aller Zeiten“ und bemängelte, dass Werder noch „zu grün hinter den Ohren“ sei – was, nebst der Eindimensionalität der Denkweise, ein wenig kreatives Wortspiel ist.

Nun ist das Thema der Jugend von Werders Elf größtenteils ausdiskutiert, weshalb ich gar nicht viel mehr darauf eingehen will. Viel mehr möchte ich begründen, wieso mich diese – doch sehr einseitige – Berichterstattung stört.

(K)eine Frage der Jugend

Ich für meinen Teil denke nicht, dass unser Problem direkt in der Jugend besteht. Das, was zu Anfang der Rückrunde und beispielsweise im Spiel gegen Leverkusen Hoffnung machte, war die Leistung der jungen, aus dem Nachwuchs nach oben drängenden Spieler. Die Leistung der „arrivierten“ Spieler, wie beispielsweise Fritz, Rosenberg und Wiese, war auch hier eher solide und gab wenig Anlass zur Euphorie. Wenn man nun überlegt, dass in der Rückrunde Rosenberg bislang vier Mal – wenn auch unglücklich – durch Pfostentreffer oder schwaches Verhalten vor dem Tor eine Siegchance vertan hatte (Freiburg, Hoffenheim, Lautern, Leverkusen), sowie Wiese bislang an mindestens 3 der 4 Gegentore in der Rückrunde mit Schuld ist (Freiburg, Leverkusen), so stellt sich doch die Frage: Wieso soll es an Werders Jugend liegen?

Zugegeben, Hartherz war in Freiburg ebenso an einem Gegentor beteiligt wie Affolter gegen Hoffenheim, jedoch war hier jeweils ganz klar erkennbar, dass es „Anfängerfehler“ waren. Das wiederum lässt sich der Jugend und mangelnden Erfahrung zuschreiben, wäre jedoch problemlos zu kompensieren gewesen, würden die „alten Hasen“ die Leistung abrufen, für die sie eigentlich stehen sollten. Junge Spieler machen Fehler und müssen diese auch machen dürfen. Sie haben – zumindest von meiner Seite aus – die Erlaubnis dafür, mit ihnen ist man geduldig.

Doch auch die Diskrepanz zwischen den erwarteten Leistungen der älteren, erfahrenen Spieler und den tatsächlichen Leistungen ist es nicht, was in meinen Augen das Hautproblem ist.

Neue Zeiten, alte Diskussionen

Achtung, ab hier geht’s ins Klischee: Wir brauchen einen echten Typen!

Spätestens mit dem Abgang von Frings im Sommer entbrannte auch bei Werder die „Leader“ Debatte. 
Was die spielerische Qualität angeht war Frings bereits in der letzten Rückrunde vielen Werder Fans eher ein Dorn im Auge, hatte man doch sehr oft den Eindruck, dass er mit dem heutigen Tempo nicht mehr mitkäme. Kurz vor und nach seinem Abgang war die Frage jedoch eine andere: Kann Werder die Führungsfigur Frings ersetzen? Spätestens nach dem guten Start in die Hinrunde der Bundesliga geriet diese Frage immer mehr in Vergessenheit.

Angesichts des mäßigen Rückrundenstarts, bei dem bereits 4 Punkte nach einer Führung verschenkt wurden, kommt man jedoch – insbesondere angesichts der Jugenddebatte – meiner Meinung nach nicht um eine erneute „Leader“ Diskussion herum.

Dabei ziele ich persönlich jedoch nicht auf einen Typen wie Frings ab, sondern viel mehr auf jemanden wie Baumann. Unser alter Kapitän war jemand, der für die anderen Spieler auf dem Platz stets ein Fels in der Brandung war. „Baumi“ strahlte Ruhe und Souveränität aus, stand aber gleichzeitig für unbändigen Siegeswillen. Unvergessen sind noch heute die Derbywochen und zumindest ich denke sofort an Baumanns Tor im UEFA Cup in Hamburg (Achtung, leichte Glorifizierung bevorstehend):
 Die legendäre Papierkugel – gesegnet sei sie – führte zu *dem* Eckball. Geschlagen von Diego segelte er in den 16er, Hugo köpfte, der Ball wurde geklärt, prallte durch den Strafraum und kam zu unserem Kapitän. Todesmutig stürzte Baumann sich mit dem Kopf in den Ball, obwohl Trochowskis Stollenschuhe ihn erwarteten. Der Ball ging ins Netz, die Emotionen bordeten über.

Das Ende ist bekannt und ich möchte an dieser Stelle gar nicht weiter den Finger in die Wunde halten, was ich eigentlich sagen wollte war:
 Baumann war jemand, der angesagt hat, wo es langging. Er konnte das Tempo des Spiels diktieren, die Struktur definieren und ein Spiel auch beruhigen. Insbesondere gegen Leverkusen und Freiburg hat man nach der Führung gesehen, dass ein solcher Spieler uns momentan fehlt, mehr vielleicht noch als alles Andere.

Die ewige Verletztenplage

Der einzige Spieler, dem ich diese beruhigende Rolle momentan zutrauen würde, ist – wer hätte das vor der Saison gedacht – Aaron Hunt. Ja, der so oft gescholtene, als ewiges Talent abgestempelte und in seiner Jugend als unprofessioneller Partygänger verschriene Aaron Hunt ist der Spieler, in den ich für unser Mittelfeld im Laufe der Rückrunde unsere Hoffnung setze. Ausgerechnet du, Aaron.

Was ihm oft als Tempoverschleppung vorgeworfen wurde war in der Hinrunde genau das, was uns bei knappen Spielen geholfen hat. Spätestens seit dieser Saison übernimmt Hunt Verantwortung, er versucht voranzugehen, er bringt sich ein. Es passt zu seinem bisherigen Karriereverlauf, dass er ausgerechnet zu dieser Phase erst ein völlig unnötiges Frustfoul begeht – was dem „neuen“ Hunt schlicht nicht hätte passieren dürfen – und sich dann verletzt. Es passt zu Werder, dass sich dann auch noch Naldo verletzt, welcher so wichtig für die defensive Stabilität bei Ecken war und so viel Gefahr bei eigenen Standards versprühte. Es passt zu Werder, dass sich zusätzlich zu alledem auch noch sein Quasi-Stellvertreter Prödl verletzt.

Wir hätten – da bin ich mir sicher – mit diesen Spielern die Spiele in Freiburg und gegen Hoffenheim gewonnen. Vielleicht auch gegen Kaiserslautern, wahrscheinlich auch gegen Leverkusen. Doch das Jammern hilft nichts, jetzt müssen es die anderen Spieler richten. Vielleicht, ganz vielleicht, entwickelt sich ein neuer Baumann. Man weiß es nicht.

Doch damit sei die Jugenddebatte von meiner Seite aus zum Großteil abgeschlossen, widmen wir uns daher nun der bevorstehenden Aufgabe: Dem Derbysieg.

„Das wichtigste Spiel des Jahres“

Claudio, „das Schlitzohr“, Pizarro, der Schrecken der Hamburger bezeichnete das Derby unlängst als das für ihn „wichtigste Spiel des Jahres“. Zurecht, lieber Claudio. In die gleiche Kerbe schlägt auch der Jugendspieler Niclas Füllkrug: „Spiele gegen den HSV muss man immer gewinnen und man muss immer vor ihnen in der Tabelle stehen.“

Mit Zlatko Junuzovic ist ein weiterer Derbyerfahrener Spieler dabei, wenngleich es sich bei ihm um die prestigeträchtigen Wiener Duelle handelte, die dem Nordderby an Brisanz jedoch in nichts nachstehen.

Die Frage ist jedoch, ob diese Mannschaft ohne einen Strukturgeber in der Lage ist, bei einem so hitzigen Spiel wie einem Derby einen klaren Kopf zu bewahren und zu gewinnen, denn nichts Anderes darf angesichts der vier Unentschieden in Folge sowie des letztjährigen Derbydebakels in Hamburg des im letzten Jahr ausgefallenen Auswärtsderby’s zählen oder, Niclas?

Laienanalyse

In den wenigen Spielen des HSV unter Fink, die ich bisher sehen konnte, war es immer mehr als auffällig, wie früh und extrem Hamburg bei Ballbesitz über die Flügel spielte. Dabei rückten die Außenverteidiger sehr weit mit auf, die Flügelspieler im Mittelfeld rückten fast bis in den Sturm vor, beide Stürmer standen sehr weit vorne und warteten auf Flanken. Die Innenverteidiger rückten dabei sehr weit auseinander. Um dieses Loch zwischen den Innenverteidigern zu stopfen ließ sich wiederum ein defensiver Mittelfeldspieler zwischen die Innenverteidigung fallen, was jedoch dazu führt, dass das gesamte Zentrum im Mittelfeld von einem einzigen Spieler abgedeckt werden musste. Das führt zwangsläufig zu sehr viel Platz im Zentrum, was der auf ein Spiel durch die Mitte angelegten Raute Werders theoretisch entgegenkommen müsste, während die Anfälligkeit über die Flügel tödlich sein könnte.

Außerdem scheint es, als sei Hamburg bei gegnerischem Ballbesitz sehr wohl in der Lage, das Zentrum einerseits und die Flügel andererseits gut dicht zu machen. Sie stehen sehr gut gestaffelt, bieten dem Gegner wenig Raum und spielen – ähnlich wie Werder – mit sehr viel Aufwand. Werder muss also mehr denn je bei eigenem Ballbesitz schnell nach vorne spielen, die Löcher im Zentrum ausnutzen und die breite Staffelung der Verteidigung durch Pässe durch die Schnittstellen für sich zu benutzen wissen.

Fazit

Bei diesem Derby gibt es in meinen Augen keinen klaren Favoriten, wenngleich die Tendenz eher Richtung HSV zeigt, da sie den Heimvorteil auf ihrer Seite wissen und stärker in die Rückrunde starteten. Für Werder sprechen die insgesamt bessere Saison, die sehr stark ausgeprägte Kämpfermentalität, welche beim Derby von Vorteil sein könnte und natürlich das Schlitzohr Claudio.

Von Vorteil könnte auch die Rückkehr Marko Marins in die Startelf sein, ist er doch ein Spieler, der dieses gewisse, provokante „Etwas“ aufweist und damit eventuell den einen oder anderen Platzverweis produzieren könnte. Von seiner theoretisch vorhandenen individuellen Klasse mal abgesehen.

Es wird auf jeden Fall spannend und es gilt – immer und doch mehr als sonst – auf geht’s Werder, kämpfen und siegen!

Damit das Debakel endlich vergessen werden kann…

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