Kurz und knapp: Drei Punkte

PUH!

Gewonnen. Ein Auftaktspiel in der Ferne. Zum ersten Mal seit sieben Jahren. In Braunschweig. Zu Null.
Hochverdient.

Naja, hochverdient vielleicht nicht unbedingt. Aber – und selten war die vielleicht meistgenutzte Phrase der Fußballwelt treffender – was zählt, sind die drei Punkte.
Zur Erinnerung: Vor einer Woche schied das Team in der ersten Pokalrunde gegen Saarbrücken, einen Drittligisten, aus. Im dritten Jahr in Folge.
Ebenfalls zur Erinnerung: Werders letzter Pflichtspielsieg lag fast genau 6 Monate zurück. Damals gewann man 4:1 in Stuttgart und damit zum ersten Mal seit gefühlt drei Jahrzehnten zwei Spiele in Folge. “Ausgerechnet in Stuttgart” hörte ich mich damals sagen. “Jetzt geht noch mehr”, dachte ich.

Es ging sehr viel danach – in negativer Hinsicht. Kurzform: Schlechteste Rückrunde der Vereinsgeschichte, Fastabstieg, Ende der Ära Schaaf.

Ein neues Kapitel

Schaaf ging, Dutt kam, die meisten Spieler blieben.
Folgerichtig las man davon, dass das Team Zeit benötigen würde und werde.
Das stimmt.
Der Auftritt gegen Saarbrücken war dennoch inakzeptabel, doch das habe ich an anderer Stelle, ebenfalls hier im Blog, thematisiert. Die Konsequenz war, dass man bereits vor dem ersten Bundesligaspiel unter Dutt zum Abstiegskandidaten geschrieben und seitens der Medien ernannt wurde. Nein, damit meine ich nicht den witzigen alten Mann aus München, dessen Zurechnungsfähigkeit ich weder beurteilen kann noch wirklich will.
Auch die “Sky Experten” beim Topspiel tippten unisono auf Braunschweig.

Es war daher in vielerlei Hinsicht wichtig, jenes Spiel zu gewinnen:
Für die Ruhe im und um den Verein.
Für das Gefühl der Fans.
Für die Psyche des Teams.

Anders als gegen Saarbrücken erweckte das Team von Beginn an den Eindruck, das Spiel unbedingt gewinnen zu wollen, auch bei großer Gegenwehr seitens des Gegners.
Man wirkte weiterhin unsicher und teilweise verkrampft und der Auftritt war weit davon entfernt, ansehnlich, überzeugend oder souverän zu sein.
Dennoch: Man tat das, was man zu diesem Zeitpunkt konnte, um die drei Punkte mit nach Hause zu nehmen. Und es hat funktioniert.
Die Gründe dafür waren einerseits Miele, der das Team per Glanztat vor einem Rückstand bewahrte, Junuzovic, der (nach sehr schöner Vorlage Prödls) das wichtige 1:0 schoss und anschließend am liebsten stundenlang vor der Kurve gejubelt hätte, sowie Caldirola, der Werders Führung rettete und dadurch auch Miele davor bewahrte, wegen eines “Patzers”, den pro Spieltag 3 Keeper überbieten, zerrissen zu werden.
Moment, nein, zerrissen wird Miele von manchen dennoch.
Dennoch: Die drei Punkte wandern nach Bremen.

Dutt reagiert, Werder agiert

Hervorzuheben ist allerdings auch, dass Dutt auf seine Versäumnisse (aus meiner Sicht) aus dem Pokalspiel reagierte.
Auf dem Papier änderte sich wenig: Miele im Tor, Fritz, Prödl, Caldirola und Gebre Selassie in der Abwehr. Davor Makiadi, Junuzovic und als einziger Neuling Kroos, der für Füllkrug in die Startelf rückte. Ekici rückte dafür nach vorne und unterstützte Hunt und Petersen.

Anders als gegen Saarbrücken agierte Petersen jedoch nicht mehr halbrechts und Hunt zentral, sondern Hunt halbrechts und Petersen zentral. Bei Ballbesitz Braunschweigs attackierte Petersen die Defensive, Hunt und Ekici spielten leicht versetzt hinter ihm und stellten die Passwege zu. Junuzovic agierte zentral hinter den beiden und ging viele Wege, sowohl offensiv als auch defensiv. Kroos und Makiadi agierten defensiver und ließen sich abwechselnd zwischen oder neben die Innenverteidiger fallen, um den Spielaufbau voranzutreiben. Die Außenverteidiger schoben dabei nach vorne. Allerdings nicht, wie im Pokal, ~15m über die Mittellinie, sondern diesmal im gesunden Maße.
Dadurch waren sie anspielbar, schufen – wie es in der Theorie sein soll – eine Überzahlsituation im Mittelfeld und erleichterten es den übrigen Akteuren, einen Anschein von Kontrolle und Dominanz zu erwecken und mehr und mehr zu eigener Sicherheit zu finden. Das war wichtig, denn Werder wurde, wie zu erwarten war, die Rolle zuteil, das Spiel zu machen.

Problematisch war anfangs, dass Junuzovic nicht ins Spiel eingebunden war, Ekici wie zu schlimmsten Zeiten die Bälle nicht oder erst zu spät abspielen wollte, Hunt nichts gelang und Kroos die Abstimmung mit seinen Nebenleuten fehlte. Dadurch gingen viele Bälle unnötig verloren, ohne jedoch großen Schaden anzurichten.
Dies lag vor allem an mannschaftlicher Geschlossenheit und dem Willen, Fehler sofort auszubügeln. Bis auf wenige Ausnahmen gelang das auch. Hervorzuheben ist ebenfalls die überwiegend solide Leistung der beiden Innenverteidiger.
Was fehlte war vor allem eines: Tempo. Angesichts der Startelf, die mit vielen Akteuren gespickt war, die eher als langsam gelten, war das jedoch wenig verwunderlich und dürfte von Dutt auch so in Kauf genommen worden sein.

Das Spiel plätscherte folglich die ersten 45 Minuten ohne größere Höhepunkte vor sich hin, einzig ein Kopfball Petersens nach einem Bremer Eckball wurde gefährlich.
In Halbzeit zwei zog Werder dann zu Beginn etwas die Zügel an und kam zu 2-3 kleineren Chancen, ehe Braunschweig die Scheu vor der ersten Liga ablegte und Werder gute 15 Minuten ins Schwimmen brachte, die Chance auf einen Sieg witterte und weiter aufrückte.
Dies ermöglichte Werder größere Räume und infolgedessen Kontersituationen. Dutt brachte zwischenzeitlich mit Elia einen schnelleren Spieler für Ekici, doch es war Junuzovic, der nach einem Befreiungsschlag Prödls überaus abgezockt das Siegtor erzielte.
Anschließend lief Braunschweig weiter an, Werder zitterte und konnte schließlich. etwas glücklich, jubeln.

Weiter gehts

Es bleibt nicht mehr viel zu sagen. Werder hat gewonnen, allerdings auch gegen einen Gegner, der ruhigen Gewissens als Abstiegskandidat Nummer 1 bezeichnet werden darf. Den Braunschweigern fehlt es an Erfahrung, individueller Klasse und finanziellen Mitteln. Taktisch ist man allerdings, Lieberknecht sei Dank, auf einem guten Niveau und mit einem fitten Kumbela – oder etwas mehr Glück – wäre gegen zwar verbesserte aber erneut schwache Bremer durchaus mehr drin gewesen.
Das wiederum sollte für uns Anlass genug sein, uns zwar zu freuen, allerdings auch direkt den Blick nach vorne zu richten.
Augsburg hat sich nach dem Aufstieg zwei Jahre in Folge in der ersten Liga halten können und damit so ziemlich alle überrascht.
Das Team ist in in Bezug auf mannschaftliche Geschlossenheit, Kampfeswillen und Ehrgeiz ein Musterbeispiel für manche Diventruppe. Spielerisch sind sie nach den Abgängen von Ji und Koo zwar limitiert, dafür allerdings überaus erfahren im Abstiegskampf – etwas, das sie Braunschweig beispielsweise voraushaben.

Insofern sollte klar sein, dass Augsburg eine deutlich härtere Nuss wird als die Braunschweiger Löwen. Werders Erstligabilanz gegen sie spricht zudem Bände: Seit dem Aufstieg der Augsburger ist Werder noch ohne Ligasieg gegen sie.
Ein Heimsieg wäre ein erneutes wichtiges Zeichen und drei Punkte allein deshalb wichtig, weil im Folgespiel gegen Dortmund, so realistisch muss man sein, keine Punkte einzuplanen sind.

Verbessert werden muss auf Seiten der Bremer vor allem das Umschaltspiel nach Ballgewinnen. Man muss schneller und vor allem präziser spielen. Das geht allerdings nur, wenn sich mehr Spieler an der Vorwärtsbewegung beteiligen. Etwas, das gegen Braunschweig höchstens als “mangelhaft” zu bewerten war.
Ansonsten gilt weiterhin: Kompakt stehen, durch einfache Aktionen, Kampf und Leidenschaft ins Spiel kommen und sich dadurch Sicherheit und Erfolgserlebnisse holen. Augsburg hat eben jenes Denken perfektioniert – und ist uns daher zumindest in diesem Punkt voraus.
Der Rest wird sich kommendes Wochenende zeigen.

 

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Ein Gedanke zu “Kurz und knapp: Drei Punkte

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