Mein Problem mit Wiesenhof – Ein Kommentar (fast) ohne Ethik und Moral

Die Würfel sind gefallen…

… und der neue Hauptsponsor Werders steht damit fest: Geworden ist es Wiesenhof, ein Unternehmen, das “mit Kritikern der modernen Nutztierhaltung offen über alle Themen diskutiert und kontinuierlich an Verbesserungen des Tierwohls arbeitet und eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernimmt: Lebensmittel zu produzieren.”
Besonders wissenswert in Bezug auf Wiesenhof ist dabei, dass “Im Leitbild des Unternehmens … Leitsätze wie ökologisches und nachhaltiges Denken, verantwortungsbewusstes Handeln, Pflegen einer offenen Kommunikation, Sicherheit und Vertrauen für den Kunden sowie Wertschätzung und Respekt gegenüber den Mitarbeitern verankert..” sind, was natürlich ziemlich genau die Werte des glorreichen SVW widerspiegelt. Super! (Ausschnitte aus dem Interview mit der Geschäftsführung Werders, hier: http://www.werder.de/de/profis/news/40558.php)

Ja, so kann man das natürlich auch sehen.
Die andere Sichtweise ist die, dass Wiesenhof als Lebensmittelunternehmen nachweislich die ohnehin schon niedrigen Standards im Bereich der Massentierhaltung, der Hygiene sowie der Arbeitsbedingungen unterbietet – und zwar deutlich.
Das hat dafür gesorgt, dass eben jenes wunderbar zu Werders Werten passende Unternehmen in Deutschland einen, gelinde gesagt, sehr bescheidenen Ruf hat.

Die ersten Gerüchte über ein mögliches Engagement als Werders Hauptsponsor führten bereits vorab zu zahlreichen Protesten, beispielsweise via Twitter und Facebook.
Die PETA hat sich natürlich auch gleich zu Wort gemeldet und eine Pressemitteilung (siehe hier: http://www.peta.de/web/schandfleck_auf.6188.html) herausgegeben, in der sie sich gegen Wiesenhof als Werder Sponsor aussprechen.
Standesgemäß wurde wenig später auch vorm Stadion protestiert, wie sich das halt so gehört.

Nach Bekanntwerden der offiziellen Bestätigung seitens Wiesenhof und Werder nahm der “Shitstorm” dann weiter zu, die offizielle Facebook Page des SVW (siehe hier: https://www.facebook.com/WerderBremen) wurde von Bildern toter Tiere überschwemmt, auf Twitter und selbst im Fernsehen war es ein heißes Thema, so widmeten sich beispielsweise das ZDF und der NDR dem Thema “Wiesenhof und Werder”.

Während sich dabei relativ schnell klare Fronten bildeten, die Einen empört waren angesichts der bekannten Tierquälerei Wiesenhofs und die Anderen den Kritikern Heuchelei vorwarfen, so möchte ich mich bei meinem Kommentar gerne in eine andere Richtung bewegen, den Fokus nicht auf die Frage legen, ob Wiesenhof als Sponsor ethisch und moralisch vertretbar ist.
Mich interessiert viel mehr das mögliche Risiko, das Wiesenhof als Hauptsponsor meiner Meinung nach für die Marke Werder darstellt.

Keine Frage der Moral

Zuerst einmal: Moral ist subjektiv.
Das macht es so schwer, Diskussionen anhand von Ethik und Moral zu führen, weshalb ich eben das auch nicht tun will und auch nicht tun werde.

Für mich ist das Problem bei Wiesenhof in erster Linie nicht, dass sie die ohnehin schon niedrig angesetzten Standards im Bereich der Massentierhaltung, Mindestarbeitsplatzbedingungen und Hygiene nachweislich noch deutlich unterbieten, sondern dass sie das bekanntermaßen und im Blickfeld der Öffentlichkeit tun.
Das bedeutet, dass – abseits von sicherlich bei vielen Leuten auftretenden ethisch/moralischen Bedenken – dieser Sponsor für Werder, die ein Saubermann Image in Hinsicht auf soziales Verhalten und Außendarstellung pflegen und angeblich vorleben, in meinen Augen ein enorm hohes Risiko darstellt.

Durch das sehr umstrittene Sponsoring Wiesenhofs bringt Werder einerseits Moralisten und selbsternannte Gutmenschen gegen sich auf, die es nicht nur außerhalb Bremens und der Werderszene gibt, andererseits geben sie sich auch in direkte Abhängigkeit von einem die Gesetze missachtenden Unternehmen aus der Lebensmittelbranche, das ohnehin schon auf negative Art und Weise stärker im Fokus der Öffentlichkeit steht.

Dass bereits innerhalb weniger Stunden die PETA auf unbestätigte Gerüchte(!) reagiert, eine Pressemitteilung rausschickt und Proteste vorm Stadion organisiert, ist ein Beispiel dafür, in welchem Ausmaß ein Wiesenhof Sponsoring negative Presse für Werder auch zukünftig bedeuten könnte.
Eben diese Art von Presse ist es jedoch, die sich ein Verein wie Werder meiner Meinung nach nicht leisten kann, da sie als Marke ungemein von ihrer breit gelagerten Sympathie leben, anders als beispielsweise Vereine wie Schalke, die unter Sponsoren wie Gazprom deutlich weniger leiden – wenn sie es überhaupt tun.

Sollte Wiesenhof nun während der zwei Jahre, die sie Hauptsponsor bei Werder sind, erneut durch Vergehen auffallen, so fällt das direkt auf Werder zurück, die sich so eifrig an diese tolle Marke gebunden haben, da sie so endlich mal wieder einen Hauptsponsor aus dem Werderland gewinnen konnten.
Das wiederum würde dazu führen, dass Werder, die nach eigener Aussage auch von den Werten her mit der Firma Wiesenhof konform gehen, bundesweit an Sympathie einbüßen könnte.
Um zu verstehen, warum das meiner Meinung nach so ein hohes Risiko darstellt, muss man sich nur die Frage stellen:

Was macht den SV Werder Bremen als Marke für andere Unternehmen interessant?

Die Antwort darauf steht etwas weiter oben: Die bundesweiten Sympathien.
Werder steht als Verein und Unternehmen für hanseatische Zuverlässigkeit und hanseatisches Kaufmannsgeschick, früher mal guten und ansehnlichen Fußball und ist vielen Menschen in erster Linie eines: Sympathisch.
Das führt dazu, dass sich mit dem SVW wunderbar werben lässt, was wiederum dazu führt, dass wir ein sehr willkommener Anlaufpartner für eher zweifelhafte Sponsoren sind, die auf der Suche nach bundesweiter Bekanntheit und vor allem einem positiven Imageboost sind.

Um dabei auch gleich kurz den üblichen Argumenten vorzubeugen: Der Unterschied zu KIK, BWIN, Citi-/Targobank und anderen – sehr wahrscheinlich ähnlich zweifelhaft arbeitenden – Unternehmen besteht darin, dass Wiesenhof aktuell ein sehr negatives Image in der Öffentlichkeit hat und aktuell unter Skandalen leidet.
Sie arbeiten nachweislich verwerflich, nicht, wie der Großteil der Unternehmen, mutmaßlich.

Eben dieser Umstand könnte, so befürchte ich – vielleicht auch unnötigerweise – zu Sympathieeinbußen führen, die die “Marke Werder” schädigen, was wiederum Auswirkungen auf zukünftige Sponsorendeals haben könnte.

Das ist mein Problem mit Wiesenhof, von denen ich im Übrigen noch nie wissentlich Produkte konsumiert und/oder erworben habe, denn: Nein, die Chicken Wings bei McDonalds sind nicht aus Wiesenhof-Geflügel gemacht, liebe Kritiker.
Selbst wenn, dann wäre mir das wahrscheinlich auch relativ egal.
Im Normalfall koch ich mir mein Essen ohnehin selbst.

PS: Mein “Boykott” von Wiesenhof Produkten liegt einfach daran, dass ich selbst vor den bekanntgewordenen Skandalen kein Wiesenhof Geflügel gekauft habe. Wieso also dann damit anfangen? ;)

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8 Gedanken zu “Mein Problem mit Wiesenhof – Ein Kommentar (fast) ohne Ethik und Moral

  1. Wie ich schon an anderer Stelle sagte: mir ist unbegreiflich – von moralischen Aspekten abgesehen – wie man Geschäfte mit einer Firma machen kann, gegen deren Verantwortliche Ermittlungsverfahren wegen Subventionsbetruges (Tatzeitraum acht Jahre!), Untreue und Vergehen gegen das TierschG laufen.

    Weiter: ich habe entgegen der Darstellung der drei Geschäftsführer auf der Werder-homepage keine Bioprodukte der PHW-Gruppe gefunden. Die Marke “Privathof”, dort gepriesen, erfüllt die Anforderungen des Biosiegels an Masthühnerhaltung nicht (nur ein Beispilel: dort werden 15 Hühner auf 1 qm gehalten – die höheren Anforderungen beginnen “bis” 10 Hühner… usw.).

    Am meisten ärgert mich nach wie vor, dass die engagierten Fans in irgendeine “instrumentalisierte” Tierschutzecke gesteckt werden – was in meiner Person etwa völliger Unfug ist.

    Ich meine, es ist Zeit für eine außerordentliche Mitgliederversammlung. Die Tagesordnungspunkte liegen auf der Hand.

    Bis morgen.:-p

  2. Ja, die Aussage Filbrys mit der “Instrumentalisierung” der Fans hat mich auch fast zur Weißglut getrieben, das ist einfach eine Unverschämtheit.
    Zu den anderen Punkten: In meinen Augen ist es einfach ziemlich riskant, diese Punkte nur des Geldes wegen zu missachten oder besser gesagt: So “lässig” einzuschätzen.
    Zwar wird der gemeine Profi der Geschäftsführung mehr Ahnung haben als der Großteil der Twitterer usw., nur fürchte ich hierbei doch eine massive Fehleinschätzung der negativen Imageauswirkungen seitens Werder.

    Eine außerordentliche Mitgliederversammlung würde in meinen Augen nichts bringen, dass die Fans den Verein nur sehr geringfügig interessieren, wenn sie es überhaupt tun, wurde mehrfach deutlich – nicht zuletzt durch diese Aktion und vor allem die in diesem Rahmen fallengelassenen Äußerungen der Offiziellen..

  3. Na mal sehen wie groß der “Imageboost” denn werden wird, da muss erst einmal das Team wieder besser und erfolgreicher spielen. Denke die letzten 2 Spielzeiten hat Werder einiges an positivem Image und Prestige eingebüsst, ansonsten wäre man nicht auf einen derart miesen Hauptsponsor angewiesen.

    Zum Text: Ein ziemlich zähes, langatmiges Geschwurbel, nicht wirklich gut.

  4. da kommt man unbeschwert aus dem urlaub und dann sowas. ich bin entsetzt. da stellt sich schon die frage, wie weit bin ich als fan bereit, so was zu schlucken? fan- dasein hat eben nicht nur sportliche aspekte, sondern die identifikation schließt image, vereinspolitik und den umgang mit fans ein. und spontan gefühlt, wurde für mich (nicht nur als vegetarier) soeben eine grenze überschritten, die meine gedachte lebenslange zuneigung zu grün-weiß, auf ein harte probe stellt. ich kanns gar nicht oft genug sagen: ich bin entsetzt.

  5. @Esteban
    Geschwurbel ist für mich etwas anderes, aber das liegt natürlich im Auge des Betrachters.
    In Bezug auf den Imageboost ist in erster Linie Werders positives, auf bundesweiter Sympathie beruhendes Image interessant. Erst in zweiter Instanz der sportliche Erfolg.
    An der Sympathie Werders änderten auch die letzten beiden Spielzeiten wenig.
    BTW: “Unsaubere” Sponsoren hatte man auch zu sportlichen Glanzzeiten, wenn auch nicht in der Kategorie Wiesenhofs.

  6. kik, Citibank/Targobank und jetzt Wiesenhof. Die Frage ist doch: bekommen wir keine anderen an Land gezogen?

    Darüber hinaus finde ich es schade, dass darüber keine vernünftige Diskussion geführt wird. Wer Kritik ausspricht, übt sich in Doppelmoral, ist nur einer der typischen Shitstormer und hat eh das Hirn eines Herdentieres. Das ist das Traurige daran. Es gibt halt niemanden, der keinen Dreck am Stecken hat, also kann man sich die Kritik auch ganz gepflegt sparen. Und so lange man nicht völlig autark lebt und alle Güter selbst herstellt, kann man ja Wiesenhof gar nicht kritisieren.

    Du bist übrigens auch schön in die Falle getappt, indem Du zur Unterstreichung des Gesagten betonst, dass Du kein Wiesenhof kaufst. ;)

  7. Zu den ebenfalls zweifenhalten Sponsoren schrieb ich hier und an anderer Stelle, dass wir allein durch unsere bundesweite Sympathie und das positive Image ein idealer Werbepartner für diese Sorte Unternehmen sind.
    Das, in Wechselwirkung mit unseren Struktur-, Größen- und Standortnachteilen führt dann dazu, dass wir vielleicht mehr als andere Vereine auf diese Sponsoren eingehen müssen.
    Ganz alleine stehen wir in Bezug auf zweifelhafte Sponsoren allerdings nicht dar, siehe Gazprom bei Schalke oder auch Areva bei Nürnberg.

    Zu “ich kaufe kein Wiesenhof”: Da gings mir um das häufig genutzte “Argument” der Kritiker, man dürfe eben diese (wie du erwähntest) nicht kritisieren, man habe ja schließlich selbst (bei McDonalds!) deren Fleisch konsumiert.
    Mal ganz davon abgesehen, dass das wie du schon sagtest Unsinn ist, stimmt es faktisch eben auch nicht.
    Da Ersteres mit den Wenigsten auszudiskutieren ist wollte ich eben jene smartasses einfach darauf hinweisen ;)
    Die “Falle” muss daher weiter aufs Zuschnappen lauern, als Unterstreichung war die Aussage nämlich nicht gemeint – was auch unsinnig gewesen wäre, wollte ich doch gar nicht über die Ebene der Moral diskutieren ;)

  8. Hi Leute,

    ich muss in Ethik über folgendes Thema Hausarbeit schreiben:
    Was hat der Ausspruch “nicht mein Problem” vom Songtext von Silbermond mit Moral und Ethik zu tun und ist es wirklich nicht mein Problem?
    Könnt Ihr mir dazu Literatur empfehlen? Irgendwie find ich dazu nicht viel und kenn mich in Ethik noch nicht sonderlich aus.

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