Vor dem Nordderby: Panik!

Was wäre eine Werder-Saison ohne die Nordderbys gegen den HSV? Morgen ist es mal wieder soweit und selten in den letzten Jahren hat man sich bei Werder so überlegen gefühlt. Früher war man auf Augenhöhe irgendwo ihm Bereich der Bundesligaspitze, dann war man auf Augenhöhe zwischen Niemandsland und Abstiegszone der Tabelle. Letzte Saison gab es zwei Siege für Werder. Vor allem das 2:0 im Weserstadion war relativ überlegen geführt. Damals sah es noch so aus, als könnte es eine richtig gute Saison werden für Werder.

Werder zwischen Hoffnung und Angst vor dem Rückschlag

Diese Hoffnung hat man nach dem mitreißenden Eröffnungsspiel gegen Borussia Dortmund nun auch wieder. Gegen den schwächelnden Nachbarn aus dem Norden rechnet man im Umfeld der Grünweißen mit einem Sieg. Auf dem Papier sind beide Mannschaften gleich schlecht gestartet. Beide schieden in der ersten Pokalrunde gegen Drittligisten aus, beide verloren ihre Auftaktpartien in der Bundesliga. Die Art und Weise jedoch, wie sich beide Mannschaften am letzten Wochenende präsentierten, macht Werder große Hoffnung. Während der HSV zuhause gegen nicht gerade überwältigend aufspielende Nürnberger enttäuschte, begeisterte Werder einen Großteil seiner Fans mit einer stark verbesserten Leistung gegen den Deutschen Meister. Nimmt man diese Spiele als Maßstab, ist Werder deutlicher Favorit.

Bei allen Problemen, die Werder im Pokalspiel offenbart hat und bei allem Nachholbedarf in der Feinabstimmung zeigte Thomas Schaafs Team, an welchen Dingen es im Sommer gearbeitet hat. Tiefes Verteidigen, schnelles Umschalten, diagonale Flankenwechsel und das bekannte Kombinationsspiel im zentralen Mittelfeld bereitete dem BVB einige Probleme. Werder hätte mit etwas Glück zumindest einen Punkt holen können. Die Leistung verführte fast schon dazu, die Erwartungen bei der Öffentlichkeit in ungesunde Höhen zu schrauben. Ein zweiter Blick auf das Spiel zeigte, dass Werder mit viel Risiko agierte und Dortmund eigentlich zu viel Platz im Zentrum ließ. Das richtige Gleichgewicht aus Breite und Kompaktheit muss Werder erst noch finden. Und so sehr das Spiel zum Träumen von einer besseren Zukunft anregte, so sehr sollte einen das Pokalspiel in Münster auf dem Boden der Tatsachen halten. Vielleicht war das Spiel wirklich ein Ausrutscher, das wird man erst in ein paar Wochen wissen. Doch bis dahin sollte man nicht davon ausgehen. Werder hat bislang nur bestätigt, dass die Einschätzung “Wundertüte” von vielen Experten vor der Saison zutreffend ist.

Der HSV zwischen Panik und Kaufrausch

Die Kritiker des HSV dürften sich nach dem Saisonauftakt ebenfalls bestätigt fühlen. Nach der katastrophalen letzten Saison deutet wenig darauf hin, dass diese Saison besser wird. Doch auch bei den Hamburgern sind Veränderungen sichtbar geworden. Personell musste man deutlich abspecken, ließ – ähnlich wie Werder – viele arrivierte Spieler gehen und will nun mit einem jungen Team einen Umbruch schaffen. Schnell waren Zweifel da, ob dies dem Duo Fink / Arnesen gelingen würde. Dennoch blieb es für Hamburger Verhältnisse erstaunlich ruhig und trotz der Zweifel scheint die Position der sportlichen Führung nicht wirklich gefährdet zu sein. Das überrascht bei einem Club, der nicht unbedingt für große Geduld mit seinen Trainern oder Sportdirektoren bekannt ist.

Sportlich machte der HSV zuletzt einen sehr angeschlagenen Eindruck. Die Schwachstellen sind so groß, dass die Mannschaft von vielen zu den Abstiegskandidaten gezählt wird. Sei es das einfallslose Zentrum um Westermann oder die lahmenden Flügel, eine wirkliche Idee ist nicht erkennbar im Team von Torsten Fink. Dabei hatte dieser mit seinem klar definierten System in der Vorsaison noch das große Ziel, den HSV sportlich zu revolutionieren. Zunächst durchaus mit Erfolg, wenn auch die Serie zu Beginn durch die vielen Unentschieden nicht so beeindruckend war, wie sie zwischenzeitlich verkauft wurde. Inzwischen hat Fink sein System etwas verändert, spielt nicht mehr so konsequent mit Dreierkette im Spielaufbau, setzt auf schnelle Konter, statt auf Ballkontrolle im Mittelfeld, hat den Pressing-Ansatz verändert. Zu den vorhandenen Spielern scheint das System dennoch nicht richtig zu passen.

Zum Nordderby kommt der HSV nun jedoch mit einem in vielen Positionen veränderten Team. Kurz vor Ende der Transferperiode hat Arnesen noch ein paar Mal im Schlussverkauf zugeschlagen und dabei nicht unbedingt den Eindruck erweckt, hier befände sich ein Verein auf Sparkurs. Der mit Kühne-Millionen finanzierte Van der Vaart soll dabei der Königstransfer sein. Der Rückkehrer will an seine glanzvollen Zeiten beim HSV anknüpfen. Hinter ihm sollen Jiracek und Badelj die neue Doppelsechs bilden und Westermann zurück in die Viererkette verbannen. Sieben Umstellungen im Vergleich zum Spiel gegen Nürnberg hat Fink angekündigt. Und wer weiß, wen der HSV bis zum Anpfiff noch alles aus dem Hut zaubert.

Es mag sein, dass man nun an der Elbe wieder von großen Zielen träumt und sich mit den Neuverpflichtungen auf dem richtigen Weg sieht. Bei mir hinterlässt dieser Sommer eher das Bild eines Vereins, der selbst an sein propagiertes Rezept nicht geglaubt hat, es dennoch durchsetzen wollte und nun nach den ersten Rückschlägen in Panik gerät.  In einem Spiel kann viel passieren, erst recht in einem Derby, aber Angst muss man vor diesem HSV nun wahrlich nicht haben.

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