11. Grünweiß-Stammtisch: Mittelmaß

Trübe Wochen für Werder. Auch beim 1:1 in Köln konnte das Team nicht wirklich überzeugen und zeigte in einem zerfahrenen Spiel eine dürftige Leistung. Beim 11. Grünweiß-Stammtisch geht es außerdem um die Bremer Verletzungssorgen, den Wechsel von Tim Wiese und die Aussichten vor dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach. Aber auch die Situation des 1. FC Köln war ein Thema, das wir mit Köln-Blogger und “Spielbeobachter” Martin besprochen haben.

Das Ergebnis könnt ihr euch nun hier anhören:

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Die Wochen der Wahrheit

Nach dem 0:3 gegen Mainz ist die Stimmung in Bremen auf dem Tiefpunkt dieser Saison angelangt. Man kann fast schon froh sein, dass die Mannschaft die zum Klassenerhalt benötigten 40 Punkte schon sicher hat. Viel mehr werden nach allgemeiner Auffassung nicht mehr hinzukommen.

Gute Ausgangslage verspielt

Selbst ein Auswärtsspiel gegen die ebenfalls krisengeschüttelten Kölner kann da die allgemeine Laune nicht heben. Dabei ist die Tabellenkonstellation trotz des Absturzes auf Platz 8 nicht so schlecht. Nur ein Punkt trennt Werder von Platz 5, drei Tore von Platz 7, der zum Erreichen der Europa League ebenfalls reichen würde. Die Lage ist trotz des verspielten Punktepolsters also alles andere als aussichtslos. Dennoch will davon in diesen Tagen kaum jemand etwas wissen. Zu tief sitzt die Enttäuschung über die verpassten Chancen in den letzten Spielen (nur ein Punkt aus zwei Heimspielen), zu schwer scheint das Restprogramm im Vergleich zur Konkurrenz.

Die Ursachenforschung ist derzeit nicht allzu schwer. Ein Blick auf die Verletztenliste reicht, um den größten Unterschied zwischen dem Werder der Hinrunde und dem der Rückrunde auszumachen. Man ist geneigt, dies als zu einfache Ausrede abzutun, doch der Substanzverlust ist trotz Wintereinkäufen immens und die Kritik an der medizinischen Abteilung wird wieder einmal laut (ein seit 2007 immer wiederkehrendes Phänomen, auf das wir auch beim nächsten Stammtisch eingehen werden). Dazu gesellen sich die üblichen Begleiterscheinungen einer Fußballkrise: Kritik am Trainer, am System, an den Spielern, Transferspekulationen und nun auch der Abgang von Tim Wiese, der – egal wie man ihn sportlich bewertet – keine Flucht des Spielers, sondern eine gewollte Trennung seitens Werders ist.

Sieben Tage entscheiden die Saison

Dabei ist die Kritik an sich nicht falsch. Das Spiel gegen Mainz hat wieder einmal die Schwachpunkte des “System Schaaf” aufgezeigt. Werder war statistisch in allen Belangen überlegen, doch Mainz gewann dank einer cleveren Taktik das Spiel. Dazu leisteten sich Führungsspieler schwere Patzer und es wurde ebenfalls deutlich, dass die jungen Spieler nicht ohne kleinere Formwellen durch die Saison gehen können. Zum Teil ist die Kritik auch Resultat (seit der Winterpause) überzogener Ansprüche, zu denen Werder selbst jedoch eine Menge beigetragen hat. Die Kunst des Tiefstapelns beherrscht man an der Weser schon lange nicht mehr.

So entscheidet sich in den nächsten sieben Tagen in drei Spielen gegen Köln, Gladbach und Stuttgart, wie diese Saison für Werder am Ende gedeutet wird. Eine Platzierung im Mittelfeld wäre angesichts der letzten Saison keine Katastrophe, aber im Hinblick auf die formulierten Ziele und zwischenzeitlichen Platzierungen eine herbe Enttäuschung. Die Qualifikation für die Europa League würde zwar nicht die Probleme vergessen machen, aber den Verein in ruhigeres Fahrwasser lenken. Man könnte es auch anders sehen: Unter diesen Umständen, mit dieser Verletzungsmisere könnte man es als großen Erfolg ansehen, wenn man doch noch die Europa League Plätze erreicht. Dazu passen die bisherigen Leistungen der Rückrunde jedoch nicht. Auf der anderen Seite werden sich in jedem Fall all jene bestätigt fühlen, die seit Jahren Werders Abschied aus der Bundesligaspitze vorhergesehen haben. Dies hat aber nur in wenigen Fällen etwas mit weiser Voraussicht als vielmehr mit statistischer Wahrscheinlichkeit zu tun. Wer lange genug Regen vorhersagt, wird mit seiner Prognose irgendwann richtig liegen. Besonders in Bremen.

Wende gegen strauchelnde Kölner?

Die Lage in Köln ist, wie könnte es anders sein, mal wieder ungleich dramatischer als in Bremen. Unruhe im Verein gehört ebenso zur Domstadt wie besagtes Gotteshaus. Trainer Solbakken hat den Machtkampf gegen Finke zwar gewonnen, doch weitere Erfolgserlebnisse lassen seitdem auf sich warten. Der FC steht momentan auf dem Relegationsplatz und bewegt sich seit Wochen in Richtung Tabellenende, was angesichts der Konkurrenz aus Kaiserslautern und Berlin kein ganz einfaches Unterfangen ist. Am anderen Ende fehlen zwei Punkte bis ans rettende Ufer, die man ihnen aus Bremer Sicht gerne zugestehen würde, wenn dadurch der HSV mal so richtig ins Wasser fällt. Für den Saisonendspurt greift Solbakken nun nach dem letzten Strohhalm und setzte ein Kurztrainingslager an, nicht zuletzt um das Team enger zusammenzurücken. Nicht ins Bild passen da die Aussagen des ausgemusterten Novakovic, der sich nicht zum Sündenbock machen lassen will, während er zeitgleich von Solbakken für seinen professionellen Umgang mit der Entscheidung gelobt wurde. Oder eben doch.

Bei Werder sieht es nach der leichten Erholung letzte Woche personell wieder zappenduster aus. Die Rückkehrer Naldo und Bargfrede stehen mit Muskelfaserrissen bereits wieder auf der Verletztenliste. Für Mehmet Ekici ist nach seiner Leisten-OP die Saison endgültig beendet. Neben der notwendigen Umstellung im Mittelfeld (vermutlich Marin statt Bargfrede und ein Stühlerücken mit Junuzovic und Fritz) wird es wohl auch eine Änderung in der Viererkette geben, wo man Hartherz eine Pause und Schmitz ein Comeback als Linksverteidiger gönnt. Interessant wird die Frage sein, ob Werder die in der Rückrunde eher abwartende Herangehensweise an den Tag legen wird oder angesichts der dringend benötigten drei Punkte und der Kölner Probleme von Beginn an mutiger nach vorne agiert.

Ein Sieg gegen Köln wäre auch deshalb wichtig, weil es auf dem Papier der leichteste der verbleibenden Gegner ist. Danach folgen nur noch Spiele, in denen unter den momentanen Voraussetzungen jeder Punktgewinn als Erfolg zu werten wäre. Auch deshalb winkt Platz 7 nur noch aus weiter Ferne. Doch Werder hat im Saisonendspurt schon häufig das Ruder noch einmal herumgerissen. Am besten fängt man gleich heute damit an.