Friede, Freude, Systemwechsel?

Mit Eljero Elia wurde gestern der siebte Werder-Neuzugang dieses Sommers vorgestellt und trotz gewisser Vorbehalte gegen den stagnierenden Ex-Hamburger reiben sich viele Werderfans nun die Hände: Die Verpflichtung des Außenstürmers wird als Signal verstanden, dass sich Thomas Schaaf in diesem Sommer von der viel kritisierten Raute abwenden wird. Darauf deuten auch die ersten Eindrücke aus dem Trainingslager in Norderney hin. Werder trainiert dort Angriffszüge mit einer Spitze und zwei Außenstürmern. Doch reicht das, um eine grünweiße Revolution auszurufen?

Fünf Gründe, den Ball erst mal flach zu halten:

1) Systemwechsel oder Formationswechsel?

Was ist ein Spielsystem? Vielfach reduziert man ein System auf die Formation, also ein Zahlenspiel wie 4-3-1-2 (Raute) oder 4-3-3. Doch das beschreibt nur einen Teil des Systems, nämlich die Ausgangsformation. Diese ist häufig im Spiel gegen den Ball anders als im Ballbesitz (z.B. 4-4-2/4-2-3-1). Das Verhalten der Spieler ist jedoch für das System ebenso wichtig. Über welche Stationen wird das Spiel aufgebaut? Wer besetzt in welcher Phase des Angriffs welche Position? Wie offensiv agieren die Außenverteidiger? Diese und noch viele andere Fragen müssen beantwortet werden, um ein System richtig zu beschreiben. Die eigentliche Konstante unter Thomas Schaaf ist nicht die Rautenformation sondern ein flexibles System mit vielen Positionswechseln und Freiheiten für die Offensivspieler.

2) Der Rauten-Mythos

Werder hat unter Schaaf in den letzten Jahren bei weitem nicht nur mit Raute gespielt. Dieser Vorwurf steht immer wieder im Raum, weil er so schön einfach und griffig ist, aber er hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Letzte Saison spielte Werder zwar überwiegend mit Raute, stellte in einigen Spielen das System jedoch um, etwa beim Auswärtsspiel in Hamburg (4-3-3 gegen den Ball) oder beim Spiel in Dortmund (4-4-2 gegen den Ball, 4-2-3-1 mit Ball). In der Saison 2010/11 wechselte Schaaf in der Hinrunde ständig zwischen Raute und 4-2-3-1 hin und her. Im Jahr zuvor spielte man sogar überwiegend 4-2-3-1 und experimentierte zu Saisonbeginn mit einem flachen 4-4-2 und einem Quadrat im Mittelfeld (4-2-2-2). Auch eine Umstellung auf ein 4-3-3 im Laufe des Spiels ist schon seit vielen Jahren bei Rückständen zu beobachten. Die Raute ist sicher Schaafs bevorzugte Formation, aber nicht die einzige, die er bei Werder spielen lässt.

3) Das Spielmacher-Syndrom

In den letzten Jahren hat man des Öfteren versucht, Spieler in die Rautenformation einzugliedern, für die es dort eigentlich keine geeignete Position gibt. Man denke an die Versuche in den letzten 18 Monaten Marko Marin auf der 10er-Position einzusetzen. Auch Mehmet Ekici tat sich auf der 10er-Position schwer. Es ist durchaus denkbar, dass Elia bei Werder zentral hinter den Spitzen oder als hängender Stürmer neben Petersen eingesetzt wird.

4) Der zweite Anzug

Elia und Arnautovic überzeugten einst bei Twente als Flügelzange. Gut möglich, dass sie bei Werder an diese Leistungen anknüpfen können. Doch was ist, wenn nicht? Wer sind ihre Ersatzleute im Falle von Verletzungen oder Formkrisen? Hunt und Junuzovic können auf den Flügeln spielen, doch sind völlig andere Spielertypen. Die Außenverteidiger Fritz, Gebre Selassie und Schmitz könnten ebenfalls offensiver eingesetzt werden. Dennoch muss man feststellen, dass Werder bei einer Umstellung auf 4-3-3 oder 4-2-3-1 noch weiteren Bedarf an offensiven Außenspielern hätte.

5) Lange Mängelliste

Die fehlende Breite in Werders Spiel wurde schon häufig als Problem identifiziert. Die offensiven Außenpositionen werden im 4-3-1-2 erst im Laufe des Angriffs von einem Stürmer oder Mittelfeldspieler besetzt. Auf der Gegenseite des Balles ist man auf aufrückende Außenverteidiger angewiesen, um Breite ins Spiel zu bekommen. Schnelle Angriffe über die Flügel sind somit schwierig. Werders Mängelliste war in der letzten Saison aber bei weitem größer. Auch wenn man eine Umstellung auf ein 4-3-3 oder 4-2-3-1 befürwortet, sollte man sich keine Wunderdinge davon erwarten. Wichtiger als die Frage nach dem System ist die Behebung grundlegender Mängel: Flexibleres Aufbauspiel, schnelleres Umschalten, Pressing und die Absicherung bei eigenen Standards sind in meinen Augen die wichtigsten Dinge, an denen in diesem Sommer gearbeitet werden muss.

Dies sind auch die Dinge, an denen Schaaf 2012/13 gemessen werden muss. Eine andere Formation an die Taktiktafel zu malen ist keine Schwierigkeit. Die taktischen und spielerischen Probleme der letzten 2 1/2 Jahre zu beheben schon.