Alles hat ein Ende: Grünweiß-Stammtisch 15-11

In der heutigen Ausgabe blicken Lars (Werderblog), Tobias (MeineSaison) und Stephen (PapierkugelBlog) auf die vergangene Saison zurück. Vom Optimismus vor der Saison über den Tiefpunkt beim 0:1 gg. Köln hin zur Euphorie unter Viktor Skripnik. Wir vergeben die Grünweiß-Awards und wagen am Ende einen kurzen Ausblick auf die kommende Saison.

Einen Teil der über Twitter und FB eingegangenen Fragen zu Neuverpflichtungen, System sowie Spielstil verschieben wir auf einen späteren Zeitpunkt, wenn wir eine Vorschau für die Saison 15/16 machen.

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Viel Spaß beim Hören!

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Nach Saisonschluss: Leere

Es ist seltsam, an den Herzensverein zu denken und dabei das Gefühl zu haben, blind zu sein. Ich kann die Farben kaum noch erkennen. Das Weiß vielleicht, das liegt noch irgendwo in der Leere, die da vielleicht seit Rückrundenbeginn, spätestens aber seit Saisonende ist. Aber das strahlende Grün, ich weiß nicht, woher ich das nehmen, wo finden, wo hineinhoffen soll. Und wenn ich ehrlich bin, dann fühlt sich auch diese Ungewissheit nicht weiß und nicht füllbar an. Nicht wie eine unbemalte Leinwand. Ich fühle nicht diesen unverkennbaren Duft, der einem um die Nase zieht: Der von frischer Farbe. Von Veränderung. Davon, dass das Weiß langsam bunt wird.
Nein, wenn ich ehrlich bin, fühlt sich diese Ungewissheit nicht an wie Hoffnung und nicht wie ein Anfang. Eher wie ein tiefes Schwarz. Und wenn ein Anfang, dann der vom Ende.

Was soll man schreiben, wenn man jetzt zurückblickt, auf die schlechteste Rückrunde der Vereinsgeschichte? Auf eine Halbzeit wie ein Europakanditat und eine wie ein Absteiger? Was soll man hoffen, wenn die Saison ein einziger stetiger Abstieg war, von irgendwo mitte oben zu ganz tief unten? Nur gefühlt, sagt der Blick auf die Tabelle. Nicht ganz unten, da sind schon andere. Und irgendwo stimmt es ja aber doch so nicht. Die Tabelle lügt doch. Mindestens ein bisschen. Denn Mittelfeld der Liga, erste Tabellenhälfte, so hat es sich nicht angefühlt. Und was soll man auch fühlen, wenn ein Rückschritt nach dem Anderen kommt? Und nichts erkennbar ist, was hoffen lässt, dass da irgendwo auch ein Wendepunkt ist? Aber woher sollte der auch kommen? Oder von wem?

Und nach dieser Saison interessieren mich nicht die unklaren Worte von den einen und die klaren Worte von den anderen verantwortlichen und nichtverantwortlichen, der Sportler, der Nichtsportler, des Sportdirektors, der Journalisten. Denn was nützen diese Worte schon? Und es bleibt alles beim Alten, denn woher soll auch ein Weg kommen, wenn die, die ihn beschreiben müssten, sehen müssten, am Ende doch nur schweigen?

Ja, was bedeutet es, das Thomas Schaaf schweigt? Ist es Müdigkeit, Erschöpfung, die da aus ihm spricht? Ist er vielleicht doch am Ende sprachlos? Oder ist es das gleiche Nichtssagen, was er schon immer hatte? Ist da denn noch etwas in ihm, was er für sich behält? Oder ist er innen ebenso sprachlos wie nach außen? Ist er – und das ist zweifellos das Schlimmste, was er sein kann – am Ende ebenso ratlos wie jeder andere?

Was muss passieren, damit das Schweigen aufhört?
Wann wird zwischen den Worthülsen und inhaltsleeren Satzzwischenräumen, zwischen dem Stirn-in-Falten-legen und dem Betreten-zu-Boden-gucken wieder etwas wie die Idee eines Weges zu erkennen sein? Irgendetwas, dass nur irgendwie zeigt, dass irgendeiner dieser ganzen Menschen, die an dem, wie es ist, tatsächlich etwas ändern können (Und so gerne Fans sich in dem Glauben wiegen, sie könnten etwas ändern: Sie können es nicht.), eine Idee hätte, wie es weitergehen soll. Dass auch nur irgendeiner von ihnen eine Vision hätte, Gründe hätte, für Hoffnung und dafür, dass die Zukunft eine bessere ist. Dass wenigstens einer von ihnen wirkte, als hätte er einen Plan, wie man aus dieser Krise (Und wider des Tabellenplatzes ist es zweifelsohne eine existenzielle, mindestens, wenn man sich die Rückrunde als Hinrunde der Folgesaison vorstellte.) herauskäme. Dass jemand vielleicht auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, wie all das, was schiefgelaufen ist, in Zukunft nicht mehr oder wenigstens ein bisschen weniger schiefgehen könnte.

Diese Ungewissheit ist lähmend. Ich kann nicht über die nächste Saison nachdenken, wenn alles, was bekannt ist, Abgänge sind. Vielleicht werde ich hoffnungsreicher, wenn erst einmal auch Neuzugänge benannt werden. Denn derzeit, da ist es schwer auch nur irgendein Bild vor Augen zu haben, wenn man versucht, an die Werder-Elf des nächsten Fußballjahres zu denken. Natürlich gibt es Namen, die bekannt sind. Teilweise Namen, die bereits hier in Bremen sind und auch in der vergangenen Saison für Zukunftsfrohsinn sorgen konnten. Jungspieler, die gut sind, und besser werden (Trybull, Füllkrug, Hartherz). Neueinkäufe, die sofort und in unterschiedlicher Ausprägung durch menschliche, spielerische und kämpferische Qualitäten zu überzeugen wussten (Sokratis, Affolter, Junuzovic, Ignjovski). Zweittorwärte, die ich schon länger in den Himmel gelobt und zum Ersttorwart der grünweißen Zukunft berufen habe (Mielitz). Und natürlich Namen, die man munkelt. Aber was nützen schon gemunkelte Namen? Was nützen denn diese ganzen Vielleichts? Was nützt eine Zukunft in Seifenblasen? Am Ende bleibt nur das Abwarten.

Und das ist es ja auch, was das Fansein so unglaublich anstrengend macht:
Das ständige Danebenstehen und zum Zuschauen verdammt sein. Dieses Gefühl, mehr als jeder andere unter Entscheidungen zu leiden, an denen man nicht einmal ansatzweise beteiligt ist. Und diese Macht- und Hilflosigkeit ist es, die in Zeiten wie diesen radikal in Verzweiflung umschlägt. Denn es braucht viel Vertrauen in die Verantwortlichen, um diese eigene Tatenlosigkeit widerstandslos akzeptieren zu können. Ein Vertrauen, was lange Zeit unumstößlich in Bremen herrschte. Und was nun fehlt. Weil die Entscheidungsträger ebenso ratlos wirken wie jeder Außenstehende.

Und wie kann dass denn die Angst nehmen? Woher soll denn Vertrauen kommen, wenn niemand zu wissen scheint, was zu tun ist? Wenn sogar niemand zu wissen scheint, was er tut? Wenn niemand derjenigen, die einen neuen Weg finden, einschlagen und verfolgen müssen, überhaupt einen Weg zu sehen scheint? Wie soll man hoffen können, wenn selbst Spieler und Trainer und Sportdirektor zwar erzählen können, was alles falsch gelaufen ist, nicht aber, wie man mit dem Falschlaufen aufhört?
Und wie man neu anfangen will, laufen zu lernen?

Es ist seltsam, an den Herzensverein zu denken, und dabei das Gefühl zu haben, blind zu sein. Für die Zukunft. Für all die Gründe, die es doch noch irgendwo hier geben muss, dafür, dass alles besser wird. Und das wird es doch: Alles besser, oder?
Aber nach Saisonschluss ist nur Leere. Nicht Hoffnung und nicht Vorfreude, nicht Neugier, keine Ungeduld. Ich bin nicht neugierig, auf das, was mich nun erwartet. Ich bin nicht ungeduldig, darauf, dass endlich die nächste Saison beginnt. Ich bin nicht vorfreudig, auf das, was nun passiert. Was nun noch kommt, scheint nicht im mindesten verlockend. Es scheint nichts zu warten als Krisenfortsetzung und Abstiegsangstwiederaufnahme.

 

Das Ende einer Saison – Der Anfang eines neuen Tiefs?

Die Saison ist vorbei. Endlich, möchte man beinahe sagen.
Nach der Fastabstiegssaison 2010/11 sollte in der Saison 2011/12 alles anders, alles besser werden.
Ekici sollte endlich die Lücke schließen, die Özil seit seinem Wechsel zu den Königlichen hinterlassen hatte.
Lukas Schmitz und perspektivisch auch der U19-Meister Florian Hartherz sollten die traditionelle Problemzone des Linksverteidigers bei Werder lösen.
Andreas Wolf und insbesondere Sokratis Papastathopoulos (so schwer ist der Name echt nicht…) sollten die Abwehr stabilisieren, in der mit Per Mertesacker eine weitere Stütze ging.
Der Abgang Frings’ sollte intern durch die bereits vorhandenen Bargfrede und Wesley aufgefangen werden, mit Aleks Ignjovski hatte man sich zudem nach ewig langem Hickhack, das eine semi-Legendenbildung im Worum zur Folge hatte, die Dienste eines weiteren Mittelfeldtalents gesichert.
Die Abhängigkeit von Claudio Pizarro im Sturm wiederum sollte durch die Rückkehr des “Millionenbergs” sowie den geläuterten Marko Arnautovic und das junge Talent Lennart Thy reduziert werden.

Die Verpflichtung von Tom Trybull, eines defensiven Mittelfeldmannes von Hansa Rostock, geriet dabei ebenso in den Hintergrund wie das Drängen Levent Ayciceks und Özkan Yildirims in den Profikader – bei letzteren Beiden aufgrund schwerer Verletzungen.

Soweit zur Theorie.

Der Saisonbeginn

In der Realität flog Werder in der ersten Pokalrunde gegen Heidenheim raus, Tim Borowski, Stabilisator der vorigen Rückrunde, spielte erst sein vielleicht schwächstes Spiel im Werderdress und verletzte sich dann wieder schwer – er fiel bis zum letzten Spiel gegen Schalke aus, wo er wiederum vom Verein verabschiedet wurde, denn sein Vertrag lief aus.
Auch wenn er bereits im Stadion (auch von mir) gebührend verabschiedet wurde, so komme ich an dieser Stelle dennoch nicht drum rum:

Danke, Tim Borowski. Danke, für 15 Jahre Werder im Herzen. Danke, für zahlreiche tolle Spiele, viele Tore, unvergessliche Erlebnisse, echte “Werder Momente”. Danke, du alter Double-Held. Du wirst immer ein Teil von Werder bleiben!

Was anschließend folgte war ein Saisonstart ohne Claudio Pizarro – schon wieder fiel der Peruaner verletzt aus, in den Medien galt Werder bereits als Kandidat für den Abstiegskampf.
Man begrüßte den FCK im Weserstadion – und gewann 2:0. Der Auftakt einer bärenstarken Heimserie in der Hinrunde, mit nur einer einzigen Niederlage gegen den damaligen und heutigen Meister Borussia Dortmund. Alle anderen Heimspiele wurden gewonnen, die Hinrunde beendete man nach vielen knappen und umkämpften Siegen, die geprägt waren von einer bärenstarken Moral und unbedingtem Kampfgeist auf dem fünften Platz hinter Bayern, Dortmund, dem Überraschungsteam der Saison Gladbach und Schalke 04.
Eine auf dem Papier starke Hinrunde, die jedoch dadurch getrübt wurde, dass nur wenige Spiele wirklich überzeugend gewonnen wurden (bspw. gegen den HSV oder den VfB) und man sich in den letzten drei Spielen je drei Klatschen mit einem Torverhältnis von 1:14 abholte.

Dennoch: Werder hatte die Kritiker Lügen gestraft. Man war kein Abstiegskandidat, doch man war auch kein Spitzenteam. Insgesamt war es eine Situation, mit der man leben konnte, befand man sich doch im Umbruch.
Bis dahin waren die Gewinner der Hinrunde bei Werder klar auszumachen:
Einerseits Clemens Fritz, der durch die Versetzung Sokratis’ auf die Rechtsverteidigerposition endgültig ins Mittelfeld verschoben werden konnte und dort das Mittelfeld defensiv stabilisierte und die überzeugendsten Leistungen seit seiner Nationalmannschaftsform von damals zeigen konnte.
Dann wiederum der bereits erwähnte Sokratis, der als gelernter Innenverteidiger den besten Rechtsverteidiger seit Fritz’ Topform mimte und binnen kürzester Zeit zum Publikumsliebling avancierte.
Andererseits Claudio Pizarro, der nach Auftaktverletzung schnell ins Team zurückfand und seine bisher beste Hinrunde für Werder spielte. Zahlreiche Tore, Doppelpacks, Spiele, die er quasi im Alleingang gewann oder rettete, überzeugende Leistungen.
Zu guter Letzt Aaron Hunt, der auf den Halbpositionen der Raute endlich seine Idealposition fand und viele gute Partien ablieferte, dem Werder Spiel Sicherheit verlieh und endlich anfing, Verantwortung zu übernehmen. Es schien die Saison des Aaron Hunt werden zu können, doch es sollte nicht passieren: Erst brannten ihm die Sicherungen durch und er holte sich bei der Niederlage gegen Bayern vorzeitig sein Urlaubsticket ab, dann kam es wie immer in der Karriere des Aaron Hunt: Er verletzte sich und fiel die komplette Winterpause sowie den Großteil der Rückrunde aus. Fit meldete er sich erst – ausgerechnet, möge man hier denken – zum Rückspiel gegen Bayern. Dort zeigte er ein überzeugendes Comeback und lässt als einer der wenigen Spieler hoffen, doch das kommt später.

Ebenfalls erwähnt sei hier die Rückkehr von Naldo, der nach gefühlt tausendjähriger Pein sein Comeback für Werder geben durfte und auf Anhieb überzeugte. Seine Rückkehr im Derby war ein klassischer Gänsehautmoment – ob nun im Stadion oder vor dem TV.

Die Verlierer der Hinrunde wiederum waren weniger deutlich auszumachen, fielen doch recht wenige Spieler deutlich ab. Genannt werden können hierbei in erster Linie Ekici, der – auch aufgrund von augenscheinlich mangelnder Fitness – weit hinter den Erwartungen zurückblieb sowie Wesley, der es nur auf drei Einsätze brachte, dabei trotz recht hoher Effektivität wenig überzeugend auftrat und dies scheinbar auch nicht mit guten Trainingsleistungen ausgleichen konnte.
Mit Abstrichen ist zudem Marko Marin zu nennen, der nach starkem Saisonbeginn aufgrund von kleineren Verletzungen schnell aus der Form geriet und sich mehr und mehr in kopflose Dribblings verzettelte, ohne Tor blieb und lediglich drei Torvorlagen beisteuern konnte.

Die Winterpause

In der Winterpause geschah traditionell recht wenig, zumindest verglichen mit anderen Vereinen (Wolfsburg, zum Beispiel):
Andi Wolf durfte nach halbjährigem Werder Intermezzo wieder gehen, es zog ihn nach Frankreich zum AS Monaco, nachdem er sich kurz vorher bereits verletzte. Über seine Leistung schreibe ich an dieser Stelle bewusst nichts, da ich kein Fan dieser Art von Innenverteidigern bin. Deshalb belasse ich es bei Folgendem: Er hat gekämpft, immer. Menschlich ein feiner Kerl, danke Andi!
Der Ersatz für ihn war dabei der junge Schweizer Francois Affolter von BSC Young Boys, seines Zeichens U21-/A-Nationalspieler der Schweiz, je nach Gusto des Ottmar Hitzfeld.
Affolter galt und gilt als talentierter, moderner Innenverteidiger mit Stärken in der Ballbehandlung, Geschwindigkeit und Spieleröffnung, dafür jedoch auch sichtbaren Schwächen im körperbetonten Zweikampf sowie dem Kopfballspiel.
Kurzum: Er war das komplette Gegenteil von Wolf.

Nachdem Hunts Verletzung sich schnell als potenziell langwieriger herausstellte, wurde mit Zlatko Junuzovic ein weiterer Spieler aus Österreich verpflichtet, genauer vom FK Austria Wien.
Junuzovic sollte als offensiver Mittelfeldspieler für mehr Kreativität sorgen und insbesondere die Breite der Kreativabteilung erhöhen, nachdem sowohl Marin als auch Ekici bisher hinter den Erwartungen zurück blieben.

Für deutlich mehr Spannung sorgten bei Werder daher nicht die tatsächlichen Transfers, sondern viel mehr die Gerüchte:
Claudio Pizarro wurde vermehrt mit anderen Clubs in Verbindung gebracht, was von ihm durch Aussagen wie “ich weiß nicht was passiert, man muss abwarten und sehen was passiert” mustergültig angeheizt wurde.
Pizarro verlor seine mediale Aufmerksamkeit allerdings schnell an die beiden Brasilianer Werders: Wesley und Naldo.
Die Gründe hierfür war eine an Lächerlichkeit kaum zu überbietende Transferposse seitens brasilianischer Vereine:
Palmeiras und Atletico de Mineiro lieferten sich ein Tauziehen um Wesley, bei dem am Ende Palmeiras den vermeintlichen Zuschlag erhielt. 6 Millionen Euro standen als Ablösumme im Raum, abzuzahlen in drei Raten á 2 Millionen Euro.
Gedauert haben diese Verhandlungen sage und schreibe zwei Monate, weil man lange Zeit keine anständige Bankbürgschaft auftreiben konnte.
Irgendwann wurde dies jedoch geklärt, Wesley wechselte und wurde alsbald von seiner Werder Vergangenheit eingeholt: Kreuzbandriss, mehrere Monate Pause.
Gute Besserung an dieser Stelle Wes, das wünscht man niemandem.

Überboten wurde dieses Hickhack jedoch noch vom Baggern brasilianischer Vereine an Naldo.
Ganz im Stile des Austin Powers Erzfeindes Dr. Evil kam eine Delegation nach Bremen und bot für Naldo sagenhafte one million dollars Euro.
Ein lächerliches Angebot, das von Klaus Allofs medial wie folgt kommentiert wurde: “Nur weil ich nett war, habe ich ihn [den Klub-Agenten] nicht sofort rausgeworfen.”

Ja, das war schon eine witzige Geschichte.
Naldo wiederum blieb – und fiel bis zum Spiel gegen Gladbach aus. Typisch, irgendwie.

Das positive Ereignis der Winterpause war das Aufrücken Tom Trybulls – des Spielers, den vorher nur diejenigen auf dem Schirm hatten, die ihn in der U23 (oder vorher) spielen sahen.
Ein Spieler, von dem ich binnen kürzester Zeit zu einem waschechten Fanboy wurde.
19 Jahre alt, mittlerweile Stammspieler im zentralen defensiven Mittelfeld der Werderraute.
Ein Spieler, der eine ungeheure Spielintelligenz und Übersicht aufweist, in der Lage ist, klare öffnende und strukturierte Pässe zu spielen, unter Druck die Ruhe zu bewahren und sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen.
Kurzum: Ein Spieler, der von den Anlagen her wie geschaffen scheint für die 6er Position, wenn er physisch zulegt.
Doch ich greife wieder vor…

Die Rückrunde

Ich fass mich kurz: Was für eine ……..

Doch langsam:
Werder startete nach einem traditionell schwachen Wintertrainingslager samt obligatorischer Niederlagen auswärts gegen den FCK in die Rückrunde.
Als Lehren der Hinrundenabschlussdebakel sollte dabei die Abwehr stabilisiert werden: Fritz rückte vom Mittelfeld zurück auf die Rechtsverteidigerposition, Sokratis in die Mitte. Dort bildete er aufgrund von Naldos Verletzung ein Duo mit Sebastian Prödl.
Dieses Duo wirkte solide, bis Kouemaha sich dazu entschied, Prödl das Nasenbein zu brechen.
Eine Szene, die für mich das größte Armutszeugnis eines Schiedsrichters in dieser Saison darstellt.
Das wäre noch halbwegs zu verschmerzen, hätte der Schiedsrichter seinen Fehler danach wenigstens eingesehen und sich entschuldigt. Fehler können passieren, dafür reißt einem niemand den Kopf ab.
Doch stattdessen entschied sich der nette Herr so zu tun, als habe er die Szene gar nicht gesehen – trotz eindeutiger Fernsehbilder, die ihn dabei zeigen, wie er
1) Direkt das Geschehen ansieht
und
2) Die Pfeife bereits im Mund hatte, sie dann jedoch rausnahm.

Werder hätte in dieser Szene einen Elfmeter und Kouemaha einen Platzverweis erhalten müssen – beides blieb aus, stattdessen musste Prödl ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Das Spiel endete 0:0, immerhin blieb man ohne Gegentor.
Es folgte der Beginn des Bremer Jugendwahns:
Gegen Leverkusen startete Werder mit einer der jüngsten Werdermannschaften aller Zeiten.
Florian Hartherz, Tom Trybull, Francois Affolter, so hießen die neuen Jünglinge Werders, vermeintlich neue Gesichter eines vermeintlich neuen Werders.
Das Spiel war hart umkämpft, leidenschaftlich geführt, von den Fans leidenschaftlich unterstützt und es endete Unentschieden, wie so oft zwischen Leverkusen und Werder.

Zwei Punkte aus den beiden Auftaktpartien, für Werderverhältnisse ein guter Rückrundenstart doch die Zweifler mehrten sich.
Im Anschluss spielte man wieder Unentschieden, diesmal auswärts gegen Freiburg.
Dann wieder Unentschieden, zu Hause gegen Hoffenheim.
Vier Punkte aus vier Spielen, man verlor den Anschluss nach oben, wo man doch eigentlich auf die Champions League schielen wollte.
Dann war wieder Derbyzeit und Thomas Schaaf überraschte viele Kritiker mit einer taktisch bestens eingestellten Mannschaft um die dabei herausragenden Wiese (typische Derbyform), Sokratis, Trybull und Marin.
Man gewann verdient mit 3:1, brach den Fluch der orangenen Auswärtstrikots und wollte endlich eine Aufholjagd einläuten.
Was folgte, war die große Ernüchterung:
Viele Unentschieden, viele Niederlagen.
Nur ein einziger weiterer Sieg gelang, wieder im Derby, zu Hause gegen Hannover 96 mit 3:0.

Claudio Pizarro wirkte die gesamte Rückrunde über unfit, fand nie zu seiner Hinrundenform und spielte oftmals ganz schwach.
Über der Mannschaft schwebte konstant die bei vielen unsichere Vertragssituation, es kamen weitere kleinere und schwerere Verletzungen hinzu: Marin, Ekici, Bargfrede, Hartherz, Arnautovic, u.A..

Am Ende stehen nun 13 Punkte aus 17 Partien in der schlechtesten Rückrunde der Vereinsgeschichte und die erneut verpasste Qualifikation fürs internationale Geschäft.
42 Punkte hat man zum Abschluss auf dem Konto, 41 waren es in der Vorsaison, in der man bis zum Schluss gegen den Abstieg spielte.
Selbiges hätte erneut passieren können, wären die anderen Vereine nicht ähnlich schlecht gewesen.
Unter dem Strich steht: Saisonziele verpasst. Zum zweiten Jahr in Folge.

Endlich vorbei

Nach Saisonende mehrt sich nun die Kritik, die Rufe nach Veränderungen werden lauter in Bremen.
Die einen schieben es ganz simpel auf die Raute und fordern einen Systemwechsel, der ihrer Meinung nach alles besser machen würde.
Das wiederum ist mir viel zu simpel, beschreibt es doch keinesfalls die Probleme Werders im Detail sondern dient nur einer oberflächlichen, in meinen Augen unreflektierten Stammtischkritik.
Andere schieben es auf die Verletztensituation, was mir ebenfalls zu einfach ist, schließlich muss man sich hier mittlerweile fragen, wo dafür die Gründe liegen.

Ebenso simpel ist die Kritik eines gewissen Jörg Wontorra, der auf Stammtischniveau – da muss ich den Vereinsoffiziellen sogar mal zustimmen – den Verein in Frage stellt.
Dabei meine ich in erster Linie seine oberflächlichen Parolen wie “frischen Wind reinbringen” oder “der Fisch stinkt am Kopf zuerst”.
Ein Journalist mit Anspruch sollte Reflektierteres zustande bringen.
Getoppt wird das nur von albernen Verbesserungsvorschlägen, wie beispielsweise Thomas Schaaf als Sportdirektor und Holger Stanislawski als neuem Trainer.
Bei aller Sympathie zu Stani, so hat er in der ersten Liga doch noch rein gar nichts gezeigt und stellt keinesfalls eine Verbesserung zu Thomas Schaaf dar, was in meinen Augen die Voraussetzung für einen Trainerwechsel ist, den ich – wie hier geschildert – ebenfalls befürworte.
Nein, die Probleme Werders sind deutlich weitreichender:
– Defizite in den taktischen wie spielerischen Basics (Passspiel (Druck und Präzision), Laufwege, Vor- und Rückwärtsbewegung, Nachrücken, Pressing, Unterstützung im defensiven wie offensiven Zweikampf)
– Eine nach wie vor ungeklärte Verletztenmisere, die definitiv nicht nur auf Pech zurückzuführen ist. Hier muss ganz klar die gesamte medizinischen Betreuung durchleuchtet werden.
– Eine unausgewogene Kaderzusammenstellung, die scheinbar zu wenige passende Spielertypen für Schaafs Verständnis vom Fußball bietet.
– Erhebliche Formschwächen einzelner Spieler, überwiegend der verdienten Spieler (Pizarro/Fritz in der Rückrunde, mit Abstrichen Wiese und Rosenberg (in der Hinrunde))
– Eine schwache Hierarchie, die zu wenige Führungsspieler beeinhaltet. Zu nennen sind hierbei lediglich Fritz, der jedoch selten gut spielt sowie Prödl. Pizarro und Naldo versagen hier aufgrund ihrer Wechselbekundungen auf ganzer Linie, ebenso Sokratis (trotz großer Sympathie) und Wiese.
Rosenberg hat zwar nebst einer guten Rückrunde auch menschlich eine tadellose Saison abgeliefert und wieder bewiesen, wie sympathisch er ist, ein “Leader” im klassischen Sinne ist er jedoch nicht.

Es bleibt daher zu konstatieren, dass eine Menge getan werden muss in Bremen.
Offensichtliche Problemzonen im Kader müssen behoben (RV, OM/ZM, ST, Führungsspielerproblematik), Abgänge (Wiese, Marin, Piza, Rosenberg) ersetzt werden, gleichzeitig muss jedoch der Gehaltsetat aufgrund der verpassten sportlichen Ziele weiter gesenkt werden.
Dabei muss jedoch keiner denken, man sei finanziell schlecht aufgestellt. Das mag von den Medien gerne so publiziert werden, stimmt jedoch nicht.
Nach den Abgängen wurde der Gehaltsetat bereits jetzt erheblich gesenkt, Neuzugänge dürften teils deutlich weniger verdienen, durch Marin und Wesley konnte man zudem einiges an Ablösesummen generieren.
Man darf keine große Transferoffensive erwarten, zumal man aufgrund der Notwendigkeit vieler Transfers ohnehin eher nach günstigeren Spielern Ausschau halten wird, jedoch braucht in Bremen keiner befürchten, dass der Kader aufgrund finanzieller Zwänge gar nicht verstärkt werden könne.

Hoffnung auf eine bessere nächste Saison oder zumindest eine gewissene Vorfreude erwecken bei mir in erster Linie Trybull, Hunt, Sokratis, Hartherz, Füllkrug, Mielitz und Aycicek.
Man hat viele junge, talentierte Spieler, aus denen gute Bundesligaspieler werden können.
Was fehlt sind momentan die Führungsspieler, die ihnen bei der Entwicklung helfen.
Diese gilt es, unter Anderem, zu verpflichten.
Es muss eine gute Balance gefunden werden, eine positive Stimmung im Team und im Umfeld erweckt werden, man muss sich insgesamt aufs Schärfste hinterfragen, die richtigen Hebel umlegen und sich den ***** aufreißen, dann bin ich davon überzeugt, dass die nächste Saison besser wird.

Noch habe ich Vertrauen in das Team, zumindest in manche.
Ich hoffe inständig, dass ich nicht enttäuscht werde.

Dennoch, einer Sache bin ich mir bewusst:

Egal was auch passiert, ich stehe zu diesem Verein – in guten wie in schlechten Zeiten.
Das, was ich als Fan tun kann, das werde ich tun. Ich werde diese Mannschaft unterstützen, ich werde sie anfeuern, ich werde mitfiebern.

Lebenslang Grün-Weiß!