Von Kontinuität und ihren Tücken

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde man in Bremen gelobt.
Für die hervorragende Arbeit, die man angesichts der – im Vergleich zur damaligen Konkurrenz – so bescheidenen Mittel verrichtete.
Für das ruhige Umfeld, das selbst bei kleineren Krisen niemals einen Unruheherd darstellte.
Für den bezaubernden, begeisternden Fußball, den man spielte.
Für die Kontinuität. Die Beständigkeit.
Dafür, dass man anders war als all die HSVs, VfBs, S04s und Wolfsburgs dieser Liga.

Ja, es ist noch gar nicht lange her…

Vor nicht allzu langer Zeit…

…und doch so fern.
Die hervorragende Arbeit, für die Werder so gelobt wurde, ist über die letzten 3-4 Jahre nur noch in der Person von Sokratis zu erkennen.
Ein Spieler, der ohne Eingewöhnungszeit Werders stärkster Rechtsverteidiger seit Fritz’ Galaform wurde – und das, obwohl er doch eigentlich als Innenverteidiger verpflichtet wurde, nur, um in der Rückrunde als Innenverteidiger Mertesacker völlig vergessen zu lassen.
Ein Spieler, der so viel mehr wert ist als für ihn bezahlt wurde.
Ein Typischer Werder-Transfer, sagte man früher. Vor nicht allzu langer Zeit.
Mittlerweile wird in Bezug auf Werders Arbeit viel mehr auf “Flops” hingewiesen.
Die Carlos Albertos, Wesleys und – mit Abstrichen – Arnautovics.
Das ist zugegebenermaßen ebenso richtig wie plakativ und unreflektiert.
Werder hatte “Flops”, ja. Doch wie kam es zu dazu?

Carlos Alberto galt als Toptalent, kam mit riesigen Vorschusslorbeeren und galt bereits nach einer Trainingseinheit als derjenige, der Werder zusammen mit Diego zu Titeln führen würde. Was kam dann?
Konflikte mit seinem Landsmann, der bekräftigte, dass er “nicht mit ihm zusammen spielen” könne.
Einstellungsprobleme, die ihn schnell ins Aus manövrierten.
Etwas über 40 Minuten Einsatzzeit in Pflichtspielen, Skandälchen, eine Ausleihorgie, an deren Ende ein ablösefreier Transfer stand, ein “riesengroßes Missverständnis” eben.
Ein Flop, ja. Aber schwer vorherzusehen.

Der Wesley Transfer wiederum war eine Hängepartie aus dem Lehrbuch, die ersten Einsätze vielversprechend, was direkt Lob nach sich zog.
Dann kamen in den Fanlagern die ersten Zweifel an Wesleys taktischen Kenntnissen auf. Mehr und mehr wurde kritisiert, dass er planlos und vogelwild über den Platz lief. Engagiert zwar, aber letztlich brachte er mehr Unordnung, als dass er half.
Wenig später kam seine Verletzung, die ihn endgültig aus der Bahn warf. Eine lange Pause, ein misslungenes Comeback, eine schwache Vorbereitung. Wieder kam es zu einem Transfer nach Brasilien, diesmal zum Glück ohne Leihe und mit entsprechender Entlohnung.
Hier hätte man besser scouten können, die taktischen Defizite früher erkennen müssen – oder man hat sich überschätzt. Beides spricht gegen die “hervorragende Arbeit”.

Arnautovic hingegen war wieder einer dieser “typischen Werder-Transfers”. Ein Spieler, der bereits als “der neue Andi Herzog” galt, bei Inter landete, eigentlich längst außer Reichweite war. Eigentlich.
Wäre da nicht diese schwere Fußverletzung gewesen, die ihn wieder auf den Markt brachte. Ihn, den neuen Andi Herzog, der für Werder doch eigentlich längst außer Reichweite war.
6,5 Millionen Ablösesumme? Kein Problem für einen Klub, der in der Champions League spielt.
Ein Schnäppchen, war er doch der neue Andi Herzog.
Ihm muss man zugutehalten, dass er in einer Saison kam, in der bei Werder nichts lief. Aus mehreren Gründen, die an dieser Stelle nicht das Thema sind.
Er ist in meinen Augen noch kein Flop. Noch nicht.

Was bleibt noch übrig, von dem Lob?
Richtig, der “begeisternde Fußball”…
Nun, den spielen nun andere Teams. Dortmund zum Beispiel.
Anderes Thema.

Das ruhige Umfeld! Ja, fantastisch, das ist geblieben! Sehr schön. Oder etwa nicht?
Doch, das muss gut sein. Genauso wie die…

Kontinuität

“Jeder spricht von der Bremer Kontinuität als wäre das hier etwas Selbstverständliches, doch das ist es nicht. Kontinuität bedeutet nicht, krampfhaft an – zum Beispiel – dem Trainer festzuhalten. Wir machen das hier nicht aus Spaß, sondern aus Überzeugung. Weil wir davon überzeugt sind, dass es der richtige Weg ist.”
Klaus Allofs, so in etwa, in Zeiten des Erfolgs.

“Es bringt nichts, jetzt den Trainer herauszupicken und auf ihm herumzuhacken, wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen, analysieren und die richtigen Schlüsse ziehen. Es liegt nicht am Trainer, dass es nicht läuft.”
Klaus Allofs, so in etwa, in Zeiten des Misserfolgs.

Ja, diese Kontinuität. Ein seltsames Ding. Faszinierend, wenn sie funktioniert. Tückisch, wenn es mal nicht so ist.

Dann ist plötzlich nicht mehr von der Kontinuität im positiven Sinne die Rede, sondern von “eingerosteten Strukturen” und “Festgefahrenheit” im negativen Sinne.

Zu Recht, wie ich mittlerweile finde.

In der gesamten letzten Saison, in der es über weite Strecken gegen nichts Anderes als den Abstieg ging, stand ich immer und zu 100% hinter dem Trainer. Ich suchte Ausrede um Ausrede. Das fiel die meiste Zeit leicht, weil Werder so viele Verletzte hatte. Mehr Verletzte als alle anderen Klubs. “Das ist doch einfach Pech..”, sagte ich.
“Andere Schiedsrichter hätten den Elfmeter gegeben..”, sagte ich (im Übrigen oftmals zu Recht, doch lassen wir das).
Wie gesagt, das Ausredenfinden fiel leicht. Sehr leicht. Zu leicht, wie sich mittlerweile herausstellt.

Ein Phänomen namens Umbruch

Im Sommer ging ein Ruck durch Bremen. Der Leithammel Frings ging, genauso wie Daniel Jensen, Petri Pasanen und Mertesacker.
Relikte aus glorreichen Zeiten.
Spieler, die der “neuen Philosophie” des Vereins im Weg standen.
Spieler, die man sich “nun nicht mehr leisten könne”, angesichts der bevorstehenden Saison ohne internationales Geschäft.
Dafür kamen Spieler wie Andi Wolf, Sokratis, Lukas Schmitz und Mehmet Ekici.
Außerdem kehrte Rosenberg zurück. Millionenberg, wie er bei seinem Abschied hieß.
Damals, als Werder in der Champions-League Qualifikation gegen Sampdoria spielte – und er das entscheidende Tor schoss.
Millionenberg, ein weiteres Relikt aus glorreichen Zeiten. Einer, der eigentlich nur deshalb blieb, weil man ihn nicht verkaufen konnte.
Einer, der schnell Stammspieler wurde, dann wieder auf der Bank saß und mittlerweile der einzige Spieler ist, der das Tor trifft.

Man sprach vom “Umbruch” in Bremen. Zu Beginn nur zaghaft, später dafür umso häufiger.
Als Ausrede, für die dürftigen Leistungen, nachdem die Verletztensituation relativ entspannt war.
Schon wieder eine Ausrede.
Dabei sollte doch eigentlich alles anders, alles besser werden…

Keine Ausreden mehr

… doch es wurde nur noch schlimmer.
Zu Rückrundenbeginn häuften sich die Verletzungen, mehrten sich die Störfeuer angesichts auslaufender Verträge und verschlechterten sich die Leistungen auf dem Platz.
Die spielerisch ohnehin schon dürftigen Auftritte sanken in ihrer Qualität noch mehr, immer weiter, von Spiel zu Spiel – mit kleinen Ausreißern nach oben.

Jetzt, nach dem 31. Spieltag, stehen 2 Siege in der Rückrunde zu Buche. 2 Siege, 7 Unentschieden und viel zu viele Niederlagen.
Die Siege kamen immerhin gegen die beiden Nordrivalen HSV und, äh, HSV zustande.
Gegen den kleinen HSV gewann man auswärts mit 1:3, den großen schoss man mit 3:0 aus dem Weserstadion.
Vor nicht allzu langer Zeit, da war der “große” noch der “kleine” HSV und andersherum. Mittlerweile spielte der ehemals “kleine” HSV um Europa, der “Dino” gegen den Abstieg.

Dennoch: Das ist zu wenig. Viel zu wenig. Allen Ausreden zum Trotz.

Werder spielt – das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden – wie ein Abstiegskandidat.
Naja, fast.
Freiburg zum Beispiel spielt schöner. Augsburg zumindest nicht schlechter, der EffZeh und Kaiserslautern schon, wie auch immer das geht.
Gegen Ausgburg, Hertha, Mainz, Nürnberg, Kaiserslautern, Köln und Freiburg holte man sagenhafte 4 Punkte. V-I-E-R.
Für ein Team mit Werders Ansprüchen zu wenig. Viel zu wenig.
Selbst in Anbetracht der Verletzenlage.
Mit diesem Kader, mit diesen Spielern, mit diesen Mitteln muss es möglich sein, wenigstens einen einzigen Sieg(!) gegen eines dieser Teams zu holen.
Doch das gelang Werder nicht.
Gegen Kaiserslautern verpasste man einen Sieg gegen ein Team, das vielleicht das einzige Mal in der Rückrunde engagiert und mutig auftrat.
Gegen Freiburg gewann man auswärts nicht, obwohl Werder gegen Freiburg eigentlich immer gewissen muss – dachte man zumindest.
Gegen Hertha wurden man von einem Trainer quasi ausgecoacht, der vor gut 15 Jahren bei Werder tätig war und dessen Ankunft in der Bundesliga mehr belächelt als bewundert wurde.
Gegen Köln scheiterte man unbegreiflicher eigener Passivität.
Gegen Nürnberg und Mainz verlor man nun die zweite Saison in Folge das Heimspiel, nachdem beide Teams zuvor ein sicherer Punktelieferant waren.
Die Partie gegen Mainz war dabei ein taktisches Armutszeugnis, ein Beweis dafür, wie leicht Werder für individuell mittelmäßig besetzte Teams zu schlagen ist, wie naiv man ins offene Messer rennt und an was für Dummheiten man wie selbstverständlich scheitert.

Getoppt wurde das nur vom Spiel gegen Gladbach, in dem man taktisch so unterlegen war wie gefühlt noch nie und das gegen ein Team, das in der letzten Saison gegen den Abstieg spielte – und nun um die Champions League.

Nein, es darf keine Ausreden mehr geben. Man hatte genug Chancen, genug Zeit, genug Mittel. Es sind letztlich nicht die Schiedsrichter, die unsere sportliche Talfahrt verursachten. Auch nicht die Verletzten oder unsere ach-so-geringen Mittel.
Nein, wir sind selbst Schuld.

Danke Thomas, du darfst jetzt gehen

Dass diese Zeilen eines Tages geschrieben werden müssen hätte man sich schon lange denken können. Andere haben es bereits getan, manche werden es sicherlich noch tun, wiederum andere vielleicht nie.

Danke Thomas, du darfst jetzt gehen.

Thomas Schaaf hat, zusammen mit Klaus Allofs, diesen Verein zur zwischenzeitlichen Nummer zwei der Bundesliga gemacht.
Er hat diesen Verein zum Double geführt, ins Finale des damaligen UEFA-Cups und insgesamt sechs Mal in die Champions League. Er hat mehrfach den DFB-Pokal gewonnen, als Trainer zahlreiche Fußballfeste erlebt und verantwortet, er hat sich in Bremen viele Freunde und bis zuletzt nur sehr wenige Feinde gemacht.

Ja, das hat er. Bis vor nicht allzu langer Zeit…

Mittlerweile wird Thomas Schaaf als Sturkopf verschrien. Als Trainer, der sich dem Modernen verschließt, der taktisch hinterherhängt, von Trainerkollegen wie Klopp, Tuchel und Favre abgehängt wurde, der nicht mehr zeitgemäß ist.
Festgemacht wird das am Spielsystem der Raute, was in meinen Augen zu einfach ist.
Natürlich, die Raute ist auf dem Papier nicht modern, sie hat klare Schwächen in Duellen gegen andere, flügellastige Systeme.
Doch sie ist weder ein unausweichliches Zeichen einer Niederlage, noch ist sie Schaafs “Liebling”, den er unbedingt durchsetzen möchte.
Anders als viele andere bin ich der Meinung, dass mit dem momentanen Spielermaterial die Raute das geringste Übel ist, zumal in der Art und Weise, wie Schaaf sie eigentlich spielen lassen möchte: Fluide, schnell, direkt, unberechenbar.

Schaaf ist, war und wird immer ein Befürworter aggressiver, offensiver Spielsysteme sein. Ein Defensivkünstler ist er nicht und war er auch noch nie. Er liebt die Vorstellung des “totalen Fußballs”, was man ihm kaum vorwerfen kann.
Dafür ist die Raute ein System, was in der Theorie besser geeignet ist, als viele andere: Kaum feste Positionen auf dem Spielfeld, ständiges Bilden von Passdreicken, Rochaden, direktes, vertikales (Kurz-)Passspiel.
In der Theorie ist die Raute in der Lage, den Gegner zu überrollen. Ihn völlig aus der Fassung und Ordnung zu bringen, ihn zu zerstören.
In der Praxis funktioniert das leider schon lange nicht mehr, das Gegenteil ist der Fall.
Die Rochaden verwirren eher die Mitspieler, das Passspiel bleibt brotlose Kunst, Raumgewinn erfolgt kaum, das Bilden von Dreiecken wirkt ebenfalls völlig unkreativ, statisch, ungefährlich, insgesamt ist man viel zu unpräzise und harmlos.

Es ist nicht die Raute, für die ich Schaaf kritisiere und nicht die Raute ist der Grund, warum ich möchte, dass er geht.
Nein, es sind die einfachen Dinge, wie der Druck und die Präzision im Passspiel, die mittlerweile jedes Erstligateam können muss.
Eingespieltheit bei Standards, eingeübte Spielzüge, Laufwege, Seitenverlagerungen, Schüsse aus der zweiten Reihe.
Alles Dinge, die jedes gute Team auszeichnen, die man in meinen Augen relativ einfach trainieren kann, die jedoch schlicht und ergreifend bei Werder nicht vorzufinden sind.

Es ist der Plan, der mir fehlt. Ein Konzept. Ich erkenne keinen Weg, nur eine Schlucht.
Ich liebe diesen Verein, ich liebe dieses Team und das wird auf ewig so bleiben. Aufgrund meines Alters habe ich gleichzeitig das Pech, die grandiosen Erfolge unter Rehhagel nicht miterlebt zu haben, sowie das Glück, den Abstieg und das Dasein als graue Maus, als Mittelmaßklub verpasst zu haben. Die Ära des Schreckens um Dörner, Sidka, De Mos und Magath interessierte mich nicht, ist für mich nur eine bekannte vereinshistorische Zeit, keine Erfahrung.
Deshalb fehlt mir vielleicht die Geduld, fehlt mir die Erfahrung.
Mir fehlt aber keinesfalls die Leidenschaft und Hingabe, die andere, ältere Fans für sich beanspruchen.
Mich stört es, ja, mich treibt es in den Wahnsinn, dass dieser, meiner Verein mit sehenden Augen in die Mittelmäßigkeit läuft.
Es ist kein spielerischer Fortschritt zu erkennen, kein Hinterfragen der Probleme, keine Einsicht.
Mir fehlt die Perspektive, die Aussicht auf Besserung, die mich dazu bringen würde, ohne Murren mein Team durch den Abstiegskampf zu peitschen. Das liegt nicht zuletzt auch an der Außendarstellung des Vereins, die immer noch wirkt wie ein bockiges, uneinsichtiges Kind, das nicht akzeptieren will, dass es momentan die Playstation nicht bekommen kann, sondern sich mit dem billigen Spielzeugauto beschäftigen muss.

Was getan werden muss

Das, was in meinen Augen vollzogen werden muss, ist ein klarer Schnitt.
Man muss sich von dem alten Anspruchsdenken verabschieden, ein mittel- bis langfristiges Konzept entwickeln, ein System entwickeln, entsprechende Transferpolitik betreiben und ein neues Team aufbauen.
Man muss das “alte” Werder vergessen, das “Double-Werder”, das bezaubernden Fußball bot.
Man muss eine neue, veränderte Identität entwickeln, die Wurzeln und das eigene Selbst nicht leugnen, sich aber den Neuerungen nicht mehr verschließen.
Die “Werder-Familie” wirkt mittlerweile in der Tat verkrustet.
Lemke wirkt wie ein alter, mürrischer Autokrat, der seinen Thron nicht räumen will, das ehemalige Erfolgsgespann wirkt zumindest auf der einen Seite ratlos.
Ich bin für einen neuen Trainer, nicht irgendeinen x-beliebigen, sondern den richtigen Trainer.
Einen, der zu Werder passt.
Einen, der offensiven Fußball spielen lassen möchte, der die Tradition fortführen möchte, hier langfristig etwas erreichen will, der offen für Neues ist und – so banal es klingt – frischen Wind mitbringt.
Es muss jemand sein, der taktisch bestens geschult ist, der dieses Wissen gut vermitteln kann, der nach Bremen passt, hier ins Umfeld passt, der gut mit jungen Spielern kann – denn darauf muss gebaut werden -, der ein guter Motivator ist.

Namen nenne ich nicht.
Diesen jemand muss die Geschäftsführung und sportliche Leitung finden, denn Thomas ist es meiner Meinung nach nicht.
Dieser jemand muss gefunden werden, sonst war es das auf lange Zeit mit dem erfolgreichen SVW und ich erlebe früher oder später meine eigene “Ära des Schreckens”.

Zum Abschluss sei noch kurz etwas gesagt, was ebenfalls gesagt werden muss:
Thomas Schaaf ist ein fantastischer Mensch, ein Vorbild sondergleichen. Er hat sich jeglichen Respekt verdient und erarbeitet, sticht aus der Welt der Extravaganzen aufgrund seiner Bodenständigkeit und Menschlichkeit hervor, engagiert sich für Hilfsbedürftige und schaut nicht nur auf sich selbst.
Er ist ein fantastischer Mensch und in meinen Augen nach wie vor ein guter Trainer, nur nicht mehr der richtige für Werder und er hat es sich verdient, einen rühmlichen Abgang zu bekommen, ohne Querelen, einen sauberen Schnitt. Er muss gehen, er muss den Zeitpunkt wählen. Ich hoffe, er wählt richtig.
In diesem Sinne:

Danke Thomas, du darfst jetzt gehen.

 

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Von Kontinuität und ihren Tücken

  1. Schön, dass du mal wieder geschrieben hast. :-) Ich fand deinen Artikel sehr lesenswert und es ebenso bedauerlich, dass ich ihm zustimme.
    Denn, wie du geschrieben hast, trotz all der Schrecken der letzten Saison habe ich immer an Thomas Schaaf festgehalten, hatte ich immer das Gefühl, dass es zwar eine harte Zeit ist, aber ein Weg erkennbar. Langsam fehlt mir – wie offensichtlich auch dir – die Perspektive und die Hoffnung.

    Und diese Saison, die mehr von Rückschritten als von Fortschritten geprägt war, habe ich zum ersten Mal gedacht, dass Thomas Schaaf nicht mehr der richtige ist. Und wie du sagst, nicht menschlich und auch nicht, weil ich grundsätzlich seine Kompetenz als Trainer anzweifeln würde. Nur, weil ich das Gefühl habe, dass es nicht mehr vorwärts geht. Dass es einfach nur stagniert.
    Innerhalb der Saison war es nicht nur das Verletzungs”pech”.
    Es war auch: Spielerische Rückentwicklung nach anfangs hoffnungsvollen Ansätzen. Eine Raute, in der man nur noch die Nachteile, nicht aber die Stärken des Systems erkennen kann. Defensivarbeit die großteils passiv wirkt. Passunsicherheiten. Kein Pressing in irgendeiner Form. Erst spätes Angreifen des Gegners. Ideenlose Offensive.

    Werder ist taktisch und spielerisch meilenweit von der Tabellenspitze entfernt. Und ich weigere mich, dass an der Ausgangslage festzumachen. Und es geht mir nicht um die von Thomas Schaaf und Klaus Allofs ständig angesprochenen “Kleinigkeiten”. Das ist einfach eine bodenlose Untertreibung für diese ganz grundsätzlichen Fähigkeiten, die – wie du auch geschrieben hast – jedes gute Erstligateam können muss.

    Ich wünsche Thomas Schaaf einen würdevollen Abgang. Vermutlich wird er nicht annähernd dem gerecht, was er alles für Werder getan hat. Ich hoffe, dass er seine Zeit erkennt. Ich will, dass er nicht als Abstiegstrainer in Erinnerung bleibt, der Werder unwiderruflich ins Mittelmaß und nur knapp am Abgrund vorbei geführt hat. Sonders als den, der Werder an die Tabellenspitze, zu begeisterndem Fußball, zum Doublegewinn gebracht hat.

    In dem Sinne auch von mir ein (schmerzhaftes und nur schweren Herzens):
    Danke Thomas, du darfst jetzt gehen.

  2. Es fällt mir schwer, mich für diesen Artikel zu bedanken. Nicht weil er so schlecht wäre – das Gegenteil ist der Fall. Es fällt so schwer, weil er eine gleichermaßen schlichte wie schmerzvolle Einsicht präsentiert, die bisher (bis zu dieser Saison jedenfalls) undenk- und daher auch unsagbar war. Zu Taktik, System und Individualleistungen ist hier und anderswo sehr viel Richtiges gesagt worden. Bemerkenswert an diesem Artikel finde ich die autobiographischen Einschübe (»Aufgrund meines Alters habe ich gleichzeitig das Pech, die grandiosen Erfolge unter Rehhagel nicht miterlebt zu haben, sowie das Glück, den Abstieg und das Dasein als graue Maus, als Mittelmaßklub verpasst zu haben«), weil sie zur Selbstbeobachtung einladen (an die Rehhagel-Ära etwa selbst nur verschwommene Erinnerungen zu haben). Es geht um die Bedingungen der Unmöglichkeit der Frage nach einem SVW ohne Thomas Schaaf und Klaus Allofs. Woher kommt das Unbehagen an dieser neuen Frage? Wieso ist Kritik an den beiden so schwer? Was führt dazu, dass die Lektüre von Artikeln wie diesem – obwohl man Abschnitt für Abschnitt (fast) überall zustimmend nickt – so schmerzhaft ist?

    Das alles (Artikel wie Kommentare) hat etwas von schreibender Selbstvergewisserung (aufschreiben um zu denken), Beichte (»Ich zweifelte an Thomas Schaaf!«), Therapie (und bei den aktuellen Leistungen Werders mangelt es nicht an Gründen dafür), Katharsis. Gleichzeitig bleibt aber die (hoffentlich grundlose) Angst, damit an einem Diskurs mitzuweben, an dessen Ende der Weggang von Thomas Schaaf stehen könnte. Eine Trainerbank ohne Thomas? Unvorstellbar.

  3. Schöner Artikel, der auch von mir stammen könnte, insofern als auch ich wie bspw. Anna in den letzten Spielen den Glauben verloren habe. Den Glauben daran, dass Schaaf noch Turnaround schafft.

    Was den Gedanken und die Forderung so schwer macht, ist die Tatsache, dass Schaaf und Werder eins sind. Der Mann ist seit 72 im Verein und deshalb ist da diese Hürde, die Schwelle zu sagen: “Danke Thomas, aber es ist einfach Zeit, zu gehen.”.

    Doch ein Abgang Schaafs ist nur der Anfang in meinen Augen. Danach muss man sich auch unseren Wunderheilern widmen und vor allem auch Lemkes Art, den Verein nach Gutsherrenart zu führen. Es ist nicht nur mehr eine Stellschraube, der man sich widmen muss.

  4. Danke für die Kommentare, da lohnt sich der Aufwand dann viel mehr!
    Zu Anna und Stephen muss ich nicht mehr groß was sagen, da wir in unserer Meinung sowieso größtenteils gleichauf liegen, dennoch noch kurz als Ergänzung zu Stephen: Ja, man muss über wesentlich mehr nachdenken als den Trainer, viel mehr. Die gesamten Strukturen müssen durchleuchtet werden, um die (sicher zahlreichen) Ursachen für die derzeitigen (und früheren) Probleme zu erkennen.
    Ein Lemke-Freund bin ich schon lange nicht mehr, spätestens seit der Born-Geschichte damals zieht diese Person für mich stets einen üblen Schatten hinter sich her.
    Ebenso wenig nicke ich alles, was Allofs in den letzten Jahren vollbracht hat und vollbringen wird einfach ab, mitnichten.
    Auch er hat Fehler gemacht, viele Fehler, die man nicht beiseite schieben darf, die aber in meinen Augen wesentlich leichter zu erklären sind:
    1) Ist er seit Borns Abgang in einer Doppelfunktion am arbeiten, bei der jeder Aufgabenbereich für sich schon sehr umfangreich und schwer zu bewältigen ist, was eine optimale Ausübung auch nur eines dieser Bereiche in meinen Augen bereits stark beeinträchtigt.
    2) Fiel diese neue Macht- und Verantwortungsfülle in die Zeit, in der er auch privat und familiär einige Probleme hatte, was an keinem Menschen spurlos vorübergehen kann und seine Arbeit nochmals erheblich beeinträchtigte.
    Insofern hat er in meinen Augen noch mehr Kredit als Schaaf.

    @Sebastian
    Dir muss ich was den letzten Abschnitt deines Kommentars angeht komplett zustimmen: Ich schrieb diesen Artikel unmittelbar nach dem – schon wieder – schwachen Auftritt der Mannschaft gegen Stuttgart, weil ich einfach die Faxen dicke hatte.
    Ich wollte meine Meinung kundtun, ich wollte für mich mit dem Thema abschließen und einen Haken dahinter setzen.
    Dabei ging es mir ausdrücklich nicht um eine analytisch korrekte Betrachtung bspw. unserer spielerischen Defizite im Detail, sondern viel mehr um eine persönliche Darstellung, woran es in meinen Augen wesentlich großflächiger hakt.
    Ersteres überlasse ich im Normalfall sowieso den Leuten, die sich auch wirklich damit auskennen.

    Abschließend sei aber noch gesagt, dass ich nicht im Ansatz denke, dass irgendjemand im Verein (auch nicht Lemke, geschweige denn Schaaf) eben diesem wirklich bewusst schadet oder schaden will.
    Ich denke, dass kaum ein Fan eine solche Verbundenheit und Hingabe zum SV Werder aufweist, wie diese beiden Personen.
    Auch ist für mich Thomas Schaaf = Werder, was an meinen Erfahrungen liegt und überhaupt der Grund war, weshalb ich so lange damit zögerte, offen Kritik am Trainer zu äußern.
    Doch – so abgedroschen es klingt – im Endeffekt ist Werder immer noch größer als jede Einzelperson, so traurig es auch im Einzelfall sein mag.

  5. Wie heißt es so schön? “Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit!”
    Und wie du, Joey, schon genau richtig geschrieben hast (Großes Lob für deinen Bericht), ist es an der Zeit zu gehen.
    Es tut ein bißchen weh…aber es muss sein!
    Ich finde es klasse von dir, wie wertschätzend und respektvoll du in deinem letzten Absatz den Menschen Schaaf ins rechte Licht rückst!!! Das hat er so auch verdient und ich hoffe, es gibt eine große, prunkvolle Abschiedsfeier für ihn…Mach’s gut, Thomas!

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