Hoffnung gegen die Zweifel

Ich war mir selten so unsicher, ob es richtig ist, ins Stadion zu gehen. Es sind keine sportpolitischen Gründe, es ist nicht so, dass ich an meinem Verein oder meiner Liebe zu ihm, an Aussagekraft des Nichtgehens, des Hingehens, an meiner grundsätzlichen Stadionfreudigkeit, insbesondere meiner Weserstadionfreudigkeit zweifeln würde. Ich bin mir nur absolut nicht sicher, ob es richtig ist, heute abend ins Stadion zu gehen. Und vom Stehplatz aus mit heiserer Stimme und wutumbrüllten Ohren, mit schwankendem Sichtfeld und Schiedsrichterbewertungsgeschrei ein – ja, was eigentlich? – mitzuerleben. Einen Sieg? Erwarte ich nicht. Ein Unentschieden? Hilft ja nicht. Eine Niederlage? Und darüber will ich gar nicht erst nachdenken.

Irgendwo zwischen Punktverlusten, glücklichen Punktgewinnen, die trotzdem zu wenig sind, Torchancenminderung und Fehlpassquotensteigerung, zwischen Verletztenlisten und Vielleicht-geht-es-jetzt-endlich-aufwärts und  dem stetig folgendem Nein-nicht-nicht-wirklich-und-so-auch-ganz-bestimmt-nicht-nach-Europa ist mir mein Optimismus abhanden gekommen. Das ist vielleicht nicht völlig neu, aber doch zweifelsohne ungewöhnlich. Im Normalfall fallen mir immer ausreichend Ausreden ein, warum es von nun an anders sein wird. Und das ist ja auch so ziemlich das einzige, was mich durch die gesamte letzte Saison getragen hat. Der pure Glaube daran, dass es besser wird. Dass der richtige Weg eingeschlagen ist. Dass eine Wende kommt. Dass doch noch alles gut wird. Ok, letzte Saison, da war “Alles Gut” am Ende vor allem der unerschütterliche Glaube daran, dass wir nicht würden absteigen müssen. Dass dieser eine Tag, und es war ja noch nichtmal ein ganzer, der auf dem Abstiegsrang, nicht nochmal vorkommt und vor allem nicht am Ende steht. Dass das alles nicht wahr sein kann. Und der Abstieg nur ein Gespenst bleibt, irgendwo zwischen Wahnvorstellung und Albtraum. Und ich habe jede Niederlage nur umso erbitterlicher gehofft. Und mir Gründe für die Wende ab nächstem Spiel und bis zum Rest der Saison zurechtgelegt.

Aber was ist denn diese Saison dieses “Alles Gut”? Ich kann nicht mal sagen, ob es ein Fünf-Pässe-in-Folge-wären-mal-wieder-was ist, oder vielleicht vielmehr ein Ich-will-nach-Europa-und-zwar-das-außerhalb-Deutschlands. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das “Alles Gut” eher eine spielerische Fortentwicklung, das Wiederauferstehen der Verletzten oder ein Tabellenplatz ist. Und ich bin mir absolut nicht sicher, ob da hinter diesem Hoffen-müssen, zu dem man als Fan einer Mannschaft ja irgendwie immer gezwungen ist, noch der Glaube steht. Ich zweifel. Ich bin das nicht gewohnt, zu zweifeln. Aber nach so vielen Prophezeiungen. Nach so vielen Spielen, in denen ich geglaubt habe, dass es jetzt endlich alles etwas besser passt. Dass man nur weiterarbeiten müsse, dass dann Automatismen kämen und das Spiel endlich stimmiger, schneller, sicherer, kreativer würde, dass dann wieder mehr Tore auf der Haben-Seite stehen würden und die Gegentore könnten dann von mir aus so viele sein, wie sie wollen, solange wir immer eins mehr schießen. Und nach all diesen Spielen, in denen ich eine Fortentwicklung gesehen habe, nur um im Spiel darauf wieder alles zu revidieren, schleicht sich langsam die Resignation in meinen Hinterkopf und hat von dort aus ganz unmerklich den Platz eingenommen, an dem Hoffnung und Optimismus und so ein Zeug sonst saßen und die Herrschaft gleich mit. Dann hat sie es sich auf der Neuerwerbung Thron bequem gemacht und lächelt seitdem von dort oben aus ein bisschen auf mein gesamtes Fandasein herab.

Und da sitze ich nun, von Resignation regiert und langsam hält auch die Verbitterung Einzug. Natürlich weiß ich, das Werder immer für Überraschungen gut ist. Dass da oft am Ende der letzten Rückrunden ein unerwarteter Aufschwung kam. Aber ich weiß auch, das Gladbach, Stuttgart, Bayern, Wolfsburg und Schalke starke Gegner sind. Dass wir den Hauptteil der Saison nur mit Glück und schlechten Ergebnissen der Mitstreiter auf den Europaplätzen geblieben sind. Dass es nicht so gut aussieht. Und auch das mit den schlechten Ergebnissen der Mitstreiter nichts ist, dass noch länger Gültigkeit zu haben scheint. Dass es mit dem Glück auch mal zu Ende ist, die Verletztenliste aber noch lange nicht. Dass es für den Rest der Saison, für Europa in der kommenden, einfach nicht so gut aussieht.

Und ich bin absolut nicht sicher, ob es richtig ist, heute ins Stadion zu gehen.
Ich weiß nur, dass ich es werde. Und dass ich hoffen werde.
Hoffen müssen werde. Gegen alle Zweifel. Und zur Not gegen die Realität.
Denn am Ende, da hat man als Fan ja doch keine Wahl.

Auf einen Werdersieg!

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2 Gedanken zu “Hoffnung gegen die Zweifel

  1. Danke, Du triffst meine Stimmung genau. Selbst in den unseligen de-Mos-Sidka-Dörner-Zeiten war ich mir immer sicher, dass es ja bald besser werden muss und wird. Und jetzt ertappe ich mich auch dabei zu resignieren.

  2. hey, du sprichst mir aus der seele… ich hab momentan so eine alles-egal-stimmung. kann ja nix passieren. wir haben sauschwein und pizarro gehabt und können froh sein zuhause in der hinrunde die ganzen spiele gedreht zu haben, sonst würden wir jetzt mitten im abstiegskampf stecken. und dann hätte ich richtig angst.
    in dieser saison erhoffe ich mir so oder so keine besserung mehr. ein kleiner funken hoffnung auf ein werder-wunder ist noch da, so dass sie noch platz 7 schaffen und vielleicht den bayern die meisterschaft versauen..
    und für die nächste saison? noch habe ich keine hoffnung. ohne volltreffer-neuzugänge können wir uns wohl hinten anstellen mit dem unerfahrenen kader, sollten im worst case pizarro, fritz, naldo und auch sokratis den verein verlassen. dann bin ich froh, dass wir nicht noch nach z.b. aserbaidschan müssen zur el-quali, dann die ersten 3 ligaspiele verlieren und im pokal und sofort gegen den abstieg spielen.. dann lieber einen behutsamen neuaufbau, nächste saison um platz 10 mitspielen und die spieler erfahrung sammeln lassen.
    für mich kriegt allofs in den nächsten 3 monaten seine letzte chance. das wird n hartes stück arbeit, die erfahrenen spieler mit weniger gehalt zu halten und günstige spieler mit erfahrung und klasse zu holen. ansonsten wäre in dem bereich auch einmal ein neuanfang nötig.

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