Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Werder im Frühjahr 2012

Von “Jugendwahn” war die Rede. Von der jüngsten Bundesligamannschaft in Werders Geschichte. Die Tabelle sagt: Platz 5 nach 21 Spieltagen. Noch im Sommer hätte jeder dieses Zwischenergebnis als Teilerfolg gewertet. Doch nun herrscht in Bremen Ernüchterung vor.

Thomas Schaaf in der Kritik

Thomas Schaaf in der Kritik

Im Mittelpunkt der Kritik steht dabei Trainer Thomas Schaaf, der einst als unangreifbar galt. Während sich Klaus Allofs mit seinen Transfers in der Sommer- und Winterpause ein gutes Stück aus der Schusslinie befördert hat, wachsen die Zweifel an seinem Gegenstück auf der Trainerbank. Warum spielt Werder nicht mehr so, wie man es aus der Vergangenheit gewohnt war? Kann Thomas Schaaf seine Philosophie noch einmal mit dieser jungen Mannschaft umsetzen? Wird es Zeit für Werder, sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben zu erneuern? Diese Fragen stellen sich die Fans immer lauter.

Aber ist diese Kritik auch gerechtfertigt oder entspringt sie einer, durch den guten Saisonstart bedingten, übertriebenen Erwartungshaltung? Von Umbruch war im Sommer die Rede. Die fetten Jahre seien vorbei. Ein Neubeginn nötig. Die alten Zöpfe Frings, Jensen, Pasanen und Mertesacker wurden abgeschnitten. Sokratis, Ekici, Schmitz, Ignjovski – diese Namen sollten für die Zukunft stehen.

Der Neubeginn trägt spätestens seit Beginn der Rückrunde neue Namen: Tom Trybull, Florian Harthertz und Nickas Füllkrug zum Beispiel. Drei achtzehnjährige Debütanten. Oder François Affolter und Zlatko Junuzovic, die Neuzugänge aus der Winterpause. Nach der Halberneuerung im Sommer nun eine weitere Halberneuerung. Und trotzdem soll schon alles funktionieren? Soll man ohne Lehrgeld zu zahlen Platz 4 angreifen oder zumindest souverän Platz 5 sichern?

Passen Anspruch und Wirklichkeit noch zusammen?

Auch in der Hinrunde kam Werder mehr über den Kampf als über spielerische Stärke zu seinen Siegen. Die gute Frühform verblasste bald und spätestens bei der 0:5-Niederlage in Gladbach dürfte selbst den optimistischsten Werderfans klar geworden sein, dass zur Bundesligaspitze noch ein deutlicher Abstand besteht. Zumindest die Pflichtaufgaben wurden jedoch gemeistert, wenn auch nicht souverän, so doch in beeindruckender Regelmäßigkeit. Vielleicht ist es gerade diese Regelmäßigkeit, die Werders Aufgabe in der Rückrunde nun so erschwert.

Einen Fortschritt wollten wir sehen in der Rückrunde, keine Wunderdinge, nur einen Schritt in die richtige Richtung. Und dann noch einen. Stattdessen tritt Werder auf der Stelle. Die Stelle heißt Platz 5, aber sie wurde mit vier Unentschieden verteidigt. Ein Unentschieden gegen Bayer Leverkusen, den Ex-Meisterschaftskandidaten und Champions League Achtelfinalisten, meinetwegen. Aber gegen Freiburglauternhoffenheim? Zu wenig. Oder ist das unsere Kragenweite? Warum stehen wir aber dann nicht im Mittelfeld der Tabelle?

Abhängigkeiten

Es ist keine Verletztenseuche, die Werder in dieser Saison befallen hat. Mit Naldo und Hunt fehlen aber zwei Spieler, deren Ausfall man in der Rückrunde bislang nicht kompensieren konnte. Naldo stabilisierte nach seiner Rückkehr Mitte der Hinrunde Werders Viererkette. Aaron Hunt war (zusammen mit dem in die Viererkette zurückversetzten Clemens Fritz) der Antreiber im Mittelfeld, der die Verbindung zwischen Abwehr und Angriff herstellte. Als im letzten November Claudio Pizarro gegen den VfB Stuttgart fehlte, waren es Naldo und Hunt, die mit ihren Toren Werders Sieg herbeiführten.

Am Samstag spielte man gegen Hoffenheim wieder ohne Pizarro – und wirkte noch biederer, als der kriselnde Retortenclub. Vielleicht ist es genau dies: Die Biederkeit, mit der Werder trotz der zahlreichen jungen Spieler agiert. Es dauerte nur ein Heimspiel, bis der Hoffnungsschimmer aus der Partie gegen Bayer Leverkusen erneuter Bremer Tristesse wich. Junge Spieler stehen in den Augen vieler Fans für erfrischenden, unbeschwerten Fußball. Davon ist bei Werder derzeit wenig zu sehen. Und so schaut man mit eineinhalb Augen neidvoll nach Gladbach, wo man auf beeindruckende Weise vorgemacht hat, wie man innerhalb eines Jahres vom sicheren Absteiger zur Spitzenmannschaft werden kann.

Schafft Schaaf es noch einmal?

In Gladbach wurde die Spielkultur Schritt für Schritt etabliert, angefangen bei einer disziplinierten Defensive. Bei Werder scheitert man bereits daran. Erst ein Gegentor hat man in diesem Jahr aus dem Spiel heraus kassiert. Doch was hilft es, wenn man dafür die alte Straßenfußballregel (“Drei Ecken, ein Elfer”) auf ganz eigene Wiese Weise umdeutet? Einer munter nach vorn spielenden Jugendmannschaft hätte man solche Undiszipliniertheiten sicher großzügiger verziehen, doch in Werders Aufbau- und Angriffsspiel ist anno 2012 ebenso der Wurm drin.

Die Zeiten, in denen Schaafs Raute das Beste aus seinen Spielern herausholte, scheinen vorbei zu sein. Weder Marko Marin, noch Mehmet Ekici können sich so richtig mit der Rolle als 10er anfreunden und auch auf der 6er-Position stehen Philipp Bargfrede und sein Stellvertreter Aleksandar Ignjovski in der Kritik. Bei Neuzugang Junuzovic muss man noch abwarten, wie er sich mit der für ihn ungewohnten Position arrangiert. Und so hat man zwar auch in Pizarros Abwesenheit ein gutes Angriffsduo, dem jedoch mangels guten Zuspielen die Möglichkeiten fehlen. Folglich redet man am Ende des Tages wieder von der Abhängigkeit vom scheinbar omnipotenten Peruaner.

Wo also steht Werder Bremen im Februar 2012? Braucht die neu formierte Mannschaft einfach noch etwas Zeit, bis sie des Trainers Vorstellungen richtig umsetzen kann? Müssen wir auf die Rückkehr von Naldo, Hunt und Pizarro hoffen? Ist das Team auf dem – für den Außenstehenden nicht ersichtlichen – richtigen Weg? Oder bewegen wir uns doch dorthin, wohin wir uns im Sommer schon auf direktem Weg gesehen haben: ins graue Mittelfeld der Liga?

Am Ende bleiben mehr offene Fragen als Antworten. Wie so oft in letzter Zeit. Beantworten können sie nur die Spieler in den verbleibenden Partien der Rückrunde. Bis dahin bleiben wir ratlos in diesem Stadium zwischen Hoffnung, Erwartung und Enttäuschung.

Bild: 2e14 / Flickr

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15 Gedanken zu “Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Werder im Frühjahr 2012

  1. Die Erwartungshaltung scheint mir viel zu groß zu sein. Werder ist im Umbruch. Wie bei so vielen Mannschaften hat man zu lange gewartet um alte Spieler durch neue zu ersetzen. Es lief ja auch einfach zu lange ganz ok.
    Jetzt kommt der Umbruch, neue junge Spieler sind da. Und jetzt erwartet man das Werder einfach mal mit den neuen Spielern direkt oben mitspielt? Das ist doch Irrsinn… Man muss den Spielern und Trainern nun mal Zeit geben. Was man zeitweise von den jungen Spielern sieht finde ich jedenfalls richtig gut. Das Problem ist sicher noch die fehlende Erfahrung und die Konstanz. Über die Rückrunde wird das sicherlich besser werden, in der nächsten Saison kann man dann wieder leicht ein Stücken weiter nach oben schielen. Aber ein Umbruch ist nicht in nullkommanix abgeschlossen.

    • Ich glaube die Kritik kommt weniger wegen den jungen Spielern als wegen den Fehlern aus der Vergangenheit, die heute noch sichtbar sind. Das ist ja häufig so, dass die Folgen erst später sichtbar werden und die Kritik damit eigentlich zu spät kommt. Was man Schaaf konkret vorwerfen kann (in meinen Augen) ist, dass er nach wie vor an seinen Vorstellungen festhält statt einen “einfacheren” Fußball spielen zu lassen, der kurzfristig vermutlich erfolgreicher wäre. Aber das ist Interpretationssache, das kann man auch als Stärke eines Trainers sehen, wenn er am Ende Recht behält (was ich hoffe).

  2. Mittlerweile bin ich mir auch nicht sicher, ob TS noch der richitige ist.

    Anderseits tut er mittlerweile das richtige: Er lässt die zu stark gepuderten Möchtegern-Stars, wie Marin & Ekici auf der Bank und bringt frischen Wind – und gibt dabei gleichzeitig zu, dass es für die Top4 nich reicht. Dazu im Sommer eine Menge alter Spieler verscheucht – soweit viel richtig gemacht.

    Zudem startet Werder – warum auch immer – stets schlecht in die RR.

    Jetzt muss sich zeigen, ob TS der Mannschaft bis zum Sommer eine gewisse Identität gibt. Mangels Mehrfachbelastung sollte dafür eigentlich ja auch Zeit während des Trainings sein. Ist zum Sommer kein “Konzept” erkennbar sollte man vielleicht langsam schon Konsequenzen ziehen. im Sommer dürfe Dutt ja frei sein.

    • Soweit alles richtig. Aber den traditionell schlechten Rückrundenstart muss man schon auch dem Trainer anlasten. Wenn es über Jahre hinweg immer so ist, dann macht man irgendwas falsch. Und man kann oder will nichts daraus lernen. Wobei es dieses Jahr schon etwas anders zu sein scheint, als die Jahre davor.

      Ob Dutt der richtige Trainer für Werder wäre?

  3. Es gab in letzter Zeit einige Dinge, wo ich mich vermehrt gefragt habe, was macht der Herr Schaf da eigentlich? Angefangen mit den fehlenden Wechseln gegen Kaiserslautern, wo beim Stand von 0:0 keine Wechsel vorgenommen werden, um frischen Wind ins Spiel zu bekommen, bishin zu der Frage: Wie kommt es, dass seit einer gefühlten Ewigkeit von links immer Flanken aus dem Halbfeld ins nirgendwo getreten werden, unabhängig davon, wer da spielt (Schmitz, Silvestre, Boenisch… und bei Hartherz ist diese Tendenz noch nicht vollkommen ausgeprägt, aber erste Anzeichen sind da)?
    Da kommt der Verdacht auf, das geschieht auf Anweisung vom Trainer. Na ja, aber ich finde, wir sollten die Rückrunde abwarten und schauen, was für ein Fazit sich dann ziehen lässt. Und wer weiß, vielleicht schafft es TS ja doch nochmal, sowas wie Feuer und Spielbegeisterung unter den Spielern zu entfachen, auch wenn ich da ein Wenig das Gefühl habe, da ist der Wunsch, Vater des Gedankens.

  4. Zunächst: Freut mich, daß Du doch weiterblogst. Vielen Dank!

    Und dann noch eine Frage: Was ist eigentlich mit Borowoski los bzw. was ist die Prognose für seine Rückkehr in die Mannschaft? Und: Du erwähnst ihn nicht als einen Leistungsträger, der (wie Pizarro, Naldo und Hunt) schmerzlich vermißt wird. Hältst Du nicht viel von ihm?

    • Doch, ich halte viel von Borowski, aber er hat diese Saison noch überhaupt keine Rolle gespielt wegen seiner Verletzung. Hier ging es ja mehr um den Vergleich zur Hinrunde.

      Was eine Prognose zu seiner Rückkehr angeht, halte ich mich zurück. Ich bin da sehr skeptisch. Allerdings war ich das letzte Saison auch und dann kam er in der Rückrunde doch noch einmal zurück und war ein wichtiger Spieler. Wäre schön.

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