Nach dem Nordderby: Nürnberg der nächste Stolperstein?

Wie nimmt man eine Leistung aus einem Spiel mit ins nächste? Gibt es wirkliche Lerneffekte oder sehen wir lediglich gesteigertes Selbstbewusstsein auf dem Platz? Die beiden Borussias strotzen derzeit vor letzterem, aber ohne erstere wären sie wohl kaum in der Situation, in der sie nun sind.

Dass Werders Selbstbewusstsein nach dem Derbysieg gegen den HSV einen Sprung nach oben gemacht hat, dürfte unbestritten sein. Aber was hat die Mannschaft gelernt?

Kaum Veränderungen im Nordderby

Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich zuerst anschauen, was im Vergleich zu den Spielen zuvor anders war. Viel fällt mir da bei nüchterner Betrachtung kaum ein. Die Grundausrichtung unterschied sich nicht von den bisherigen Spielen dieser Rückrunde. Werder stand tief und verteidigte mit einer 4-3 Aufteilung in Angriff und Mittelfeld. Die deutlichste Umstellung war der speziellen Taktik des HSV geschuldet. Um gegen die Dreierreihe aus Inneverteidigern und einem der Sechser, die der HSV in Ballbesitz hinten aufbietet, die Passwege optimal zustellen zu können, zog Marin häufig auf die rechte Seite neben Rosenberg und Pizarro und bildete so eine schmale Dreierreihe als vorderste Defensivlinie.

Man kann dieses System sicher auch als 4-3-3 beschreiben, als klassisches 4-3-3 sogar, bei dem die Außenstürmer bei gegnerischem Ballbesitz nicht zu Mittelfeldspielern werden. Allerdings verdeutlichte dieser Kniff vielmehr die Loslösung von der Raute als felxibles System vergangener Jahre, hin zu einem klaren 4-3-1-2 mit eher defensiv besetzten Halbpositionen. Bei längeren Phasen des Ballbesitzes zeigt sich dann allerdings schon noch manchmal die alte Schaaf-Schule, so in einer Szene in der 1. Halbzeit gegen den HSV, als Bargfrede als hinterster Mittelfeldspieler auf halblinker Position 25 Meter vor dem gegnerischen Tor in Ballbesitz war. Solche Szenen sind mittlerweile allerdings mehr Ausnahme als Regel.

Verbesserte Feinabstimmung, fehlende Kreativität?

Was also war anders? Die Feinabstimmung innerhalb der Mannschaftsteile wirkte verbessert. Vor allem in der ersten Halbzeit kamen die Hamburger gegen das Bremer Defensivgebilde kaum zu Torchancen aus dem Spiel heraus. Überhaupt nur ein Gegentor aus dem laufenden Spiel in 2012 bislang und kaum einen gegnerischen Konter zugelassen. Das ist nicht mehr das anfällige Werder aus der Hinrunde. Das Tor des HSV war ein individueller Fehler von Fritz, der sich in der Mauer wegdrehte. Besonders gut zu sehen war die Abstimmung in den Laufwegen der drei Offensivspieler bei Ballgewinn. Werder spielte Konter schnell zu Ende, suchte konsequent den Torabschluss und der Ballführende Spieler schien jeweils zu wissen, wohin sich seine Nebenleute bewegen.

Problemkind Marko Marin konnte endlich wieder einmal überzeugen und lieferte seine vielleicht beste Saisonleistung ab. Ähnlich wie dem zu Unrecht kritisierten Markus Rosenberg liegt ihm das Konterspiel, zumal er sich dank der Dreifachabsicherung und der Umsichtigkeit eines Claudio Pizarro auch relativ frei von positionellen Vorgaben über den Platz bewegen durfte. Schon allein dieser Aspekt wirft die Frage auf, inwiefern sich die Leistung aus dem Nordderby überhaupt auf ein Heimspiel gegen ein Team aus der unteren Tabellenhälfte übertragen lässt.

Es ist kein Zufall, dass die – auch gefühlt – besten Rückrundenleistungen gegen starke Gegner zustande kamen, die einen Anspruch darauf erhoben, das Spiel zu machen. Wenn Nürnberg Werder diese Rolle überlässt, wird sich zeigen, inwiefern Werder schon aus der starren Grundordnung ausbrechen und ein Spiel gestalten kann. Gegen Hoffenheim scheiterte man über weiter Strecken daran, allerdings auch gelähmt vom frühen Rückstand. Werder ist geduldiger geworden, lässt sich nicht mehr so leicht aus der Grundordnung locken, das ist die positive Seite. Die negative ist das langweilige, statische Spiel, das wir in den letzten Wochen häufiger gesehen haben.

Für Nürnberg spielentscheidend: Die Außenbahnen

Gibt es für den Club etwas zu holen in Bremen?

Es wird interessant zu sehen, wie sich Nürnberg auf Werders tiefstehende Grundordnung und vorsichtige Spielweise einstellt. Dieter Hecking ist ein intelligenter Trainer, der sich nicht auf ein System versteift (obwohl er ein 4-1-4-1 bevorzugt), aber dennoch dem Club seine Handschrift verpasst hat. Trotz des enormen Aderlasses im Sommer hat er eine schlagkräftige Mannschaft zusammengestellt und arbeitet sehr pragmatisch mit dem zur Verfügung stehenden Spielermaterial. Mehr als das Saisonziel Klassenerhalt ist für sein Team jedoch nicht dran, dafür ist das Leistungsgefälle zu groß. Mit Wollscheid steht der nächste hochkarätige Abgang schon fest und auch Esswein dürfte bei dem einen oder anderen Verein weit oben auf der Einkaufsliste stehen. Die Aufgabe wird zukünftig nicht leichter.

Das größte Problem des Clubs liegt im Zentrum. Von Simons kommt wenig kreatives und Balitsch ist trotz seiner Erfahrung nicht beständig genug. Das Nürnberger Aufbauspiel lahmt auch deshalb, weil es durch die Mitte zu wenige genaue Vertikalpässe gibt. Auch im Hinrundenduell offenbarten die Nürnberger in Überzahl dieses Problem gegen einen tiefstehenden Gegner. Gegen Werders Raute wird man im Zentrum wenig Chancen haben. Das Ziel muss es vielmehr sein, das Spiel über die quirligen Außenspieler Esswein, Chandler oder Eigler in die Breite zu ziehen und so Werders Bollwerk in der Mitte aufzubrechen. Gegen Köln haben die Franken ihre Stärke auf den Flügeln aufblicken lassen und die Kölner so vor herbe Probleme gestellt. Die aufrückenden Außenverteidiger könnten Werder so häufiger in 1 vs 2 Situationen bringen und den kopfballstarken Pekhart mit Flanken einsetzen.

Eine Führung würde Nürnberg schon allein deshalb in die Karten spielen, weil dann mit zunehmender Dauer die Räume für schnelle Gegenstöße über die Flügel größer werden. Gespannt bin ich aber auch darauf, was sich Hecking gegen das abwartende Bremen einfallen lässt. Wird er es mit Pressing versuchen und voll dagegen halten oder eher versuchen, Werder aus der Defensive zu locken?

Bremer Pragmatismus als Gegenwartsmodell

Für Werder ist es bei aller Unvergleichbarkeit wichtig, die Funktionalität aus dem Nordderby zu erhalten. Es ist ein schmaler Grat zwischen schlauem, abwartendem Spiel und Langweilerfußball. Um ihn zu meistern, müssen die kleinen Dinge weiter verbessert, die Abläufe noch mehr verinnerlicht, die Laufwegen besser abgestimmt werden.

Manch einer wird sich morgen wieder wundern, warum Rosenberg in der Startaufstellung steht und nicht Arnautovic. Es liegt vor allem daran, dass Rosenberg sich in diesen Dingen gesteigert hat. Aus der öffentlichen Kritik bringen ihn nur Tore, doch beim Trainer macht er sich dadurch beliebt, dass er mit intelligenten Läufen und einem guten Blick für den Nebenmann das direkte Offensivspiel mit tragen kann. Trotz des Siegs im Nordderby ist weiter Pragmatismus gefragt.

Am Sonntag, den 26.02. ab 17 Uhr geht es beim 8. Grünweiß-Stammtisch über das Spiel gegen Nürnberg und die neusten Entwicklungen beim SVW.

Foto: firutin / Flickr

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